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Wrabetz forciert sechs Allianzen

Alexander Wrabetz
© Sebastian Reich (3)

5G, Vermarktung, Log-in, Streaming, Content, Forschung: Der ORF-Chef spricht im Interview über die Details seiner Wunsch-Bündnisse – sowie über die Führungsstruktur, Internas und das politische Umfeld.

Dieses Interview ist zuerst in Ausgabe Nr. 6/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im Interview über die Allianzen, das Regierungsprogramm, Postenbesetzungen, die Gebührendebatte sowie die neue Führungsstruktur.

HORIZONT:Postenbesetzungen, Board- System, der Druck auf die Öffentlich-Rechtlichen in ganz Europa – welcher dieser Bereiche nimmt Sie derzeit am meisten in Anspruch?

Alexander Wrabetz: Es sind tatsächlich fordernde Zeiten, doch dabei geht es darum, den ORF gut aufzustellen und klarzumachen, dass wir mitten in einem Erneuerungsprozess stehen.

… aktuell in welchem Bereich konkret?

Im Programm, aber auch in der Struktur. Es geht darum, Beiträge zu leisten, die den Medienstandort Österreich erneuern und nachhaltig stärken. Details dazu haben wir in einer zweitägigen Klausur erarbeitet und in einer Roadmap festgehalten.

Welche Details umfasst diese?

Viele haben in der jüngsten Zeit von Schulterschlüssen gesprochen. Wir wollen konkret sechs Allianzen zusammenbringen, die wir schon thematisiert haben aber nun konkretisieren müssen: Zum Ersten im Bereich von 5G. Hier wollen wir gemeinsam mit den Privatmedien klarer formulieren, welche Erwartungen und Möglichkeiten wir als Medienanbieter dadurch haben. Zum Zweiten forciere ich eine Streamingallianz – es geht um unsere Positionierung gegenüber den Telkos. In Angeboten von etwa A1 werden manche österreichischen Inhalte beinahe diskriminiert, weil man für sie extra bezahlen muss und für internationale Streamingportale kein Datenvolumen verrechnet wird.

Das gilt aber dann wohl auch für die Privaten.

Ja, und wir wollen da ja auch keinen Alleingang machen. Wir kooperieren mit den Telkos nur, wenn sie auch die anderen österreichischen Onlineund Privatangebote mitnehmen. Das streben wir auch in der Vermarktung an: Die dritte Allianz betrifft nämlich den Bereich Austrian Marketplace.

Dieses Projekt steckt seit Herbst in der Pipeline. Es geht um die Details, das Sharing, die Organisation. Woran hakt es?

Es sind gesetzliche Voraussetzungen dafür notwendig. Ich glaube, dass es mit wichtigen potenziellen Partnern hier einen guten Informationsaustausch und gemeinsamen Willen gibt. Offensichtlich gibt es dazu auch Überlegungen im Ministerium und bei der BWB. Hier arbeiten wir an Modellen, aber müssen auf betreffende Rahmenbedingungen noch warten.

Auf die geplante „Medienenquete“?

Ich hoffe, dass es dort Thema sein wird. Im Vorfeld aber brauchen wir einen Konsens in der Branche – in diesem Fall vor allem mit dem VÖZ, da dort ja hauptsächlich die relevanten Contentplattformen vereint sind. Man muss die Vorteile unterstreichen, die sich durch eine Teilnahme ergeben. Das ist eng geknüpft an einen eigenen Österreich-Log-in – das ist die vierte der sechs Allianzen, die ich anstrebe: die Log-in-Allianz, die wir im Zusammenhang mit der kommenden Datenschutzgrundverordnung und ePrivacy-Richtlinie benötigen.

Eine solche Log-in-Allianz, wie es sie in Deutschland mit RTL, ProSieben und United Internet gibt?

Ähnlich. Es geht um eine Lösung für österreichische Log-ins. Da hat es nur Sinn, wenn der ORF dabei ist und es vorantreibt.

… was für den ORF aber weniger gewinnbringend wäre als für die anderen Teilnehmer.

Wir sind Treiber des österreichischen Medienmarktes und haben eine Verantwortung für die Weiterentwicklung des Medienstandortes. Das bedeutet auch, dass der ORF diese Verantwortung besser tragen kann, wenn er die Möglichkeit hat, andere zu unterstützen. Dann hat man automatisch selber was davon.

Alexander Wrabetz
(c) Sebastian Reich

Die internationalen Player, die den Markt unter Druck bringen, sind allerdings nicht erst seit gestern am Markt. Seit Jahren hätte man hier Allianzen schmieden können. Wieso gerade jetzt?

Gespräche gab es ja in den vergangenen Jahren immer wieder, jetzt aber fokussiert es sich. Zum Beispiel bei der Videoaustauschplattform – die habe ich bereits schon bei der VÖZ-Klausur vor vier Jahren angekündigt. Tatsächlich gestartet ist sie vor einem Jahr. Auch andere Themen sind nicht neu, aber die Fragestellungen haben sich etwas verändert: Datenschutz-Grundverordnung und ePrivacy-Richtlinie erfordern jetzt ein Agieren. Entweder schaffen wir eine österreichische Medienlösung oder wir lassen gleich Google und Facebook alles alleine machen. Ich glaube, die Zeit ist reif. Wir sind in Österreich ein Zwergerlverein und werden nur gehört werden, wenn wir uns zusammentun.

Minister Gernot Blümel sagte in einem Interview dem Standard: „Der ORF sollte ein Schuhlöffel für Private sein“. Was sagen Sie dazu?

Da liegt sicher die Wahrheit im Detail. Bei einer gemeinsamen Vermarktungsplattform kann ich mir schon vorstellen, dass es eine gewisse asymmetrische Ausschüttung gibt – im Sinne eines Förderelements. Was ich mir schwer vorstellen kann, ist, dass wir als ORF Geld verdienen und dann alles verschenken.

Was halten Sie denn grundsätzlich von den Vorstellungen des neuen Medienministers?

Ich glaube, er hat klare Vorstellungen von der Bedeutung, die die Weiterentwicklung und Absicherung des österreichischen Medienmarktes hat. Und so, wie ich ihn kennengelernt habe, ist er an einem Dialog interessiert, an einem Einbeziehen aller Stakeholder. Und das er hat erkannt hat, dass bestimmte Dinge – nicht alle, es soll ja kein Einheitsbrei entstehen – sich nur durch Zusammenarbeit der Marktteilnehmer entwickeln werden.

Das war unter Minister Drozda nicht so?

Ich möchte keine Vergleiche anstellen. In der letzten Regierung ging es im Medienkapitel auch um Absicherung eines dualen Systems und der Medienvielfalt, jetzt werden Gemeinsamkeiten und Zusammenarbeit im österreichischen Standort besonders betont.

Wenn man eine Entlastung will, dann gäbe es also schon Felder für die Politik.

Bei den Regierungsverhandlungen waren auch die Gebühren Thema. Es wurde der Vorschlag gebracht, sie aus dem Bundesbudget zu finanzieren. Vorerst scheint das wieder vom Tisch zu sein, allerdings lehnt Gernot Blümel auch eine Haushaltsabgabe ab. Dennoch sollen die Gebührenzahler entlastet werden. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier noch?

Wir müssen in den kommenden Wochen darlegen, dass das Geld bei uns gut investiert wird, um unsere Aufgabe für den Medienstandort und auch für das Publikum zu erfüllen. Aber es ist ein Problem, dass der Gebührenzahler auch noch Bund und Länder zu einem Drittel der ORF-Gebühren mitbezahlt.

Sie meinen damit den so genannten Kulturgroschen?

Es sind aber keine Groschen, sondern es ist in Summe ungefähr ein Drittel der Einnahmen, also rund 300 Millionen Euro. Wenn man eine Entlastung will, dann gäbe es also schon Felder für die Politik – was realistisch gesehen aber nicht ganz einfach wird, in Anbetracht der Budgetsituation, in der sich Bund und Länder befinden.

Wäre die Privatisierung einzelner ORF-Sender eine realistische Variante?

Nein. Da bin ich sehr froh, dass das jetzt mit dem Regierungsübereinkommen vom Tisch ist und beim ORF keine Senderprivatisierungen stattfinden. Jetzt gehe ich mal davon aus, dass die Regierung sich daran halten wird.

Kommen wir zu ORF-Internas. Es wird von einer Strukturänderung, weg vom Alleingeschäftsführer, hin zu einem Board gesprochen. Sie sind seit mehr als elf Jahren Generaldirektor, was sagen Sie dazu?

Man wird sehen, wie und wann der Gesetzgeber das genau formuliert. Ich führe ja jetzt schon sehr stark im Team und auch sehr konsensorientiert – was mir manchmal vorgeworfen wird. Wenn es also in die Richtung eines Boards geht, ist das nichts Neues. Aber es muss klar sein, dass klare Entscheidungen getroffen werden können.

Es wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie konsensorientiert sind?

In dem Sinne, dass ich immer viele einbeziehe, anstatt autoritär zu entscheiden und Entscheidungen daher auch manchmal etwas länger dauern. Dafür werden sie in der Regel dann auch mitgetragen, was mir wichtig ist.

Wie bei den Channelmanagern, zum Beispiel?

Die jetzt ausgeschrieben werden. Ich bin nicht der Alleinherrscher, der entscheidet, ohne mit anderen zu reden. Wenn es also künftig ein Vorstandsteam im ORF geben soll, müssen ja auch die Verantwortungen klar verteilt werden. Und es muss sichergestellt sein, dass man das Unternehmen am Ende des Tages strategisch gut führen kann.

Die Board-Mitglieder sind dann aber gleichberechtigt. Meinen Sie damit also das Dirimierungsrecht bei Stimmengleichheit?

Das ist die Frage, wie das ausgestaltet ist.

Wie meinen Sie das?

Es geht darum, welche Kompetenzen dem Generaldirektor zugeordnet sind. Das ist das Entscheidende. Denn wie die einzelnen Direktoren ihre Bereiche führen, ist ja jetzt bereits überwiegendst ihnen überlassen. Es geht darum, wer die Strategie vorgibt und es geht um Entscheidungen im Krisenfall bei divergierenden Interessen.

Bei einem Board mit mehreren Mitgliedern kann ein Einzelner aber überstimmt werden. Außer das Board besteht aus zwei Personen, wovon einer ein Dirimierungsrecht innehat. Dann aber könnte man ja gleich beim Alleingeschäftsführer bleiben.

Man muss da zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist ein Vieraugenprinzip: Wenn es zwei Mitglieder sind, muss am Schluss trotzdem einer entscheiden, sonst droht eine dauernde Blockade. Aber ich glaube, die jetzigen Überlegungen gehen ohnehin in die Richtung, dass es mehrere sein werden.

Finanz-Vize Roland Weissmann und Technik-Vize Thomas Prantner gelten als Fixstarter.

Ich beteilige mich nicht an Personalspekulationen, das überlasse ich gerne den Medienjournalisten.

Wie wahrscheinlich bekommen sie einen Sitz im Board?

Dazu äußere ich mich nicht. Erst einmal kommt die Enquete. Dann wird man sehen, wann ein Gesetz kommt und wann Neuregelungen in Kraft treten. Das Wohl des ORF im kommenden Gesetzeswerdungsprozess hat für mich absolute Prioriät. Jetzt ist es jedenfalls zu früh zu spekulieren – ich glaube, bei ORF-Wahlen und Bestellungen kenne ich mich aus. ORF-Bestellungen entscheiden sich zumeist in der letzten Nacht und nicht ein bis zwei Jahre vor einer Entscheidung.

Alexander Wrabetz
(c) Sebastian Reich

Wie geht es indes mit der Infokompetenz weiter?

Im Channel-Prinzip wird die Info von einer zentralen Fernsehinfo zu einer ORF-eins- und ORF-2-Info mutieren. Da gibt es keinen übergeordneten Infodirektor.

Die Channelmanager sollen unserem vergangenen Interview zufolge direkt Ihnen unterstellt sein. Welche Rolle hat die Fernsehdirektion dann?

Ihr unterstehen wesentliche Contentbereiche wie Film und Serien, Unterhaltung und Kultur, die die Channels beliefern und ist für die Formatentwicklung zuständig. Als Kreativmotor für alle Programme.

Wie geht es eigentlich dem Bauprojekt, sprich „Küniglberg neu“ und „trimedialer Newsroom“?

Wir werden dem Stiftungsrat im Frühjahr wie angekündigt den Plan B zur Beschlussfassung vorlegen. Wir bauen kein großes Zusatzgebäude wofür wir eine geänderte Flächenwidmung gebraucht hätten, die wir nicht bekommen haben und auch realistischerweise nicht bekommen würden. Jetzt planen wir um, indem wir in bestehende Kubaturen hineinbauen. Damit werden wir vielleicht sogar schneller fertig werden.

Ich habe FM4 mitgegründet. Wir werden es weiterentwickeln, aber sicher nicht aufgeben.

Schneller heißt wann?

Dass alles im Idealfall bis 2021 fertig ist. Dann kann FM4 in das Baugebäude Zwei ziehen.

Wenn es FM4 noch gibt. Was hat es mit den Gerüchten zur Einstellung des Senders auf sich?

Ich habe FM4 ja mitgegründet. Wir werden es weiterentwickeln, aber sicher nicht aufgeben. Im Übrigen wurde ja von allen Seiten bestätigt, dass diese Gerüche ohne Grundlage sind.

Kommen wir nochmals auf Ihren Willen für Allianzen zurück. Betrifft das eigentlich auch Sportlizenzen? Die Deals dafür werden immer teurer, nicht zuletzt wegen neuer Player, die auf den Markt drängen.

Wir werden sehr dafür arbeiten und kämpfen, dass Premium-Sport ein wichtiger Teil unseres Programmangebots bleibt und wir sind jetzt froh, dass wir bis 2020 die Formel 1 haben. Die Fußball-WM heuer wird sicher ein Highlight und die Nationalmannschaft werden wir auch die nächsten Jahre haben sowie die Olympischen Spiele und den Skisport. Dass wir die Bundesliga und die Champions League nicht haben, ist bedauerlich, aber war nicht anders möglich bei den Geldsummen, die hier im Spiel waren. Wir führen aber Gespräche mit Sky, dass wir die Highlight-Berichterstattung von der Bundesliga behalten können. Das ist noch nicht ganz abgeschlossen.

Neue Marktteilnehmer treiben den Preis nach oben. Wir bewegen uns in Dimensionen, in denen es unmöglich scheint, diese Beträge mit Abschlüssen neuer Abos zu kompensieren. Insofern könnte die Taktik internationaler Bieter sein, den klassischen TV-Markt Österreich schwächen zu wollen.

Das ist ein Match von vier Herren – Herrn Malone von der Discovery- Gruppe, Herrn Murdoch mit Fox und Sky, Herrn Blavatnik von DAZN und Herrn Wang Jianlin von der Wanda Group in China – die versuchen, diesen Markt der Sportrechte unter sich aufzuteilen, mit enormen Geldern. Teilweise ist es wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, mit welchen Summen hier hantiert wird, sondern hochspekulativ. Sportrechte entwickeln sich ein bisschen wie Bitcoins. Da wird es noch hier und dort ein böses Erwachen geben, wenn man realisiert, dass sich die Summen nicht refinanzieren lassen über Abos – auch für die Ligen und Vereine.

Wie könnte eine Lösung dafür lauten?

Ich glaube, dass die EU gut beraten wäre, die Liste der Events, die im Free- TV sein müssen zu erweitern, damit nicht alles hinter einer Pay-Schranke verschwindet. Das ist ja auch eine soziale Frage. Im Übrigen ist es auch nicht nachhaltig für den Sport. Da geht es um Sponsorgelder und die Finanzierung der Vereine.

Ist die fünfte der sechs von Ihnen angestrebten Allianzen also eine Lizenzallianz?

Nein (schmunzelt). Eine Forschungsallianz.

Wie genau soll die aussehen?

Es soll einen Zusammenschluss von österreichischen Lehr- und Forschungseinrichtungen mit den heimischen Medien geben, um dem enormen Wettbewerbsdruck durch internationale Konzerne gemeinsam etwas entgegen zu setzen.

Und die sechste Allianz?

Ist eine Contentallianz. Im Grunde genommen also das, was wir mit der APA-Video-Plattform gestartet haben, die sich ja gut entwickelt, einfach noch weiter entwickeln und ausbauen.

Noch eine wichtige Frage zum Schluss: Wer wird Fußball- Weltmeister?

Ich lass ich mich überraschen und freue mich auf eine spannende und hochklassige WM.

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