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Wrabetz: "Natürlich müssen wir uns bewegen"

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ortet in der Gebührendebatte weitere Aspekte, die den gesamten Medienmarkt betreffen.
© Sebastian Reich

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz spricht mit HORIZONT über die Auswirkungen der Gebührendebatte anlässlich der No-Billag-Abstimmung.

Dieses Interview erscheint auch in HORIZONT Nr. 10/2018. Noch kein Abo? Hier klicken!

HORIZONT:Über die Rolle von öffentlich-rechtlichen Sendern wird in ganz Europa diskutiert. Woher kommt diese Grundsatzdebatte?

Alexander Wrabetz: Auf der einen Seite gibt es die immer größer werdende Gruppe von Populisten, die einen sehr kritischen Zugang zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben. Auf der anderen Seite gibt es die Gruppe der jungen Neoliberalen, die mit allem Öffentlichen generell nichts anfangen können. Das war auch im Vorfeld der Abstimmung in der Schweiz so, in Deutschland wird das Thema von der AfD getrieben und bei uns von NEOS und der FPÖ.

Letztere spricht sich massiv gegen die Gebühren aus, was jüngst auch deutsche Journalisten auf den Plan gerufen hat – verteidigend für den ORF. Geht es bei der Debatte tatsächlich um eine Richtungsdiskussion?

Über das tatsächliche Thema wird nicht gesprochen: Das traditionelle Geschäftsmodell der Zeitungen ist stark unter Druck. Einerseits sinken die Abozahlen und Werbeerlöse, andererseits gibt es wenig Bereitschaft für Pay-Content im Onlinebereich. Das ist eine Bedrohung für die demokratische Vielfalt und ernst zu nehmen. Es ist aber ein Irrglaube, dass ein Beschneiden des ORF es den Verlegern leichter macht. Das hat auch schon in der Vergangenheit nicht funktioniert. Was wir brauchen, ist ein echter Schulterschluss der österreichischen Player mit einer nachhaltigen Strategie, die beiden Seiten etwas bringt.

Ist das eine Sondersituation, in der sich Österreich befindet?

Die Gesamtentwicklung zeichnet sich in ganz Europa ab. In Österreich haben wir allerdings insofern eine Sondersituation, als es erstens mit Dietrich Mateschitz einen Mäzen gibt, der derzeit mit sehr viel Geld Medien macht – aber darauf lässt sich keine Medienpolitik für die nächsten zehn Jahre aufbauen. Zweitens gibt es deutsche Werbefenster-Konzerne, die in Österreich derzeit auch Information machen, sich gesamteuropäisch gesehen aber aus dem Fernsehgeschäft zurückziehen und in Beteiligungen und New Business investieren. Und drittens gründen parallel mehrere Zeitungsverleger Fernsehsender – im Wissen, dass sie diese ohne öffentliche Unterstützung nicht zu einem Geschäft machen können.

Fürchten Sie also eine Kampagne von Verlagen und FPÖ beziehungsweise Neos?

Ich fürchte mich nicht, aber das ist sicherlich ein mögliches Szenario. Allerdings positioniert sich der Zeitungsverlegerverband ja nicht gegen die Gebühren. Trotzdem ist es eine Herausforderung. Wenn sich die geballte Zeitungsmacht gegen uns stellen würde, hätten wir es mit Argumenten wohl schwer.

Welche Rolle haben die Privatsender in der Debatte?

Es wäre schön, wenn wir in Diskussion gehen könnten und gemeinsam für einen gut aufgestellten Fernsehmarkt kämpfen, zum Beispiel gegen die Übermacht der Pay-TV-Anbieter im Rechtewettbewerb. Es geht ja niemandem darum, den Öffentlich-Rechtlichen abzuschaffen, sondern um ein Stück des Kuchens.

Sprechen Sie damit Kooperationen an oder Gebührengeld? Medienminister Gernot Blümel sprach sich jüngst erneut für Kooperationen aus.

Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, öffentlich-rechtliche Inhalte über private Kanäle zusätzlich zu verbreiten, aber als Gesamtmodell wäre das problematisch. Das würde zudem dem Auftrag zuwider laufen, unverwechselbar zu sein. Es geht um das Geld der Gebührenzahler, das kann man nicht Privatunternehmen schenken, damit diese mehr Reichweite beziehungsweise Gewinn machen.

Demnächst wird eine Medien-Enquete stattfinden, bei der darüber sowie über die Gebühren diskutiert werden wird. Welche Gespräche gibt es im Vorfeld?

Mit der Politik müssen wir die Eckpunkte abstecken, mit dem VÖZ Gemeinsamkeiten definieren und mit den Privatsendern in die Diskussion gehen – etwa im Bereich der verpflichtenden Inhalte für Free-TV. Hier geht es um Sportrechte, und wir sollten im Sinn der Programmvielfalt für unser Publikum nicht milliardenschweren Konzernen aus Übersee ausgeliefert sein. Es sollen wichtige Bewerbe wie Skisport, Spiele der Fußballnationalmannschaft und eine Mindestanzahl an Bundesligaspielen im Free-TV verbleiben.

Zurückkehrend auf die Entwicklung in der Schweiz: Erwarten Sie ein Referendum zur GIS-Gebühr in Österreich?

Wir müssen uns jedenfalls so vorbereiten, als würde ein solches kommen. Allerdings hat, wie man in der Schweiz gesehen hat, der öffentlichrechtliche Rundfunk eine starke Basis. Aber natürlich müssen wir uns bewegen und Sparmaßnahmen setzen – was wir schon tun, denn bis 2021 werden wir insgesamt seit 2007 rund 1.000 Mitarbeiter abgebaut haben – und Kostentransparenz aufweisen, den Menschen auch erklären wofür sie zahlen. Es geht darum, mit dem Publikum in Interaktion zu treten und auf seine Wünsche einzugehen. 

Mehr zum Thema:

>>> VÖP-Geschäftsführerin Corinna Drumm: "Rechne mit Entscheidungen noch heuer"

Schwerpunkt: Die Debatte um die Öffentlich-Rechtlichen  

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