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Trumps Achillesfers’

© Ian Ehm

Der US-Präsident hat es im Wahlkampf zu den Midterm Elections schwerer als 2016. Seine Inszenierung ist immer noch schillernd, aber sie bröckelt. Big Data genügt nicht, um Wähler zu gewinnen. Und seine Attacken gegen Medien sind ein alter Hut. Leitartikel von Marlene Auer, Herausgeberin und Chefredakteurin

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 44/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Viel steht auf dem Spiel. Das Ergebnis der Midterm Elections am 6. November ist entscheidend dafür, wie viele seiner Vorhaben der polternde US-Präsident Donald Trump noch durchsetzen kann. Die Demokraten wollen den Republikanern die Macht streitig machen, letztere haben in Senat und Repräsentantenhaus derzeit die Mehrheit inne. Aus Marketingsicht unterscheidet sich Trumps Wahlkampfstrategie nur wenig von jener seiner Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren. Es sind dieselben Themen und Tiraden wie damals, er tourt so viel durch die Staaten wie keiner seiner Vorgänger, kratzt die Menschen an ihren Ängsten auf (Stichwort Migranten) und nutzt den Wind der lokalen Politik für seine spitzen Verbal-Attacken auf die Medien, die für ihn ja seit jeher an allem Schuld sind: an seinen Umfragewerten, an der Stimmung im Land, an der Verrohung der Sprache, ja sogar an den Briefbomben-Plänen.

Die Menschen sind hoffentlich schlauer geworden. Spätestens hier beginnt jeder mündige Bürger zu zweifeln. Ist es doch Trump selbst, der mit seiner teils brutalen Wortwahl, den Beleidigungen und Beschuldigungen, aufstachelt. Dass wohl ausgerechnet ein fanatischer Trump-Fan die Bombenangriffe plante, wischt er ebenso vom Tisch wie die Bitte des Pittsburgher Bürgermeisters, Trump solle erst nach den Beerdigungen der Opfer des Attentats zu Besuch kommen – die Stadt verfüge nicht über genug Sicherheitspersonal, es brauche Rücksprache mit den Angehörigen und eine klare Ansage gegen Rechtsradikalismus. Seine Angriffe auf Migranten und Minderheiten müssten aufhören, dafür wurden Tausende Unterschriften gesammelt. Und Trump? Ignoriert es und lässt ausrichten, er werde weiter Unterschiede in politischen Debatten aufzeigen – und schuld seien, klar, die Medien. Sie würden durch fehlerhafte Berichterstattung Wut schüren. Diese „Fake-News-Medien“ seien die wahren Feinde des Volkes, schreibt er auf Twitter.

Auch das, eine Parallel zu 2016: Mit Tweets adressiert er die Bevölkerung direkt, und spart dabei nicht an Emotionen. Er provoziert, streitet, attackiert – und, so absurd das unter diesen Umständen auch ist, er unterhält. Die Faszination seiner Inszenierung ist immens, selbst für seine Kritiker. Trump ist seit Jahrzehnten eine mediale Figur der Amerikaner, gewissermaßen ein Showmaster, ein Hire-and-Fire-Wirtschafter – als ob er einer Soap Opera entsprungen wäre. In diesem Midterm-Elections-Wahlkampf setzt er wieder das Irrationale stringent ein, um Gründe für Feindbilder zu finden. Wird er kritisiert, ist seiner Verteidigung stets deutlich überzogen – eine Methode, um Trump-Wähler noch tiefer in ihm zu bestärken. Wenn dann seine Wahlkampfteams an den Türen läuten und eine im Vorfeld anhand der microgetargeten Persönlichkeitsprofile individuell erstellte Gesprächsstrategie einsetzen, ist das nur die logische Fortsetzung seiner Methode.

Doch Trump wird es diesmal schwerer haben. Facebook verliert Nutzer und damit verliert Trump wertvolle Daten für Targeting und Werbebotschaften. 44 Prozent der 18- bis 29-Jährigen haben die App laut aktueller Pew-Research-Umfrage gelöscht, die Datenskandale dürften erheblich dazu beigetragen haben. Daraus ergeben sich drei wesentliche Erkenntnisse: Digitale Politikkampagnen sind schneller überholt, als eine Regierungsperiode dauert. Big Data genügt nicht, um Wähler zu gewinnen. Und Menschen sind mündig genug, um sich gegen Beeinflussung zu wehren. Am 6. November könnten sie es beweisen.

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