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Talente made in Austria

© Facebook

Seattle, der Tech-Hub an der US-Westküste: Mitten in einer Welt, wo Business King ist, leben drei Österreicher ihren amerikanischen Traum bei Facebook und Co.

Dieser Bericht ist zuerst in Ausgabe Nr. 41/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Ein Lotteriegewinn hat entschieden: Ronald Tschech, Grazer IT-Spezialist, ist einer der jährlich 50.000 Ausländer, die die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für die USA via Greencard gewinnen und eine der knapp 1,13 Millionen Personen, die 2017 legal und dauerhaft in die USA gingen. „Nach zehn Jahren gewannen wir die Greencard über eine Berliner Firma“, erzählt Tschech.

Tschech studierte IT-Business und Internationale BWL in Wien. „Ich habe vor der Auswanderung vor zwei Jahren meinen PMP, Project Management Professional, gemacht. Das ist die beste Zertifizierung für Projektmanager in den USA. Die vierstündige Prüfung kann man am WIFI ablegen.“ Heute ist er Senior Project Manager beim Microsoft-Gold-Partner Sopris und implementiert bei US-Energielieferanten standardisierte Prozesse mit ERP/CRM-Dynamics von Microsoft, sodass Daten optimal verfügbar und ausgewertet werden können – aktuell an einem Projekt für einen Energielieferanten aus Oklahoma. Damit ist er in einem laut Daten von Statista allein in den USA 18 Milliarden Dollar schweren Business tätig.

Wenn man sich als IT-Spezialist für die „Big Five“ in den USA bewirbt, ist das Verfahren nicht mit dem in Österreich vergleichbar. Das fängt mit dem LinkedIn-Profil an, das die Basis für den schnellen Erfolg sein kann. Tschech bekommt so „dreimal die Woche konkrete Jobanfragen auf LinkedIn. In Seattle suchen IT-Unternehmen dringend gute Leute“. Eine Hürde zum Tech-Job müsse aber jeder überwinden, der in den USA Fuß fassen will: umfangreiche Bewerbungsgespräche, die gut fünf Interviews zu je einigen Stunden dauern können. Dabei wird der Bewerber von der Personalabteilung über den Chef bis zum künftigen Team interviewt. Wenn ein Angebot vorliegt, ist es in den USA üblich, das Jahresgehalt, das sich in der IT-Branche bei anfangs 150.000 Dollar im Jahr einpendeln kann, zu verhandeln.

„Für die Bewerbungsgespräche habe ich mich intensiv mit Literatur und Online-Tutorials vorbereitet“, sagt auch der 34-jährige Christoph Purrer, der heute Software Engineer bei Facebook ist. Er hat einen Bachelor in Medientechnik und Design und machte seinen Master in Mobile Computing an der FH Hagenberg, wo er nun jährlich Vorträge für Facebook hält und damit jungen heimischen Talenten den Weg in die USA ebnet. Das ist dem Oberösterreicher ein Anliegen, denn er hat die Erfahrung gemacht, dass es „von Europa aus schwierig ist, einen Fuß in die Tür zu bekommen“.

Flache Hierarchien 
Angefangen hat Purrer, nachdem er sich im letzten Master-Studienjahr von Österreich aus beworben hatte, bei Microsoft in Redmond. Dort arbeitete er im Windows-Phone-Team. „Das Produkt war nicht erfolgreich, und ich wechselte zum App-Team, das quasi ein kleines Start-up innerhalb von Microsoft war.“ Nach fünf Jahren kam er Ende 2017 zu Facebook, damit ist er einer der heute etwa 5.000 Mitarbeiter in der Region. Aber: Bei Facebook bewirbt man sich nicht auf eine ausgeschriebene Stelle, sondern zunächst als Softwareentwickler. „Wir haben sehr flache Hierarchien. Jeder Bewerber durchläuft ein zweimonatiges ‚Boot Camp‘“, so Purrer, „in dem künftige Mitarbeiter in Intensivtrainings auf die Arbeit vorbereitet werden. Es gibt eine interne Jobbörse, bei der man ein paar Tage bei verschiedenen Teams mitarbeiten kann.“

Purrer arbeitet im Messenger-Desktop-Team, das es seit etwa einem Jahr gibt und die App weiterentwickeln soll. Zu den Gründen, eine Desktop-Version in einer Mobile-affinen Zeit zu machen, sagt er: „Wir wollen damit dort präsent sein, wo Facetime und Skype sind.“ Das strategische Ziel sei es, Power User zu erreichen, das sind „mehrere Millionen User auf der Welt, Heavy Gamer und auch Business-Leute, die Messenger im Hintergrund offen haben.“ Derzeit arbeite man „aber noch recht fleißig“ an dem Produkt. Messenger für Desktop soll es bis Ende des Jahres geben.

Aller guten Dinge sind drei 
Philipp Schonger, geborener Innsbrucker und leidenschaftlicher Kitesurfer, ist einer der knapp 40.000 Mitarbeiter im Microsoft Headquarter in Redmond. Der Campus, der neben Bürogebäuden einen Fußballplatz, Restaurants und Shops wie Fahrradwerkstätten und Telekom-Anbieter beherbergt, soll bis 2022 auf insgesamt 131 Gebäude für dann 47.000 Mitarbeiter erweitert werden.

Schonger verbringt bereits sein halbes Leben in den USA, dabei wollte der charismatische Aussteigertyp anfangs nur sein Englisch verbessern. „Aus dem Sprachaufenthalt ist ein gut bezahlter Job bei Microsoft geworden, wo ich zunächst als Software Test Engineer an der deutschen Version von Windows 98 arbeitete.“ Das Besondere an seinem Werdegang: Insgesamt dreimal stellte ihn das Tech-Unternehmen wieder ein. „In meiner Microsoft-Karriere hatte ich in etwa alle sieben Jahre eine Pause. Einmal habe ich selbst, einmal wurde ich aufgrund einer Reorganisation gekündigt. Da bin ich um die Welt gereist.“

Als Senior Network Security Program Manager in der Abteilung „Cosine, Devices & Gaming“ mit über 250 Security-Spezialisten ist Schonger für die Netzwerkinfrastruktur verantwortlich. „Wir sichern Services und Software, schützen kritische Ressourcen – High Value Assets –, überwachen und reagieren auf potenzielle Angriffe.“ Zurzeit arbeitet sein zehnköpfiges Team an „MultimillionenDollar-Projekten, um unsere Netzwerkinfrastruktur zu stärken“.

Stark ist auch Schongers Lebensziel: „Ich möchte mit 45 in Pension und finanziell unabhängig sein. Das werde ich schaffen.“ Er hat die vergangenen 18 Jahre gut die Hälfte seines Jahresgehaltes in einen privaten Pensionsversicherungsfonds investiert, der von Microsoft zusätzlich mit finanziellen Zuckerln belohnt wird. Mit seinem Siebenjahres-Rhythmus ginge sich dann bald die nächste Weltreise aus. Ob er dann wirklich ins Flugzeug steigt?

Diese Geschichte ist im Rahmen der zweiwöchigen TransAtlantic Storytelling Summer School 2019 des fjum_ forum journalismus und medien entstanden.

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