Alles smart und nachhaltig und nichts verstan...
 

Alles smart und nachhaltig und nichts verstanden

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Jenseits des HORIZONT

Smart City, Smart Grid, Smart Living, Smart TV und Smart Advertising. Wenn geht, nachhaltig und ökologisch korrekt. Und natürlich transparent, ein wenig ­zumindest. Wunderbare Wörterwelt. Gedankenlos nachgeplappert und nachgeschrieben. Die gleichen Wort- und Sprachkaskaden in allen Medien. Alles ist smart, dazu noch kompatibel mit Smartphones und Tablets, abrufbar über Smart-Handys und Smart Technologies.
Eine der Dimensionen, die Smart TV (diesmal sind die Geräte gemeint) bietet, ist der integrierte Zugang zum Web via TV und mittels simpler Handbedienung. Und App-Oberfläche. Industrie und Handel verzeichnen Rekordabsätze mit Smart TV.

Die Realität hinkt den smarten Welten und Technologien hintennach. Eine ­Stu­die, die zur ANGA präsentiert wurde, weist nach, dass ein Drittel der TV-Geräte gar nicht an das Internet angeschlossen ist und ein weiteres Drittel der Besitzer die Webfunktionen noch nie ­genutzt hat – trotz der scheinbaren Simplizität. Der Multitask-Konsument und Couch Potato scheint wohl überfordert. Oder desinteressiert.

Smart Meter, die interaktiven Energieverbrauchsablese- und -steuergeräte, die für eine bessere Verteilung der Lasten, sprich Abbau der Stromspitzen, sorgen sollten und verpflichtend einzusetzen sind, sind teuer in der Anschaffung. Sie amortisieren sich in einem durchschnittlichen Haushalt nach zehn bis 20 Jahren. Smartphones und Smart Apps dominieren den Markt. Von den zwei bis drei Dutzend Apps, die durchschnittlich auf Smartphones geladen werden, werden maximal fünf bis sechs auch regelmäßig genutzt. Die anderen sind schöne, semiquadratische Farbspiele.
Im Schnitt werden auch nur fünf bis sechs TV-Channels regelmäßig genutzt – bei einem Angebot von 600 bis 700 Programmen. Der Aufruhr ist allerdings hoch, wenn man dem Konsumenten ein oder zwei Sender aus dem Portfolio nimmt.

Der Multitasker-Mythos ist dennoch lebendig. Wer nicht vieles gleichzeitig ­erledigen kann, ist hilflos rückständig. Mag sein, dass er dafür nachhaltig ist.
Ebenso wie all jene smarten Geräte und Technologien, die angeblich aus nachhaltiger Produktion stammen. Da alles nachhaltig sein muss, fallen auch die Widersprüchlichkeiten in der Verwendung des Begriffes kaum auf.
Nachhaltig hat mit nachwachsend zu tun. Und kommt aus der Forstwirtschaft. Wer Holz verwertet, hat darauf zu achten, dass es nachwächst. Für die nächste und übernächste Generation. Nachhaltig denken ist Denken und Handeln über die eigene Endlichkeit hinaus. Nachhaltige Verbraucher können das ebenso wie nachhaltige Lebensmittel und Smart-Geräte per se nicht sein. Was gegessen ist, ist gegessen.

Wer nachhaltig sein möchte, möge das Wort seltener verwenden. Sonst ist es nicht nur gegessen. Aber nicht verdaut. Und schon gar nicht nachhaltig. Aber smart.

[Jenseits des HORIZONT]
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