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‚Wir wollen nicht more of the same produzieren‘

schauTV-Geschäftsleiter Matthias Hranyai und Thomas Kralinger, Geschäftsführer Kurier Medienhaus und schauTV. (v.l.n.r.)
© Jürg Christandl

Die schauTV-Verantwortlichen Thomas Kralinger und Matthias Hranyai über Umstrukturierungen und Positionierung, neue TV-Formate von Motor bis Futurezone, den eigenen Quoten-Plafond, langfristige Pläne zur kostendeckenden Führung des Senders und die Strategie des Reichweitenausbaus über das Kerngebiet hinaus.

 

Bereits im Zuge der Übernahme von schauTV durch den Kurier im Jahr 2017 kündigte Geschäftsführer Thomas Kralinger Programminvestitionen, neue Formate und die Etablierung der „Kurier News“ an. Gut eineinhalb Jahre später ziehen Kralinger und Geschäftsleiter Matthias Hranyai Bilanz, kündigen weitere neue Formate für demnächst an, erläutern Umstrukturierungen samt notwendiger Kündigungen, die intern für Aufregung sorgten, und sprechen über ihre Strategie, den Sender über die Ostregion hinaus verankern zu wollen.    


Horizont: Im Jänner hat sich der Kurier von den Nachrichtenredakteuren bei schauTV getrennt. Vier Mitarbeiter sollen betroffen sein. Der Betriebsrat zeigte sich „fassungslos“. Was entgegnen sie dem? 
THOMAS KRALINGER:  Es ist die Aufgabe eines Betriebsrats, Arbeitnehmerrechte zu vertreten. Ich war dennoch etwas verwundert, dass man sich solche Dinge nicht innerhalb eines Unternehmens ausrichtet. Um die Kirche im Dorf zu lassen: Wir haben bei schauTV über 25 Mitarbeiter und den Personalstand seit der Übernahme des Senders auch aufgestockt. Wir haben in den ersten Monaten gemerkt, wie schwierig es sich gestaltet, die „Kurier News“ mit Alleinstellungsmerkmal aus der schauTV-Redaktion zu produzieren und daher umstrukturiert. Die Nachrichten werden seit 1. 2. in der Kurier-Redaktion produziert, die unabhängig und abgesichert durch ein Redaktionsstatut ist. Ich sehe da keine qualitativen Verschlechterungen, ganz im Gegenteil. 


Wird es weitere Umstrukturierungen dieser Art geben?
KRALINGER: Wir produzieren in der schaumedia alle anderen Inhalte, lediglich die Nachrichtenelemente kommen nun eben aus der Kurier-Redaktion. 
MATTHIAS HRANYAI: Hier verschmilzt die journalistische Kompetenz des gesamten Hauses mit der Produktion der schaumedia zu einem täglichen Format, fünfzehn bis zwanzig Minuten lang, mit tagesaktuellen News inklusive dem Newsformat „Warum eigentlich“. Dazu kommt zumindest zwei Mal in der Woche der „Kurier Talk“ mit Hintergründen, Erklärstücken etc. 


Im regionalen Segment gibt es tendenziell Luft für Inhalte und Seherschaft, im klassischen Nachrichtensegment eher ein Überangebot. Wie sollen die „Kurier News“ da reüssieren?
KRALINGER: Man sieht an den Nachrichtensendungen großer Sender, dass die Produktion von Nachrichten sehr kostenaufwendig ist. Es hat also keinen Sinn zu versuchen, mit den Marktführern mitzuspielen, weil das aus Kostensicht qualitativ nie darstellbar ist. Wir wollen daher einerseits den Kompaktüberblick mit unseren  Nachrichten abbilden und andererseits mit eigenständigen Hintergrundsendungen punkten – vergleichbar mit Talkformaten, die man auch auf anderen Sendern sieht, die sich von der breiten Nachrichtensituation unterscheiden und kostengünstiger zu produzieren sind. 


Abseits der Nachrichtenschiene: Welche Schwerpunkte werden Sie hier setzen?
HRANYAI: „schauLeben“ ist ein gutes Beispiel, im Frühsommer als halbstündliches Wohlfühl-Service-Lifestyle-Magazin mit regionalem Fokus gestartet. Damit haben wir gute Erfahrungen im letzten halben Jahr gesammelt und festgestellt, dass das Format sehr gut ankommt – und uns daher im Oktober dazu entschlossen, das Format auf das Wochenende mit noch stärkerem regionalen Schwerpunkt auszuweiten. Auch unser wöchentliches Wirtschaftsformat „schauBusiness“ läuft erfolgreich. Aus den bestehenden Inhalten, wie etwa dem eben gestarteten Format von „film.at“, wollen wir im nächsten halben Jahr neue Formate ableiten. Die futurezone ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Inhalte aus dem gesamten Medienhaus im Fernsehen wiederfinden sollen.


Die Medienmarken des Hauses sollen also sukzessive allesamt ins Bewegtbild transferiert werden?
KRALINGER: Ja, ich denke das ist die Absicht. In der Strategie des Kurier Medienhauses ist 360-Grad-Berichterstattung fest verankert, um so aus der Kompetenz der Redaktion unterschiedlichste Kanäle zu beschicken. schauTV soll sich durch eigenständiges, authentisches Programm auszeichnen, wir wollen nicht more of the same produzieren. Die Kinoberichterstattung mit „film.at“ auf schauTV zählt hier dazu. 


Welche Ideen zu neuen Formaten gibt es konkret?
HRANYAI: Aktuell planen wir eine Motor-Sendung, die in den nächsten sechs bis acht Wochen am Dienstag neu auf Sendung gehen soll. Weiters wollen wir die sehr regional in Niederösterreich und Burgendland verankerten „schau Leben“-Sendungen so gestalten, dass sie durchaus auch über diese Region hinaus bei Sehern Anklang finden. Das spiegelt ja auch unsere Strategie auf Reichweitenausbau wieder. 
KRALINGER: Die Strategie ist – wie beim Kauf beschrieben –, den Sender aus dem Burgenland auf die Ostregion auszuweiten. Aber auch angrenzende Gebiete mit dem Osten der Steiermark und nach Oberösterreich hinein sind hier Thema. Wien bleibt wichtig, da gibt es aber mit W24 starke Konkurrenz. Ich sehe aber an sich schon Platz für einen österreichischen Regionalsender. 


Sie meinen österreichweit?
KRALINGER: Ja, ich denke, dass ein Sender, der regionalen österreichischen Inhalt bietet, seinen Platz finden würde. Dazu streben wir auch Kooperationen mit anderen Regionalsendern an.


Im R9-Verbund gibt es neben schauTV auch andere Regionalsender. Wo verläuft denn die Grenze zwischen Kooperation und Kannibalisierung?
HRANYAI: Ich sehe da keine Gefahr, sondern gerade im regionalen Bereich viel Potenzial, noch intensiver zu kooperieren.
KRALINGER: Ich glaube man muss hier unterscheiden: Im Zuseherbereich gibt es kaum Kannibalisierungsgefahr, auch weil nur wenige Regionalsender so wie schauTV über Satellit distribuiert werden. Im Werbebereich geht es darum, offen zu reden, wo die jeweiligen Schmerzgrenzen sind – da haben wir bis jetzt aber immer Lösungen gefunden.

 
Thema Publikum: Sie sind in der AGTT nicht ausgewiesen. Ist das ein Thema?
KRALINGER: Derzeit nicht, weil es eine Kostenfrage ist – diese Aufwände sind für kleine Sender schwer zu finanzieren.  Das, was aus reiner  Reichweitenvermarktung an Werbung hereinkommt, ist ein geringer Teil der Gesamterlöse. 


Wie entwickeln sich also die Quoten?
HRANYAI: Sehr positiv. Bei Übernahme hatten wir circa 30.000 Durchschnitts-Tagesreichweite, vor wenigen Tagen haben wir einen Topwert mit über 82.000 Sehern verbucht. An guten Tagen liegen wir bei 80.000 Durchschnitts-Tagesreichweite, was nahezu eine Verdreifachung darstellt.
KRALINGER: Und wir generieren diese Tagesreichweite im Prinzip mit zwei Stunden Programm, für dieses Zeitfenster sind 80.000 Sehr eine sehr respektable Größenordnung. 


Wo sehen sie den Quoten-Plafond?
KRALINGER: Wir hoffen, diesen noch nicht zu sehen. Ich glaube, dass es durchaus möglich sein muss, 150.000 bis 200.000 Seher zu generieren – aber nur mit konsequentem Aufbau, und nicht von heute auf morgen, sondern in zwei bis drei Jahren. 


Ist es eine Überlegung, wie der Mitbewerb punktuell größere Rechtepackages, zum Beispiel im Sport, zu erwerben, um Quoten zu pushen?
HRANYAI: Wir leben den Weg beispielsweise mit der Regionalliga-Berichterstattung sehr gerne. Es passt letztendlich auch als Regionalsender nicht zur Identität, hier ein breitenwirksames und vor allem sehr teures Exklusivrechtepaket egal welcher Sportart zu erwerben. 


Sie haben ja keinen florierenden Sender übernommen, sondern einen, der mit Verlusten im niedrigen siebenstelligen Bereich zu kämpfen hatte – und wollten den Turnaround in drei Jahren schaffen. Ist das bereits teilweise geglückt?
KRALINGER: Wir haben uns vorgenommen, dass wir den Sender in drei bis vier Jahren kostendeckend führen. Es ist natürlich eine herausfordernde Situation, da viele Stimmen keine Chance für einen Regionalsender in einem kleinen Markt wie Österreich sehen. Dagegen halte ich einige sehr gute regionale Beispiele, die wirtschaftlich zumindest zufriedenstellend arbeiten. 


Wie entwickeln sich der crossmediale Verkauf und die Umsätze?
KRALINGER: Unsere Umsätze speisen sich aus dem klassischen TV-Geschäft unseres Vermarkters IP, dazu kommen das eigene Vermarktungsgeschäft von schauTV und unsere Print- und Onlineverkäufer, die Packages mit Bewegtbild verkaufen. Das meiste Volumen kommt aus der eigenen TV-Verkaufsmannschaft, aber auch ein durchaus respektabler Beitrag aus den anderen Bereichen. 


Gab es eigentlich nie Überlegungen, den Sender umzubenennen und an die starke Marke Kurier heranzuführen?
KRALINGER: Doch, die gab es. Aber wir wollten ganz bewusst kein reiner Nachrichtensender sein. Der Sender hätte sich natürlich wesentlich schneller in der Bekanntheit entwickelt, aber wir hätten die Marke Kurier unter Umständen mit einem Angebot angereichert, das nicht zur Kernpositionierung passt. Die Marke Kurier steht für Premiumnachrichten, das spiegelt sich auch in den Kurier News und zahlreichen anderen Formaten auf schauTV wieder – der Sender selbst soll aber mehr als ein Nachrichtensender sein. 

Der Artikel ist bereits in der Ausgabe 10/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

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