Horizont Newsletter

"Warum zur Hölle reden wir über digitale Revolution?"

Im Bild: Bundeskanzler Christian Kern, Alexander Karp - Palantir, Nikolaus Pelinka - Kobza Media Group
© Klaus Ranger

Die exklusive Erstauflage der Wiener Digitalkonferenz "Darwin's Circle" bot neben 55 hochkarätigen Speakern zahlreiche Referenzen an ihren Namenspatron.

Schon am Beginn des "Darwin's Circle" stand ein - nein das -Zitat seines Namenspatrons. "Es sind nicht die Stärksten unter den Lebewesen, die überleben und es sind auch nicht die Intelligentesten, sondern, die, die sich am Besten anpassen", hieß es schon zur Begrüßung beim ersten Wiener Digitalkongress im "Haus der Industrie" von Moderatorin Sandra Thier (diego5). Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch die 24 Programmpunkte mit insgesamt 55 hochkarätigen Speakern, ziehen sollte. Schon "Hausherr" Georg Kapsch griff das Thema in seiner Grußbotschaft an den mehr als vollbesetzten Hauptsaal auf und scheute auch vor starken Vokabeln nicht zurück: "Warum zur Hölle sprechen wir von digitaler Revolution? Es gibt keine digitale Revolution - nur eine digitale Evolution." Die Geschwindigkeit nehme nur zu.

Ein Motiv, das auch Bundeskanzler Christian Kern in seiner "Rede zur Lage der digitalen Nation" aufnahm: "Diese Entwicklung kommt und von jetzt an wird sie sich nur noch beschleunigen – jede Hoffnung, das zu bremsen, ist eine Illusion, die man sich aus dem Kopf schlagen sollte", rüttelte er die Gäste gleich einmal auf. Es gehe nun darum, "an der Spitze dieser Entwicklung zu bleiben" und das österreichische Wohlstandsmodell zu behalten: "Österreich kann kein Land sein, das sich in einen Wettbewerb begibt um die billigsten Löhne, die niedrigsten Umweltstandards und die niedrigsten Sozialstandards. Unsere Strategie kann nur darin bestehen, dafür zu sorgen, dass wir besser und innovativer werden als andere", so der Kanzler. Entscheidend eine "Kombination aus Staat und Markt", die "die einzig erfolgversprechende" Möglichkeit sei. Die Politik habe dabei die Aufgabe, die Entwicklungsrichtung zu bestimmen.

Im ersten Panel des Tages zu "Ethik und Verantwortung in der digitalen Welt" pflichtete ihm Palantir-CEO Alexander Karp gleich einmal bei. Der Staat dürfe niemals sein Primat über moralische, ökologische und ökonomische Fragen aufgeben beziehungsweise an Konzerne abgeben, sondern müsse Verantwortung übernehmen. Karp, der nur äußerst selten in der Öffentlichkeit auftritt, weil "er sehr schüchtern" sei, plädierte für Terrorismusbekämpfung, ohne dabei den Datenschutz aufzugeben. Sein Big-Data-Unternehmen gebraucht große Mengen an gesammelten Daten, um beispielsweise Sicherheitsbehörden zu unterstützen - Kritiker werfen Palantir ein Naheverhältnis zu Geheimdiensten vor. "Daten werden zerlegt und nach gewissen Regeln ausgewertet", umschrieb Karp sein Tätigkeitsfeld. Die Digitalisierung habe bislang nur den Firmen im Silicon Valley genutzt - in der „zweiten Halbzeit“ müsse jetzt zusehen, dass auch die Bevölkerung profitiere.

Messi kann kein Verteidiger sein
Digitalisierung werde vielerorts als Bedrohung aufgefasst, meinte Kern. Zu einem gewissen Teil liege das auch daran, dass "wir Strategien haben, uns alles schlechtzureden". Österreich müsse sich auf seine USPs besinnen: Man könne aus einem Messi auch keinen Verteidiger machen, sondern müsse ihn mit Elfmeter-Training noch effizienter machen. "Wir werden es nicht schaffen, in Österreich ein zweites Amazon, Google oder Facebook zu produzieren. Eine 14-prozentige-Steuerquote für Unternehmen, die in Österreich in Entwicklung und Forschung investieren, nannte er als Beispiele für Standortvorteile und Investitionen von voestalpine und Samsung als Erfolgsgeschichten. Reagieren müsse man aber beim Steuermodell: "Es kann nicht sein, dass Starbucks weniger Steuern zahlt als eine Würschtelbox am Ring", klang etwas Wahlkampfrhetorik mit.

Ein weiterer der zahlreichen prominenten Speaker hatte danach die Bühne: Alibabas Europa-Chef Terry von Bibra, der erst in seiner Keynote und dann im Panel zur "Neuen Ära des Handels" mit Markus Braun (Wirecard), Marcel Haraszti (REWE International) unter der Moderation von Rainer Nowak (Die Presse) über die Eigenheiten des chinesischen Handels sprach. Durch die schiere Größe des Landes und die zunehmende Kaufkraft der Mittelschicht sei ein gewaltiger Anstieg des Online-Handels zu erwarten. "Online ist für viele Chinesen der erste Zugang überhaupt zu großen Marken", meinte Alibaba. Besonders von europäischen Marken seien viele fasziniert - wo eine Webseite hierzulande vielleicht drei Seiten Beschreibung der Marke und des Produkts habe, seien es in China 15. "Sie wollen eine Marke nicht nur kaufen, sondern verstehen". Bei den zukünftigen Technologien sei es nicht wichtig, dass es eine Innovation sei, sondern wie man sie einsetze. "Eine Drohne nur als Gag einzusetzen, ist Zeitverschwendung, aber um abgelegene Gebiete zu erreichen, sind Drohnen nützlich." QR-Codes, die hierzulande niemand nutze, seien in China auch angesagt und vor allem Livestreams von Influencern: Einzelne Nutzer, die etwa in Europa eine tolle Marke kaufen, würden sofort via Livestream davon berichten und bis zu 200.000 Follower erreichen. "Das ist einer der stärksten Treiber in China", so Von Bibra.

Guttenbergs Rat an Merkel
Eine weitere Prise Politik bot das Gespräch über "Kultur, Grenzen und Tech": Der ehemalige deutsche CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (Spitzberg Partners) erwartete danach schwere Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl. Seine Empfehlung für Angela Merkel: "An ihrer Stelle würde ich Marihuana anbauen für die Grünen, aus meinem Garten eine Kohlegrube machen, um die FDP zufrieden zu stellen und ein Dirndl anziehen für die CSU". An seinem Flug nach Wien habe er am besten die acht Stunden ohne WiFi gefunden - "Acht Stunden ohne Tweets vom Clown im Weißen Haus", nahm er US-Präsident Donald Trump aufs Korn.

0 Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Das könnte Sie auch interessieren