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Verlage in Deutschland: Späte Suche nach der Wunderwand

Mit Bezahlmodellen sind deutsche Verlage im internationalen Vergleich spät dran.
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Ermutigt durch den Erfolg internationaler Vorbilder setzen auch immer mehr deutsche Verleger auf Paywalls.

Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe 39/2019 des HORIZONT zu den Österreichischen Medientagen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Deutschland ist Zeitungsland. Noch – denn seit den 1990er-Jahren geht es mit der Auflagenzahl deutscher Printprodukte steil bergab. Ein Ende ist nicht in Sicht: Wurden 1991 noch rund 27 Millionen Tageszeitungen verkauft, betrug die Auflage im Jahr 2018 nur mehr rund 14 Millionen und hat sich damit beinahe halbiert. Die Werbeumsätze sollten folgen. Auch die Zahl der Tageszeitungen selbst ist gesunken. Sein Heil sucht das Gros der Branche in digitalen Bezahlschranken. Die Angebote sind regelrecht explodiert. Konnte man Anfang des Jahrzehnts deutsche Paid-Content-Angebote noch an zwei Händen abzählen, sind sie vergangenes Jahr auf mehr als 200 gestiegen.

Das sogenannte Freemium-Bezahlmodell, bei dem die Redaktion entscheidet, welche Artikel kostenlos und welche kostenpflichtig sind, dominiert. Noch Aufholbedarf hat die Metered Paywall, bei der eine bestimmte Anzahl an Artikeln kostenlos zugänglich ist, bevor die Aufforderung zu einem Abo-Abschluss kommt. 

Teuer und verspätet

Die großen Verlage von der Bild bis zur Zeit vermelden bei ihren digitalen Bezahlmodellen zwar beachtliche Erfolge. Ein ganzer Verlag lässt sich mit den digitalen Erlösen freilich noch nicht erhalten. Das große Zeitungssterben traf aber ohnehin nicht die großen Print-Tanker, sondern vor allem Lokalredaktionen. Auch diese probieren notgedrungen verschiedene Finanzierungsmodelle aus – noch mit durchwachsenem Erfolg.

Bei Großen wie Kleinen zeigt sich aber, dass deutsche Verlage vor allem spät dran sind. Nach wie vor beklagen viele User, dass es viel zu kompliziert sei, online ein Abo abzuschließen. Auch beim Preis ist noch Raum für Experimente, speziell wenn man deutsche Angebote mit jenen internationaler Medien vergleicht. 

Relotius-Skandal

Mitten in die Suche nach nachhaltigen Finanzierungsmodellen platzte die Sinnkrise. Die Nachwirkungen des Relotius-Skandals beschäftigen auch fast ein Jahr später noch die Branche. YouTuber wie Rezo haben den Verlagen indes ihre relative Bedeutungslosigkeit in einer ganzen Generation vorgeführt. Reagiert wird darauf meist pampig. Jene, die das Problem erkennen, kehren den Verlagen dagegen den Rücken. Immer öfter sehen Journalisten ihre Zukunft außerhalb traditioneller Medienhäuser. Der ehemalige FAZ-Medienredakteur Stefan Niggemeier machte sich ebenso selbstständig wie der ehemalige Handelsblatt-Herausgeber ­Gabor Steingart. Journalismus kann man im digitalen Zeitalter eben auch ohne Verlag betreiben.

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