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"Überstürzte Ankündigung": Offener Brief der Wirtschaftsblatt-Mitarbeiter an den Styria-Vorstand

Die Mitarbeiter des "Wirtschaftsblatts" kämpfen um ihre Jobs.
© Manstein Verlag

Hier lesen Sie den kompletten Brief im Wortlaut.

Am Dienstag hat die Styria Media Group erklärt, dass man das "Wirtschaftsblatt" einstellen werde. Bereits am 2. September soll die letzte Ausgabe erscheinen (HORIZONT berichtete). Für den Betriebsrat kam diese Ankündigung nicht überraschend, das Scheitern sei abzusehen gewesen, informierten die Arbeitnehmervertreter und kritisierten die Konzernführung. 66 Menschen verlieren nun wohl ihren Job, denn andere Styria-Titel werden die "Wirtschaftsblatt"-Mitarbeiter wohl nicht übernehmen, ließ Styria-Vorstandchef Markus Mair am Mittwoch gegenüber HORIZONT durchblicken.

In Politik und Wirtschaft stößt das drohende Ende der Tageszeitung auf Unverständnis und Bedauern. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl etwa erklärte nach der Styria-Ankündigung, dass er doch noch auf eine Fortführung des Tageszeitung hoffe. Das "Wirtschaftsblatt" habe die Wirtschaftsberichterstattung in den vergangenen Jahren "wesentlich mitgeprägt und damit einen unverzichtbaren Beitrag zur journalistischen Qualität und Medienvielfalt in unserem Land geleistet", so Leitl

Für die Mitarbeiter der Zeitung kam die Ankündigung des Aus' offenbar überraschend. Sie haben sich nun in einem Offenen Brief an die Konzernleitung gewandt und fordern, dass die Styria Verhandlungen mit möglichen Kauf-Interessenten aufnehmen solle.

Hier lesen Sie den vollständigen Offenen Brief im Wortlaut

Das WirtschaftsBlatt kann noch gerettet werden 

Die Mitarbeiter der WirtschaftsBlatts blicken mit größter Sorge auf die anstehenden Verhandlungen über einen Sozialplan zwischen Betriebsrat und der Geschäftsführung. Die plötzliche und überstürzte Ankündigung der Schließung der einzigen Wirtschaftszeitung Österreichs hat nicht nur uns, die Mitarbeiter, völlig überraschend getroffen. Sie hinterlässt vor allem eine Frage: Haben die Verantwortlichen im Verlag tatsächlich jede Option der Weiterführung des Blattes geprüft und so den Weg in die digitale Zukunft vorbereitet? Erste Reaktionen aus der Wirtschaftswelt auf die Entscheidung des Verlages zeigen, dass dies nicht der Fall sein kann.

Allein schon, dass der Verlag keine Vorstellungen über die erwarteten Kosten der Abwicklung des WirtschaftsBlatt hat, lässt uns befürchten: Die Verantwortlichen gehen ohne klaren Plan und Konzept in die Verhandlungen, um uns den Übergang in die Arbeitslosigkeit und die anstehende schwierige Jobsuche, so gut wie es nur geht, zu erleichtern. Alle Aussagen der Verantwortlichen bestätigen unseren Eindruck, was um so schwerer wiegt, weil die meisten von uns wohl nie wieder eine Arbeit im Journalismus oder der Medienbranche finden werden, wenn das WirtschaftsBlatt nicht gerettet wird. Ein fatales Signal auch für die österreichische Gesellschaft.

Bei allen wirtschaftlichen Gründen, die am Ende zur Schließung der Zeitung führen mögen, haben wir dafür kein Verständnis. Viele Wirtschafsvertreter des Landes haben unverzüglich ihre Verbundenheit mit dem WirtschaftsBlatt klar geäußert, allen voran Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl. Es sind unsere treuesten Leser, die wir über Jahre bei ihren Erfolgen und auch Misserfolgen kritisch begleitet haben. Das bestätigt: Österreich braucht einen unabhängigen Wirtschaftsjournalismus, der den Geschäftsleuten des Landes eine Stimme verleiht - bei allen Herausforderungen auf den heimischen und globalen Märkten - und der dabei natürlich auch Missstände in der Wirtschaft und Gesellschaft aufdeckt. 

Daher können wir uns der Forderung des Wirtschaftskammerpräsidenten Leitl nur anschließen, dass „für einen Fortbestand der Zeitung und der dortigen Arbeitsplätze alle Möglichkeiten genutzt werden – verlagsintern oder -extern, etwa über Kooperationen oder Investoren, die das Wirtschaftsblatt weiterbetreiben.“ Wir fordern von der Verlagsleitung, uns und der Öffentlichkeit so schnell wie möglich (also spätestens nächste Woche) alle Gründe zu nennen, warum etwaige Interessenten nicht zum Zuge kommen, von denen Leitl hier spricht und die das WirtschaftsBlatt für die digitale Zukunft fit und profitabel machen wollen. Ein Vorhaben, das bei der Styria im jetzigem Rahmen und nach unzähligen Sparrunden offensichtlich an Grenzen stößt. Denn als Wirtschaftsjournalisten wissen wir eins nur zu genau: Nur ein Unternehmen oder Medienprodukt, das beständig in seine Zukunft investiert, kann am Markt überhaupt bestehen. Das war beim WirtschaftsBlatt schon seit Jahren nicht mehr der Fall. 

Fassungslos stehen wir vor der Entscheidung der Verlagsleitung, nachdem von uns, den Mitarbeitern, in den vergangenen drei Jahren unzählige Initiativen ausgegangen sind: Sei es, dass wir unter schwierigsten Bedingungen selbst noch in unserer Freizeit an digitalen Dossiers oder neuen Videoformaten gearbeitet oder an Konzepten für einen modernen Webseitenrelaunch gefeilt haben. Von diesem außerordentlichen Engagement einer Belegschaft und seiner geballten Wirtschaftskompetenz kann nur jeder Investor träumen, der auch im digitalen Zeitalter mit einer etablierten und anerkannten Medienmarke sowohl in Print als auch Online bestehen will.

Zumal das WirtschaftsBlatt für seine digitale Kreativität, Recherchetiefe und journalistische Qualität als erste Redaktion aus Österreich überhaupt mit dem deutschen Georg von Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet wurde. Selbst im Nachbarland hat man bemerkt, dass beim WirtschaftsBlatt die besten Wirtschaftsjournalisten, Grafiker oder Fotoredakteure des Landes arbeiten und uns mit dem renommiertesten Journalistenpreis in diesem Metier ausgezeichnet. Wir sind bitter enttäuscht, dass die Verlagsleitung gerade in den vergangenen Wochen nicht einmal versucht hat, zusammen mit uns Mitarbeitern nach Konzepten oder Interessenten zu suchen, die das WirtschaftsBlatt noch retten können. 

Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass die Zeit für eine Rettung des WirtschaftsBlatts in dieser schwierigen Branche noch nicht abgelaufen ist. Wir und die Öffentlichkeit lassen uns aber nicht einfach mit vagen Erklärungen abspeisen. Das hat die Medienlandschaft und die Geschäftswelt in Österreich so nicht verdient. Geben Sie uns also noch etwas Zeit, diese Zeitung zu retten. Wenn aber Verlag und Mitarbeiter auch dann erfolglos bleiben sollten, werden wir natürlich den Betriebsrat in allem unterstützen, eine für alle Seiten wirtschaftlich verträgliche und faire Lösung zu finden. Und dafür sollten sich alle Seiten gründlich vorbereiten und selbstverständlich auch alle Möglichkeiten im Verlag nutzen dürfen. Denn das Engagement und die Leidenschaft, mit der die Mitarbeiter für die Zeitung noch immer arbeiten und kämpfen, sowie die Treue unserer Leser darf nicht mit weiteren überstürzten Entscheidungen bestraft werden.

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