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"Wiener Zeitung" baut innen wie außen um

Chefredakteur Walter Hämmerle im neuen Newsroom der Wiener Zeitung, von dem aus künftig Print- und Onlineauftritt zentral gesteuert werden.
© Stefan Binder

Bei der "Wiener Zeitung" bleibt kein Stein auf dem anderen: Chefredakteur Walter Hämmerle baut mit neuer Denkweise und Ressortstruktur sowie neuem Newsroom kräftig um. Am 14. September erfolgt ein Print-Rebrush.

Dieser Artikel erscheint in der kommenden Ausgabe 37/2019 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

Alles neu bei der ältesten noch erscheinenden Tageszeitung der Welt (seit 1703): Chefredakteur Walter Hämmerle baut seit Jahresanfang die Redaktion der Wiener Zeitung, im Besitz der Republik Österreich, radikal um. In der Redaktion in Wien, St. Marx wurden Wände eingerissen, um einen neuen Newsroom zu bauen. Von diesem aus werden sowohl Zeitung als auch Webseite zentral bespielt. Der Umbau ist nur die physische Manifestation eines radikalen internen Wandels: Print- und Online-Redaktionen wurden zusammengelegt und ein neuer Workflow eingeführt.

„Es war notwendig. Journalismus braucht das, Tageszeitungen brauchen das”, sagt Hämmerle im  HORIZONT-Gespräch, um gleich auf die Gründe näher einzugehen: „Wir sind in der digitalen Entwicklung etwas zurückgefallen – auch aus internen Gründen. Die Bedeutung der digitalen Kanäle ist ins Zentrum gerückt, wir sind bei den Produktions- und Arbeitsprozessen aber parallel gefahren: auf der einen Seite digital, auf der anderen Seite Printproduktion.” Das sei einfach nicht auf der Höhe der Zeit gewesen: „Wir hatten de facto eine doppelte Struktur.

Online First

Deswegen haben wir das auf einen Nenner gebracht und Online First als Prinzip eingeführt.” Künftig platziert der Redakteur seine Geschichten selbständig auf allen Kanälen: „Derjenige, der die Geschichte schreibt, schreibt von vornherein so, dass die Geschichte quasi nur noch minimalsten Veränderungsbedarf hat, um sie in den verschiedenen Kanälen auszuspielen.” Das bestehende Online-Team wurde in die Ressorts fusioniert. „Es gibt keine Online-Redakteure mehr, sondern nur noch Redakteure. Jeder Redakteur ist für die Digitalisierung seiner Geschichte zuständig. Wobei die Geschichte von Anfang an digital ist.” Ein kleines, drei Personen umfassendes Online-Team kümmert sich künftig um die „technische Tiefenpflege des Online-Apparates”. 

Rebrush, neue Ressorts

Nachdem bereits die Webseite in neuem Glanz erscheint, wird der interne Umbau auch in der gedruckten Zeitung mit einem Rebrush am 14. September nach außen signalisiert werden. Die bisher räumlich getrennten Ressorts Internationales, Europa und Österreich werden in einem Politikbuch zusammengefasst. Das Wirtschaftsressort wird neu gegründet. Ressortleiterin wird Marina Delcheva-Glantschnigg, bis zu ihrer Rückkehr aus der Karenz wird Anja Stegmaier das Team interimistisch leiten. „Ich glaube, dass es für die Wiener Zeitung wichtig ist auf den Wirtschaftsseiten Flagge zu zeigen”, sagt Hämmerle. 

Die vor Jahren getroffene Entscheidung, das Wirtschaftsressort aufzugeben, verteidigt er dennoch: „Wir hatten am Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise die Entscheidung getroffen, dass es schwierig ist, die Unterscheidung zwischen Wirtschaft und Politik aufrechtzuerhalten.” Langfristig habe das aber dazu geführt, dass die klassischen Wirtschaftsthemen strukturell in den Hintergrund gerückt seien, sagt Hämmerle. Auch eine eigene Longread-Strecke, wo die „Filet-Stücke” der Redaktion, wie Hämmerle sie nennt, präsentiert werden, sei geplant. 

Die groben Brocken sind also noch vor dem Rebrush abgearbeitet.  Ganz ohne Widerstand dürfte dieser Wandel freilich auch bei der Wiener Zeitung nicht abgelaufen sein. Hämmerle nennt es „Reibewärme” und „Einschleifschwierigkeiten”. „Auch Journalisten fällt Veränderung schwer. Aus den eingelernten Arbeitsprozessen wieder auszubrechen und anders zu arbeiten, ist für jeden schwierig”, sagt der Chefredakteur. 

‚Beharrungstendenzen‘

Dennoch sei die Bereitschaft in der Belegschaft für den Transformationsprozess sehr groß gewesen. Geholfen dabei habe, dass die Kluft zwischen Print- und Online-Redaktion bei der Wiener Zeitung nie so groß gewesen sei wie bei anderen. „Wir hatten immer schon die Eigenheit, dass sogar unsere Onliner im Herzen immer Geschichtenschreiber waren. Sie waren zwar jünger und technisch affiner, aber vom Mindset her Geschichtenschreiber. Von daher war es relativ einfach.” Den Kulturkonflikt gebe es freilich, „aber der ist vor allem eine Altersfrage”. Selbst Mitarbeiter mit „Beharrungstendenzen” hätten Hämmerle gesagt: „Wir wissen, es ist ohne Alternative, aber es fällt halt so schwer.“

Trotz Zusammenlegung, Umbau und einem neuem Workflow wird es allerdings weiterhin zwei Redaktionssysteme – eines für Print und eines für Online – geben, für den Chefredakteur vor allem eine Kostenfrage. Die stand bei ihm – ganz Vorarlberger – ohnehin weit oben auf der Agenda. Der Investitionsaufwand hat sich laut Hämmerle in einem engen Rahmen gehalten. „Das Ganze ist eigentlich mit fast null Investitionsaufwand passiert.” Das einzige, wofür Geld ausgegeben worden sei: „2.000 bis 3.000 Euro”, um sich Redaktionen im Ausland anzusehen.  Letzten Endes musste man sich jedoch ein eigenes Konzept auf den Leib schneidern, weil keine andere Redaktion mit so wenig Manpower so breit aufgestellt sei. „Das zweite, wofür wir ein paar tausend Euro ausgegeben haben, war, ein paar Rigipswände im Haus zu versetzen, um den Newsroom räumlich zu gestalten.” 

Letzter Feinschliff: Der neue Konferenzraum der Wiener Zeitung ist fast fertig.

Frei nach dem Motto „Schaffa, schaffa, Hüsle baua“ ist für Hämmerle damit aber noch nicht Schluss. „Es ist nie abgeschlossen. Tageszeitung zu machen, ist immer ,work in progress’”, sagt Hämmerle, schränkt aber ein: „Alles step by step. Bei diesem internen Umbau waren wir wirklich an der Belastungsgrenze.” Ideen für künftige Projekte gibt es schon. Bereits jetzt kooperiert die Wiener Zeitung mit einem Podcast-Anbieter. „Wir haben auch räumliche Einrichtungen und technische Infrastruktur geschaffen, um Video zu produzieren”, sagt Hämmerle. Außerdem versuche man mehr Ausbildung in Sachen Medienkompetenz an die Schulen zu bringen.  Das seien allerdings Projekte für das Jahr 2020. 

,Keine Bestandsgarantie‘

Über all diesen Plänen schwebt allerding das Damoklesschwert einer neuen Regierung. Dessen ist sich auch der Chefredakteur der staatseigenen Zeitung bewusst: „Von Eigentümerseite heißt es‚ die Redaktion werde nicht in Frage gestellt. Aber es gibt auf der anderen Seite auch keine Bestandgarantie für die derzeitige Form. Wie die konkrete Zukunft der Wiener Zeitung aussieht, wird man unter der nächsten Regierung sehen. Klar ist aber, dass die Digitalisierung der Redaktion unerlässlich ist, um sie nachhaltig abzusichern.”

Hämmerle will mit der Wiener Zeitung einen Schritt zurück „von dieser selbstmörderischen Aktualität” gehen: „Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass uns Geschwindigkeit umbringt. Der Journalismus, wie wir ihn machen wollen und machen müssen, ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass wir nicht atemlos sind und der nächsten Nachricht hinterherhecheln. Es gibt genügend Medien, die auf diese Geschwindigkeit setzen.” Ziel müsse es sein, dass „die Redaktion unangreifbar und unbestritten in der res publica ist”.
 

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