Adiós, Internatio­na­lismus, grüß Gott, Nachb...
 

Adiós, Internatio­na­lismus, grüß Gott, Nachbarschaft

Kolumne von Walter Braun

Ist es nicht so, dass wir allzu oft von einer Kaste weltfremder Berufspolitiker und Bürokraten drangsaliert werden, deren Beurteilung der Welt weit danebenliegt? Die französische Elite hat immer sehr in Richtung engere Integration auf europäischer Ebene gedrängt: Teilt das gesamte Land die Anschauungen aus Paris? Dem Anschein nach nicht. Der Trend im ländlichen Frankreich verläuft in Richtung Betonung der lokalen Identität. Hier geht es nicht um politische Slogans („Europa der Regionen“), sondern um Lebenswirklichkeit.

Der forcierte Internationalismus der letzten Jahrzehnte hat betont lokale ­Haltungen als rückständig diffamiert. Dieser Aburteilung zum Trotz wagen es mehr und mehr Menschen, sich zu ihrer Liebe zu dem Flecken Land, auf dem sie aufgewachsen sind, zu bekennen. Während sich Großstädter zwangsweise in einer diffusen und variablen Identität einrichten, da städtisches Umfeld sich immer wieder wandelt, bleiben ländlichere Gegenden von diesen häufigen sozialen und ästhetischen Umbrüchen eher unberührt. Wenn Weinbauern auf Herkunftsunterschiede pochen, drücken sie damit nicht nur Geschmack und Vermarktungssinn aus, sondern ehrliche Verwurzelung, wogegen eine Weindebatte unter Städtern bloß Attitüde ist.

Ob Huhn oder Schwein oder Milchprodukt: Qualität wird nun intensiv mit Herkunft in Bezug gebracht. Ein Joghurt im Glas von La Ferme du Manège unterscheidet sich von einem Danone-­Joghurt im Plastikbecher nicht bloß äußerlich. Statt regionale Unterschiede in einem gesamteuropäischen Superstaat einzuplätten, werden sie nun hervor­gekehrt. Interessanterweise entspricht eine solche Haltung einer alten Idee: In der chinesischen Philosophie wurde (nichttechnisches) Wissen als kontextgebunden, keineswegs als global gültig erachtet – im Gegensatz zu den Europa prägenden universellen Vorstellungen von Plato, Kant und des Christentums.

Obwohl die Betonung von Herkunft und Örtlichkeit politisch als konservativ gilt, ist diese Entwicklung von jungen Grünen und Linken aufgegriffen worden. Es geht nicht bloß um organischen Anbau, sondern um natürlich gewachsene Vielfalt. Ein Beobachter meinte, es finde hier eine stille Verschwörung von Bauern, Kunsthandwerkern, Wohlhabenden und bürgerlichen Bohemiens statt, die bereit sind, für Authentizität Geld auf den Tisch zu legen. Im Bereich Lebensmittel ist dies sicher der dominante Trend (selbst in Neuseeland!).
Steckt da mehr dahinter, beginnt hier ein grundlegendes Umdenken? Frage an alle HORIZONT-Leser: Ist das Verlangen nach Originalem, nach Echtheit, nach Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit bloß eine Modeerscheinung oder ein ­sozialer Trend, der das europäische ­Lebensbedürfnis ausdrückt? Oder bewegen wir uns auf einen Super-Eklektizismus zu, der solarstrombetriebenes Auto, Nomadenzelt und Kernöl locker unter ­einen Steirerhut bringt?

[Walter Braun]
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