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Sportrechte: „ORF ist eine Art Lebensversicherung“

Leidenschaftliche Diskussion beim "Sportpanel"
© Johannes Brunnbauer

Beim „sportlichsten Panel der beiden Tage“ ging es um den Sportkonsum der Zukunft. Wie wird sich unser TV-Konsum im Zeitalter der Rechtefragmentierung verändern?

Wie international festzumachen, hat sich auch in Österreich der Rechtemarkt in jüngster Vergangenheit stark verändert. Mit oe24, laola und Sky mischen neben dem ORF immer mehr Player mit. Christoph Peschek zeigte sich dennoch überzeugt, dass man auch in Zukunft einen guten Kommunikationskanal für die Zielgruppe bieten könne und verwies zudem auf die neue Plattform seines SK Rapid. Nikolaus Beier meinte, es sei immer eine Herausforderung, neue Rechte oder den Verlust alter Rechte mitzuteilen – die Bundesliga-Highlights habe man schon seit 12 Jahren, neu ist nur, dass der zeitliche Abstand zum Live-Spiel geringer geworden ist. „Wir sind näher dran am Spiel“, meint er.

ORF-Sportchef Hans-Peter Trost, der zuletzt den Verlust der TV-Rechte an Champions League und Bundesliga hinnehmen musste, zeigte sich nicht überrascht von der Tatsache, dass man künftig kein Livespiel mehr am Sonntag anbieten könne. Das einzig Verwunderliche sei, dass diese Entwicklung so spät gekommen sei. Neben den Formel-1-Rechten, die man immer noch besitze, gehe es nun darum, interessante Sportarten – nicht nur Fußball – zu zeigen. Kein Mensch hätte sich den Erfolg von Hallenhockey und Damenfußball vorstellen können. Der Erfolg sei aber „enden wollend“ und werde nicht die Champions League ersetzen, gestand Trost ein. Der ORF werde sich nun doppelt und dreifach bemühen und noch intensiver auf Kundenbedürfnisse eingehen. Die jüngsten Verluste im Fußballbereich seien schmerzlich, man halte hier aber immer noch viele Rechte, wie etwa die Nations League und den ÖFB-Cup.

Bernhard Neuhold, Geschäftsführer der ÖFB Wirtschaftsbetriebe, sah in der aktuellen Situation eine riesige Chance für den ÖFB. Die Rechte am Herrennationalteam seien zwar an die Uefa abgetreten, die diese Rechte zentral vermarktet. Den ÖFB-Cup und das Damen-Nationalteam  vermarkte man aber gerne selbst. Man hätte auch diese Rechte an Externe abtreten können, man sei aber vom Produkt überzeugt. Dabei ist es auch wichtig, einen verlässlichen Partner im Free-TV zu haben, so Neuhold. Denn der Werbewert sei bei steigender Paywall-Einführung immer ein Thema und der ORF daher „eine Art Lebensversicherung“.

Für Rapid sah Peschek, dass man einen vernünftigen Mix aus Pay-TV und Free-TV geschafft habe. Es sei sichergestellt, „dass es keine radikalen Einbrüche geben wird.“

Weg vom großen Fernseher?
Verlagert sich der TV-Konsum der Zukunft dank der zunehmenden Streaming-Angebote weg vom großen Fernseher, wollte Moderator und stellvertretender HORIZONT-Chefredakteur Jürgen Hofer von seiner Runde wissen. „Über kurz oder lang wird der Kanal völlig egal“, meint Beier. Dennoch bleibe der „Big screen“ wichtigster Kanal für Sportkonsum. Auch Neuhold sah am Ende die Qualität des großen Bildschirms für den Konsumenten als entscheidend an, das Smartphone werde man eher in Ausnahmefällen benutzen. Peschek gab zu bedenken, dass Streaming auch am TV möglich sei, gerade beim Sport sei das Live-Erlebnis aber wichtiger als bei anderen TV-Sparten, bei denen der On-demand-Gedanke weiter um sich greife. Trost meinte, Live-Sport spiele sich am Nachmittag, Abend oder am Wochenende ab. Niemand wolle da auf einem „Liliputanerbildschirm“ schauen. Er erwartet einen noch stärker fragmentierten Live-Inhalt und mehr Player aus dem Silicon Valley. Daraus folge, dass Werbevolumen aus dem österreichischen Markt abfließe. Die sozialpolitische Komponente werde oft übersehen: Viele würden sich das Angebot aus den vielen unterschiedlichen Quellen nicht leisten können.

Zum Thema der Refinanzierung verwies Beier auf das angebotene Premium-Angebot für 4,99 Euro im Monat und höherer Qualität, das Gros werde aber über Vermarktungserlöse eingenommen. Auch er sieht das Silicon Valley als größte Herausforderung Silicon Valley. Dagegen gelte es, zusammenzuarbeiten. Man müsse alle Stärken in einen Topf werfen, auch Laola arbeite mit vielen Unternehmen zusammen.

Immer mehr Stadien bieten WLAN an, sind daher spezielle Angebote während des Spiels denkbar? Bernhard Neuhold gab zu bedenken, dass der ÖFB stark von der jeweiligen Stadion-Infrastruktur abhängig sei. Die sie oft eingeschränkt, deshalb habe das nicht stattgefunden. Mittelfristig werde das aber ein Thema sein. Christoph Peschek betonte zudem, dass Augmented Reality bei Rapid ein großes Thema sei, etwa bei Stadionführungen und der Stadionzeitung gebe es Ansatzpunkte.

Wurscht statt Datenbrille
Zur Augemented Reality hatte Hans-Peter Trost einen besonders pointierten Ansatz: „Ich will nicht, dass Pariasek und Prohaska bei mir im Wohnzimmer sitzen“, meinte er. Der Konsument müsse sich fragen: „Was bringt das für mein Leben?“. Letztendlich müsse jeder selber sehen, wie er konsumiert. Ihm persönlich seien „Wurscht und Bier“ wichtiger als Datenbrillen. Und die „Zeichnerei vom Mählich“ sei nett, aber er wolle sehen „Wie hod der des Tor einighaut?“

Den Trend zum klubeigenen Fernsehen sahen alle Teilnehmer auf sich zukommen. Peschek etwa will für Rapid TV ein breites Redaktionskonzept erarbeiten lassen um den Fans umfangreiche Infos über ihren „Herzensverein“ zu bieten. Die Plattform werde aber nicht der einzige Kommunikationskanal sein. Auch Neuhold will ein eigenes Angebot schaffen, ergänzend zu den bisherigen Livestrecken im Internet, um den ÖFB „anfassbarer“ zu machen und auch neue Werbeformen zu schaffen, um den Partnern etwas anzubieten, „was nicht im normalen Leben zu haben ist.“ Beier sah die Entwicklung, die sich nicht aufhalten lassen werde, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Schließlich sei Mutterkonzern Sportradar bei der Streaming-Infrastruktur Weltmarktführer, aus Sicht des Mediums sehe das anders aus. Schon jetzt sei es schwer, etwa einen Bayern-Spieler zu einem Interview zu bekommen.

Die Runde endete mit einem Experten-Tipp. Beier und Neuhold präsentierten sich einig - emotional waren beide für England, rational für Brasilien. Peschek war bis zuletzt klar für Spanien, die wenige Stunden vor dem WM-Beginn aber nun ihren Trainer gefeuert hatten. Trost wünschte sich scherzhaft Panama „für die Quote“, ansonsten lautet sein Tipp: Frankreich

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