AdBlocker und die Folgen
 

AdBlocker und die Folgen

Kolumne von Walter Braun

Vor rund einem Monat sind die Die Zeit und das Handelsblatt in Hamburg in den Ring gestiegen. Als nächstes probierten es RTL and ProSiebenSat.1 in München: Alle haben sie verloren. Demnächst wird Springer in Köln vor Gericht ziehen.
Die deutschen Medienriesen wie Goliath gegen einen David, der erst seit vier Jahren auf der Welt ist, nämlich die Firma Eyeo. Anlass der Beschwerde: ein Plug-in. Es geht um AdBlock, das den deutschen Medien­riesen ein Dorn im Auge ist. Die Argumentation der Klagsführer war ein wenig an den Haaren herbeigezogen: Die werbeunterdrückende Software sei wettbewerbsverhindernd.

Es steht aber viel auf dem Spiel: Gratis angebotene Medieninhalte, die sich ausschließlich durch Werbung finanzieren, sind das Standardmodell im Web. Das hängt nun in der Luft. Nach dem juristischen Sieg versprach ein Eyeo-Vertreter, mit den Medienanbietern zusammenzuarbeiten, um weniger aufdringliche Werbung zu fördern. Eyeo führt eine ‚Positivliste‘, die gewisse Werbung durchlässt. Unter den Kriterien: keine Animation, keine Pop-ups, keinerlei Ton. Um auf diese weißgewaschene Liste zu kommen, ist allerdings eine ‚Unterstützungsgebühr‘ bei den Werbetreibenden fällig.

Klingt wie Schutzzoll-Piraterie. Dort liegt aber nicht das Problem. AdBlock wurde angeblich bereits 400 Millionen Mal heruntergeladen. Es kommt schlimmer: Einer unveröffentlichten Erhebung zufolge steigt der Einsatz von werbeunterdrückender Software exponentiell an. Besonders in Holland und in Deutschland, wo 40 Prozent das werbeverhindernde Knöpfchen installiert haben. In den USA sind bloß 15 bis 17 Prozent der Webnutzer werberesistent. Besonders alarmierend: Von den Millennials (geboren zwischen 1980 und 2000) werden Werbeblocker doppelt so häufig eingesetzt.

AdBlock Plus ist nicht die einzige Werbeunterdrückungs-Software; der Firefox-Browser von Mozilla lässt ebenfalls eine „Tracking Protection“ aktivieren. Die wird sogar positiv ausgelobt (Websites laden dann um über 40 Prozent schneller). Aus Kanada kommt das elegante uBlock. Angeblich planen auch Telekoms, Werbeunterbrecher einzusetzen. Argument: Werbung frisst viel Bandbreite, und bloß Google & Co. verdienen daran.

Keiner traut sich’s zu sagen, aber anonymer Gratiskonsum von anspruchsvollen Inhalten geht seinem Ende zu – entweder weil die Anbieter das Handtuch werfen oder unbezahlte Zugriffe erschweren werden. Die Werbewirtschaft ist aufgerufen, sich von ihrer Programmatic-Besessenheit zu befreien – automatisierter Werbemüll ist nicht die Zukunft …

Lesetipp: How Music Got Free: What Happens When an Entire Generation Commits the Same Crime, von Stephen Witt

[Walter Braun]
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