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‚Wir holen uns das Frühpublikum zurück‘

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im Gespräch mit HORIZONT.
© Elisabeth Kessler

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im HORIZONT-Interview: Ein Gespräch über das neue Konzept ‚Guten Morgen Österreich‘, die Zukunft des Funkhauses und die GD-Wahl 2016

Dieses Interview erschien bereits am 13. November in der HORIZONT-Printausgabe 46/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

HORIZONT: Lange wurde dazu diskutiert, jetzt wird das Frühfernsehen umgesetzt. Gibt es in Österreich überhaupt Bedarf dafür?

Alexander Wrabetz: Das habe ich  viele Jahre mit Nein beantwortet. Als ich zum ORF gekommen bin, gab es zwar ein Publikum in der Früh, aber kein großes. Lange waren wir mit der Aussendung von Wetterkamerabildern trotz geringer Reichweite Marktführer in dieser Zeitzone. Das hat sich geändert, weil die deutschen Sender über die Jahre hinweg ein Frühfernsehpublikum aufgebaut haben. Und letztlich hat auch „Café Puls“ dazu beigetragen. Die Zuschauer waren vom ORF nicht mehr ausreichend versorgt, und so haben wir im vorigen Jahr in dieser Zeitzone die Marktführerschaft verloren.­

HORIZONT: Für Sie ein Grund, sofort zu handeln.

Wrabetz: Ja. Auf die Woche betrachtet ist es eine Million Menschen, die – zwar nicht jeden Tag, aber zumindest einmal in der Woche – Frühfernsehen konsumiert. 700.000 ­davon ­haben beim ORF zuletzt gar nicht mehr vorbeigeschaut. Es ist auch eine Sicherung unseres Hauptfernseh-Flaggschiffs ORF 2, das das ­treueste Fernsehpublikum hat – das können wir nicht erst um 9 Uhr ­begrüßen. Außerdem ist die Erwartungshaltung heute eine andere. ­Bislang konnten wir zwar mit ­Sondersendungen ­reagieren, wenn sich weltpolitisch ­etwas getan hat, aber mit dem neuen Format können wir Information noch schneller ­platzieren. Jede halbe Stunde wird es zwischen 6 und 9 Uhr eine ZIB
geben.

HORIZONT: Das Programm wird jeden Tag an einem anderen Ort produziert werden. Wie kam es zu der Idee?

Wrabetz: Bei der ersten Show „9 Plätze, 9 Schätze“ haben wir vor ­einem Jahr gesehen, dass nationales Fernsehen mit regionalem Bezug großen Erfolg hat, da sieht man, wie ­intensiv die Österreicher ihre Landschaften und Regionen lieben. Auch wenn wir hier auf dem Küniglberg in Wien unser ORF-Zentrum wunderbar ausbauen werden, so lebt der ORF ja davon, dass er mit den Landesstudios regional aufgestellt und nahe bei den Menschen ist. Das haben wir jetzt verbunden zum „Guten Morgen Österreich“-Konzept. Eigentlich ist es eine der größten Marketingaktionen für Österreich, die der ORF je gemacht hat, weil wir jeden Tag zum Publikum in einen anderen Ort kommen.

HORIZONT: Wanderbares Österreich.

Wrabetz: (lacht) Ja.

HORIZONT: Wer wird dafür vor der Kamera stehen?

Wrabetz: Dieser Tage läuft das Casting von etwa 40 Personen. Es wird ein Moderatoren-Paar sein, ein Mann und eine Frau. Wir werden mehrere Kombinationen haben, denn wenn man wie mit einem Wanderzirkus durch Österreich fährt, braucht man mehrere Besetzungen.

HORIZONT: Eine große Herausforderung für die Redaktion …

Wrabetz: Absolut. Wir werden eine zentrale Redaktion mit neun Mitarbeitern haben, die alles koordiniert, plus zwei zusätzliche Mitarbeiter pro Landesstudio. Wir werden die ZIB-Mannschaft um fünf Mitarbeiter aufstocken. Die Technik und das ­Management der Übertragung des mobilen Studios lagern wir an eine Produktionsfirma aus.

HORIZONT: Das Programm soll netto sieben Millionen Euro kosten. Ist das on top noch einzuspielen?

Wrabetz: Nein, denn wir sind mit der Werbezeit limitiert und wir platzieren unsere Werbeblöcke natürlich in den reichweitenstärksten Zonen, und das ist naturgemäß eher am Abend.

HORIZONT: Kann man da nicht eine Ausnahme machen?

Wrabetz: Nein. Ist man böswillig, würde man mir unterstellen, dass ich jetzt in der Frühzone eine zusätzliche Zone für Fernsehwerbung aufbaue um nachher eine Verlängerung der Werbezeit zu erzielen. Aber so weit sind wir noch nicht. (lacht)  Wenn wir nicht in die Unterbrecherwerbung gehen, hätte eine Ausweitung der Werbezeit ja keinen Sinn weil wir in allen Zonen die Scharnier-Werbungsblöcke schon drinnen ­haben und auch so gut wie ausgebucht sind. Die Sendung ist aber eine Infotainment-Sendung, wo wir auch Sonderwerbeformen platzieren können.

HORIZONT: An wen denken Sie?

Wrabetz: An die großen Handelsketten zum Beispiel, da kann eine ­Partnerschaft möglich sein. Wir sind da sehr vorsichtig, das wird anfangs in der Größenordnung von einigen Hunderttausend Euro sein. Aber ­Potenzial ist da, einiges zu refinanzieren.

HORIZONT: Das heißt: Man wird mit dem Frühfernsehen nicht zusätzliches Geld verdienen können, aber das Leistungsspektrum des ORF wird durch das Format erweitert.

Wrabetz: Ja, es ist eine Ausweitung der Leistung bei gleichzeitig stabilen finanziellen Rahmenbedingungen. Das macht es auch nicht leicht, denn wenn ich an die vergangenen Jahre denke haben wir etwa die TVthek neu gemacht, die sich nur zum Teil refinanziert. Zusätzlich haben wir ORF III gestartet und Sport Plus zum 24-Stunden-Sender ausgebaut.

HORIZONT: ORF III aber quasi ohne Geld.

Wrabetz: Mit in Relation gesehen wenig. Aber in Summe kostete es auch zehn Millionen Euro und ­begonnen habe ich es mit den zusätzlichen Mitteln aus der Refundierung der Gebührenbefreiungen, jetzt ist die Refundierung weg. Bei ORF III aber haben wir das Budget sogar ein bisschen steigern können, es ist fantastisch, mit wie relativ wenig Geld das Team das gestalten kann. Jetzt schließen wir die letzte zeitliche Programmlücke im Kerngeschäft mit dem Frühfernsehen. Das ist nur möglich, weil wir sehr stark rationalisiert haben. Obwohl wir also viel mehr machen als vor ein paar Jahren, sind es unterm Strich etwa 600 Mitarbeiter oder etwa 20 Prozent weniger als vor vier Jahren. Natürlich haben wir auch die Kosten pro Kopf gesenkt, etwa mit dem neuen Kollektivvertrag.

Was Alexander Wrabetz zu Ö1 und zur GD-Wahl 2016 sagt, lesen Sie auf Seite 2:

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