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Thurnher und Noll: Die Apokalyptiker vom Dienst

Armin Thurnher will nicht der "Apokalyptiker vom Dienst" sein - ist es dann aber doch.
© Irena Rosc

Alfred Noll vom Medienhaus Wien und Falter-Herausgeber Armin Thurnher diskutieren über die Zukunft des Journalismus. Zumindest in der Theorie

Diese Analyse erschien am 9. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 41/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

In diesem Oktober organisieren der Presseclub Concordia, das Medienhaus Wien und das Forum Journalis und Medien Wien (fjum) die Veranstaltungsreihe Journalism 2020. ­Neben einem Symposium Ende des Monats für geladene Gäste findet in den Wochen zuvor eine offene Talk-Reihe statt, bei der über die Zukunft des Journalismus geredet werden soll. Gefördert wird diese übrigens von der Stadt Wien und - Überraschung - Google. Den Anfang machte nun ­Alfred Noll, Gesellschafter des Medienhaus Wien, der mit Falter-Herausgeber Armin Thurnher diskutierte. 

Eine echte Debatte über die Zukunft des Journalismus, und welche Möglichkeiten durch die Digitalisierung entstehen, fand dann aber nicht statt. Noll und Thurnher blickten eher zurück und analysierten die Fehler der Vergangenheit, wobei auch da eher Altbekanntes zutage trat: Die Verleger haben in den 90er-Jahren damit angefangen, ihre Inhalte im Netz zu verschenken und können sie jetzt nicht anständig finanzieren. „Die Verleger haben ihr eigenes Grab geschaufelt“, sagt Thurnher. 

Silicon Valley als Beschleuniger

Dieser Trend würde jetzt durch das ­Silicon Valley noch beschleunigt, warnt der Falter-Herausgeber. „Die Verleger nehmen sich einfach eine neue Schaufel, pilgern ins Silicon Valley und schauen, wie sie ein noch tieferes Grab schaufeln können.“ Das sei so, als wenn Lämmer zu Metzgern gehen und sich dort Tipps holen, wie ihre ­Koteletts noch besser werden können. Das Silicon Valley sei ein „Schwarzes Loch mit sektenhaften Zügen“. 

Wirkliche Antworten auf die drängensten Fragen, wie man Informationen im Netz beispielsweise finanzieren könnte, haben Noll und Thurnher leider nicht. Beim Falter habe man online von Anfang an keine Artikel hergeschenkt, betont Thurnher. Dass die Webseite der Zeitung allerdings aussieht wie aus der Zeit gefallen, weiß auch er. „Wir haben uns das Bild eines digitalen Idioten eingehandelt. Das nehme ich aber gelassen hin“, sagt er. Schließlich funktioniere der Falter auch, weil er kein Online-Medium sei. „Wir haben nichts verschenkt, das ­Publikum ist es auch nicht gewohnt, etwas von uns gratis zu bekommen.“ Dass es keinen anständigen Online-Auftritt des Falter gibt, liege aber ­natürlich auch an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Grundsätzlich habe der Falter eine gute Größe, „mit der wir den Qualitätskurs fortsetzen können“. Andere Qualitätsmedien hätten es da schwerer, weil sie zum Teil gegen Boulevard­medien antreten, die keine Grenzen kennen. „Nischenprodukte haben bessere Chancen am Markt“, sagt Thurnher. Aber er sagt auch: „Wer eine Tageszeitung abonniert, ist ein Idiot, die bekommst du ja geschenkt.“

Quo vadis Qualität?

Apropos Qualitätsmedien: Hier sieht Medienhaus-Wien-Gesellschafter Noll Österreich auf dem Abstellgleis. „Unsere Qualitätsmedien sind nur Parodien von Qualitätsmedien.“ Er halte entsprechende Angebote für „unaufklärerisch und undemokratisch“. Thurnher pflichtet ihm bei: Auch den ORF könne man nicht als Qualitätsmedium bezeichnen, weil dieser von der Kommerzialisierung getrieben werde. 

‚Nicht die mediale Caritas spielen‘

Trotz aller Kritik an vermeintlichen Qualitätsmedien oder dem historischen Fehler, Inhalte online zu ­verschenken, ist sich Armin Thurnher sicher: Auf Dauer muss ein journalistisches Angebot online präsent ein. „Das ist der neue Aggregatzustand.“ Die Zeitungsverleger müssten das nur eben mit Modellen machen, mit denen man überleben könne. Sie sollten nicht „die mediale Caritas spielen“. Er selbst habe mehrere Digitalabos, sagt Thurnher. Auch bei den Krautreporter hat er sich angemeldet. „Da sehe ich aber kein tragfähiges Geschäfts­modell“.

Die Ambivalenz der Medien, zwischen Vierter Gewalt im Staat und Geldmaschine für Verlage, wird bleiben, glaubt Thurnher. „Das war immer schon so und muss nicht unbedingt ­etwas Schlechtes sein.“ Dennoch sehe er durch die stetig wachsenden Rendite­erwartungen eine Abwärts­spirale. „Ich bin aber nicht gern der Apokalyptiker vom Dienst“, so Thurnher. Schließlich gebe es auch Chancen. „Wenn der Wandel so weitergeht und Qualitätszeitungen sterben, kann es schon sein, dass online etwas Neues entsteht.“ 

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