Achterbahnfahrt im Kinosessel
 

Achterbahnfahrt im Kinosessel

Die Tasche war noch nicht im Fußbereich verstaut, schon machte es Klack und Ruck und das gesamte Kinopublikum lag in seinen Stühlen wie die Maikäfer auf dem Rücken, um nach einem allgemein-hysterischen „Huch“ wieder nach vorne katapultiert zu werden.

Die Tasche war noch nicht im Fußbereich verstaut, schon machte es Klack und Ruck und das gesamte Kinopublikum lag in seinen Stühlen wie die Maikäfer auf dem Rücken, um nach einem allgemein-hysterischen „Huch“ wieder nach vorne katapultiert zu werden. Aha. So ist das also in einem 5D-Kino. „3D spüren und riechen“ lautete die Premi­eren-Ankündigung in der Lugner Kino City. Mit großen roten Brillen à la Puck die Stubenfliege harrten wir der Dinge und wurden aufgefordert, die Luftdüsen an unseren Armlehnen zu uns zu stellen. Es begann zu schneien – im Raum. Unwillkürlich haschten alle nach den Schneeflocken und griffen ins Leere. „Santa Claus und der Schneemann“ begann: Ein Schneemann entdeckte die Weihnachtswerkstatt und war ganz angetan.

Ein Tablett mit Lebkuchen und Punsch wurde dort hereingereicht, dem Publikum lief das Wasser im Mund zusammen, denn aus der Armlehne duftete es – ein wenig synthetisch – nach Weihnachtserinnerungen. Doch der Schneemann sah eine Flöte, schnappte sie sich und floh. Ein wie im Kriegsfilm ausgestatteter Weihnachtsmann schickte seine Armee aus. Eine wilde Verfolgungsjagd auf Snow-Mobilen durch die Hügel von Eisland folgte, die Sitze ruckelten in Anlehnung an das Gelände, ein Sprung über eine Kante und das Publikum nahm wieder die Maikäferhaltung ein. Bei der Fahrt durch den Tannenwald roch es nach Tannennadeln – Duft made in China. Und als der Schneemann einen langen Hang hi­nunterrutscht, bläst uns kühler Wind ins Gesicht – und wieder ein technisch laut hörbarer Ruck im Sessel beim Aufprall.

20 Minuten dauerte die Vorstellung. Zehn Minuten hätten zur Demonstration gereicht, denn danach wurde die hölzerne Achterbahnfahrt unan­genehm. Und dennoch war es ein interessanter Besuch, zeigt er doch, was in ein paar Jahren in Sachen Kino-Erlebnis möglich wäre. Dabei müsste sich die revolutionäre Stuhltechnik evolutionär aber noch zu einer sanften Hängemattentechnik entwickeln und die Geruchsdesigner sich vorher im echten Wald inspirieren lassen. Dann passt’s vielleicht auch mit einem stimmigen Kino-Erlebnis. Auf jeden Fall: weitermachen.

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