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Tycoons auf Einkaufstour

© Ian Ehm

Immer mehr Unternehmer steigen in Verlage ein. Das kann in Sachen digitales Know-how ein Vorteil sein, wenn der Fokus auf Redaktion bewahrt wird. Leitartikel von Marlene Auer, Herausgeberin und Chefredakteurin.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 46/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Wie groß war die Aufregung, als Amazon-Gründer Jeff Bezos im Jahr 2013 die Washington Post kaufte. Ein branchenfremder Unternehmer, der im Online-Versandhandel zwar viel, im Journalismus aber keine praktische Erfahrung hatte. Heute, fünf Jahre später, steigen die Zahlen – und die „Post“ steht als Sinnbild für Qualitätsjournalismus wie nie zuvor. Ob das mit den Trump-Eskapaden und der permanenten Auflehnung gegen den US-Präsidenten zu tun hat, oder mit Bezos’ Online-Wissen lässt sich nicht sagen – Fakt ist aber: Das digitale Know-how, vor allem im Bereich der Content-Distribution und des Targetings und Retargetings, hat der Zeitung sicher nicht geschadet. Jemand, der das Internet versteht, ist auch bei der South China Morning Post an Bord gegangen: Alibaba-Gründer Jack Ma. Hierzulande steigt nun Handels-Tycoon René Benko über die WAZ Ausland Holding in Kurier und Krone ein (siehe dazu unsere dieswöchige Titelgeschichte). Die Signa konzentriert sich neben dem Immobiliengeschäft auf Retail, etwa im Bereich Webshops.

Branchenfremde Unternehmer finden also immer mehr Gefallen daran, Teil der Verlagsszene zu sein, die Beweggründe dahinter sind je nach Markt unterschiedlich, eines haben alle Neo-Verleger der aktuellen Zeit aber gemein: technologisches Know-how und Wissen über digitale Geschäftsmodelle. Das hilft enorm, kann aber nicht alleine der Garant für Erfolg sein. Es braucht die journalistische Kraft und den Fokus auf redaktionelle Inhalte, um Medienmarken zu stärken und im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Jeder gute Text, jede gute Idee, jedes neue Format findet nur Gehör, wenn die Qualität stimmt. Das gilt nicht nur für Qualitätspresse, sondern auch für Boulevardmedien – denn auch guter Boulevard ist eine Qualität.

Was die neuen Verleger noch gemeinsam haben: viel Geld. Investments direkt in die Redaktionen können eine Chance sein, denn sie bringen auch neue Ressourcen. Journalismus könnte eine neue Stärke erfahren – und das ist in Zeiten von Fake News und Ländern mit diktatorischen Regimes wichtiger denn je. Unabhängige Medien sind unabdingbar für Demokratien.

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