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Walter Zinggl: Der Dirigent mit den Zügeln in der Hand

IP-Geschäftsführer Walter Zinggl ist neuer Präsident der International Advertising Association Austria.
© IP Österreich

Reitsport und Musik prägten die jungen Jahre des neuen IAA-Präsidenten Walter Zinggl. Erfahrungen daraus prägen noch heute sein berufliches Schaffen. Ein Portrait.

Dieses Portrait erschien zuerst in Ausgabe Nr. 43 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

Im eher nüchtern gehaltenen Büro von IP-Geschäftsführer Walter Zinggl in der Wiener Gumpendorferstraße fällt ein Farbtupfer auf, der schon in seinen vorherigen Büros zu sehen war: ein Reprint von Franz Marcs „Blaues Pferd“. Und das hängt da nicht ganz zufällig. Zinggl, Jahrgang 1962, gebürtig aus Vorau in der Steiermark, begann als junger Mann zu reiten und übte als Teilnehmer von Dressur- und Springbewerben über 20 Jahre die hohe Schule der Reitkunst; zuletzt mit vier Pferden im Stall. „Mich hatte einfach der hippologische Virus erwischt“, erinnert sich Zinggl, das Trainieren mit Pferden – „das sind Fluchttiere!“ – bedürfe einer besonderen Konzentration: „Man kann nicht auf dem Pferd sitzen und mit dem Kopf ganz woanders sein, das endet in der Regel schmerzhaft.“ Die eigentliche Anforderung an den Reiter sei, „das Pferd so wenig wie möglich zu stören – es geht darum, sich mit dem Pferd zu synchronisieren, der Reiter muss seinen Schwerpunkt an das Pferd anpassen. Das heißt: Konzentration und Fokussierung.“ Diese Fokussierung sei etwas, das ihm gut getan habe. „Ich hatte immer in meinem Leben Hobbys oder Beschäftigungen außerhalb meines Berufs, die genau diesen Fokus verlangt haben. Als ich 1981 in diesem Werbe- und Kommunikationsgeschäft bei der Publicitas angefangen habe, war ich noch als Musiker unterwegs.“

Halt, als Musiker? Dem Zwölfjährigen wurde bei den Pfadfindern ein Blechblasinstrument in die Hand gedrückt, bis Ende der 1980er-Jahre spielte Zinggl „alles, was tiefes Blech ist – Posaune, Bassflügelhorn, Tuba“ – und trat auch als Dirigent bei Konzerten auf. Wieder so eine Fokussierung: „Nun, das war ein Amateurorchester, wir haben als Pfadfinder Platzkonzerte gegeben und ich als Dirigent war meistens froh, wenn wir die Noten wiedergegeben haben – aber gelegentlich auch interpretiert.“ Der Dirigent, beschreibt Zinggl, sei „während der Vorbereitung und der Proben der Zugführer und während des Konzerts bist du der Schaffner.“

Grundlage: Das Handwerkliche

Dennoch, heute spielt Zinggl nur mehr gelegentlich zu Weihnachten, und die Pferde sind „Platz vor Geld“, wie es im Reiterjargon heißt, gut untergebracht. „Erika Pluhar hat eine schöne Liedtextzeile ,Es war einmal, und es war einmal schön‘ – so ähnlich sehe ich das mit dem Reiten und auch der Musik“, erklärt Zinggl: „Wenn du einmal weißt, wie sich das anfühlen soll, aber aufgrund der mangelnden Zeit für Üben und Trainieren es eben nicht mehr so ganz passt, bestenfalls nurmehr gut ist – es sollte aber sehr gut sein – und du weißt, es ist einfach schlecht, dann muss man sich eben entscheiden.“ Aber er habe gewaltig profitiert: Denn die Fokussierung sei das eine, das andere das Handwerkliche. „Ich habe da auch gelernt, dass es handwerkliche Grundlagen gibt, die man sich nur praktisch aneignen kann, jenseits der schönsten Theorien und Konzeptionen“, so Zinggl.

Unter den Fittichen Martin Sorrells

Zinggl besuchte Anfang der 1980er-Jahre den damals einzigartigen „Lehrgang für Wirtschaftswerbung und Verkauf“ an der Wirtschaftsuniversität Wien und startete als Kundenberater bei der damaligen Publicitas Werbeagentur, die Ende der 1980er ins Bozell-Werbenetwork integriert wurde. Als Client Service Director bei Ogilvy & Mather Österreich wurde Zinggl 1997 zu einer Executive-Training-Woche nach England eingeladen: O&M gehörte damals zur aufstrebenden WPP, Martin Sorrell höchstpersönlich, berichtet Zinggl, begleitete die Trainingswoche. 1998 wird Zinggl selbst CEO bei der Publicis. „Auch das damals eine unglaubliche Erfahrung: Maurice Lévy hat den Vertrag mit mir persönlich gemacht, und die Zahlen der Agentur in Wien hatte er im Kopf“.

2002 erfolgte ein Seitenwechsel: „Das war die Phase, die wir damals schon etwas älteren Kommunikationsberater als die Magisterphase bezeichnet haben. Auf Kundenseite saßen junge, mit Theorie vollgestopfte Leute, die alles besser wussten und anders haben wollten – aber keinerlei praktische Erfahrung gelten lassen wollten.“ Zinggl wurde Chef der ORF-Vermarktungstochter Enterprise – ein Jahr später startete mit ATV das erste österreichische Privatfernsehen, die KommAustria gab den Startschuss zur Digitalisierung des analogen Fernsehens, die TV-Welt änderte sich radikal. Nicht zuletzt durch das öffentlich-rechtliche wie auch das sich stetig erweiternde Privat-TV-Angebot sei der Medien- und damit Werbestandort aufgewertet worden – „davon profitiere ich heute als IP Geschäftsführer“. 2010 holte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz Franz Prenner von der Mediaprint zurück zur Enterprise, Zinggl wechselte auf Mediaagenturseite zur jüngsten GroupM-Agentur Maxus. Schließlich, seit 2013, als Nachfolger von Gerhard Riedler, der damals zur Mediaprint wechselte, ist Zinggl IP-Geschäftsführer.

IAA als Sprachrohr der Branche

Was ist vom neuen IAA-Präsidenten zu erwarten? Immerhin ist das Austrian Chapter der in 76 Ländern vertretenen „International Advertising Association“ mit über 300 Mitgliedern (und nochmal 150 im Young Chapter) eines der mitgliederstärksten der Welt. „Die IAA hat eine einzigartige Chance, weil sie durch ihre Konstituierung der drei Kurien Werbung, Auftraggeber und Medien tatsächlich die gesamte Kommunikationsindustrie vertritt und daher die IAA als Sprachrohr der gesamten Industrie auftreten kann. Meiner Meinung ist es die wirklich solitäre Aufgabe der IAA, diese Sprachrohrfunktion auch tatsächlich auszuüben.“ Ihm als Vertreter zur Seite stehen als Vize Ines Schurin, Rewe, für die Auftraggeber und Rudi Kobza (Kobza Media) für die Werbung (der komplette Vorstand findet sich unter www.horizont.at). Er wolle Diskussionsprozesse in Gang bringen und die Positionen im Vorstand „verdichten, fokussieren und thematisieren und schließlich auch kampagnisieren“. Das ist „aus meiner Sicht die Aufgabe der IAA, weil das so niemand anders erfüllen kann.“ Nachsatz: „Jedes IAA-Mitglied ist herzlichst eingeladen und ich hätte gerne, dass es uns gelingt, das klassisch österreichische ,Ich täts ja eh wissen, aber die da oben hören nicht auf mich‘ zumindest im Rahmen der IAA loszuwerden.“ 

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