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Schwarze Schafe

© Sabine Klimpt / Manstein Verlag

Vom Dilemma der Pitchkultur, die nachhaltig ganze Berufsstände schädigt. Und warum daran nicht die Branche in ihrer Gesamtheit Schuld trägt. Leitartikel von Jürgen Hofer, Chefredakteur

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 36/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Es gleicht mittlerweile doch ein wenig dem sprichwörtlichen Amen im Gebet: Wer „Pitch“ sagt, bekommt reflexartig „Unkultur“ entgegnet; wer kreative Leistung meint und zeigt, wird mit der Preisskandalkeule erschlagen. Kuriose Ausschreibungen, mangelnde Transparenz oder auch keinerlei Wertschätzung sind nach wie vor keine punktuellen Phänomene, sondern werden als beinahe systemimmanent beklagt.

Was oft in Tiefen persönlicher Gespräche unter vorgehaltener Hand schlummert, soll dann aber meistens bitte auch dort bleiben – ganz verscherzen will es sich manch einer trotz des großen Ärgernisses mit potenziellen Auftraggebern auch wieder nicht. Was wiederum unter öffentlicher Aufmerksamkeit breit diskutiert wird, ist oft politisch motiviert, populistisch betrieben und von wenig Sachkenntnis und Faktentreue begleitet – siehe Markenaufbau der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) oder Preisdebatte beim Rebranding der Stadt Wien.

Und so bleibt im Endeffekt meist das Mascherl „zu teuer“ oder „komplett intransparent“ haften. Faktenlage? Sekundär! Unkulturen werden oft von Einzelnen ausgeformt. Das daraus resultierende Dilemma im Kontext der Pitchkultur wurde schon zu früherer Zeit an dieser Stelle als unlösbar tituliert. Immer wieder rufen Branchenvertreter nach neuen Regeln und Maßstäben. Honorarmodelle müssten überarbeitet und mehr Transparenz in Ausschreibungen und Verträge gebracht werden, dazu rechtliche Rahmenbedingungen in gewissen Bereichen das ideale Zusammenspiel vorgeben. Wie schwer solche Überlegungen, getragen von einem Gutteil der Agenturszene, in die Praxis zu bringen sind, zeigt auch der Round Table am Cover dieser Ausgabe. Intention wahrlich gut, Umsetzung umso schwieriger.

So bleibt vor allem die Gewissheit darüber, dass Pitchunkultur einiger weniger ganze Berufsstände in Misskredit bringt. Und einer es immer billiger tun wird.