Alles Konsum, Konsum über alles
 

Alles Konsum, Konsum über alles

Kolumne von Walter Braun

Wer sich durch die üblichen Konsumangebote durchgekauft und von den Erlebnisangeboten genug gekostet hat, braucht einen neuen Kitzel. Drei Beispiele: Der globale Markt für Verbrauchergesundheit wird auf circa 650 Milliarden Euro geschätzt. Diese gigantische Nachfrage zwingt Anbieter, mit ständig neuen Produkten/Dienstleistungen auf den Markt zu kommen. Jüngst gesichtet: Ernährungspsychiatrie. Das passt natürlich zu diversen Moden, etwa zur Quick-Fix-Kultur oder dem vom Internet geförderten Hang zur Selbstdiagnose. Dass hier systematisch schwere Krankheits­bezeichnungen wie Trauma oder ­Depression missbraucht werden, stört den anspruchsvollen Verbraucher natürlich nicht.

Gesundheit selbst ist zum ultimativen Produkt geworden. Im westlichen London gibt es einen Luxusfitnesstempel, der allerhand zu bieten hat, von exquisiter Lichtgestaltung (die Tageslicht imitiert und jeden möglichst gut aussehen lässt) bis zu gereinigter, sauerstoffangereichter Luft und Vitamininfusionen verabreicht von Krankenschwestern. Im angegliederten Café gibt es den Kaffee ohne Milch, dafür elegant mit Butter und Kokosöl. Mitgliedsgebühren sind gestaffelt, die teuerste kostet rund 26.000 Euro im Jahr. Ein richtiger Konsumwettbewerb: Gesund und schlank sind wir schon, die nächste Hürde lautet „rein“. Also wird gereinigt, was das Zeug hält.
Lohnt sich das? Durchaus. Laut jüngsten Statistiken können die reichsten fünf Prozent der Männer in Großbritannien mit einer Lebenserwartung von 96 Jahren rechnen (Frauen in dieser Schicht schaffen unglaubliche 98 Jahre im Schnitt).

Viel wüster treibt es die New-Age-Branche, die absolut alles feilbietet, was globale Kulturen im Laufe der Geschichte unter Religion, Mystik oder Spiritualität hervorgebracht ­haben. Esoterische Güter wie Erleuchtung, Weisheit, Empathie werden angepriesen wie Barcocktails. Die Szene ist gefüllt mit Scharlatanen, die sich neue „Therapien“ aus den Fingern saugen und Wunder gegen harte Münze versprechen. Deren Ausbildung und Praxis? Oft nicht viel mehr als ein schäbiger Wochenendkurs; das reicht vielen, sich als „Experte“ aufzuspielen. Da war der Ablasshandel der Kirche vergleichsweise ein sauberes Geschäft.

Jüngst im Angebot: Privater Schamane und reinigender Gifttrip. Ayahuasca ist schon wieder von gestern, jetzt braucht es einen Giftfrosch aus dem Amazonas, dessen hellgrüne Sekretion, genannt Kambo, natürlich nicht bloß als Medizin angepriesen wird, sondern als „Heilung von Geist und Seele“.
Eine weitere unverzichtbare Säule im Luxuskonsum: Geld muss heute Herz haben. Ergo Fairtrade und Co. Mit dieser Motivation lassen sich eventuell die seltsamen Vorgänge rund um die Einwanderer im letzten Sommer erklären. Öffentlich demonstrierte Sympathiekundgebungen haben allerdings wenig mit ­echtem Mitgefühl zu tun. Da drängt sich ein Verdacht auf: Ist Moral das ­ultimative Konsumprodukt?

[Walter Braun
stats