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Schluss mit Jammern

Jenseits des HORIZONT

Jeff Bezos griff in die Washington Post kaum ein. Sagt man. Nunmehr kann eine neu konzipierte Online-Ausgabe direkt auf Amazons Kindle installiert werden. Erster Eindruck: hervorragend. Medienadäquat.
Wired, der Klassiker unter den New-Media- und IT-Zeitschriften, ist wieder da. Ein Magazin, das an die ersten Zeiten des Reportagenjournalismus erinnert. Online wird Hochglanzpapier.

Der Springer Verlag hat sich die europäische Lizenz für Politico gesichert. Es soll ein europäisches, kritisches Nachrichtenportal werden, wie das Vorbild aus Washington, das intellektuell investigative Leitmedium der US-Politszene. Europa bekommt ein publizistisches Sprachrohr.
DuMont Schauberg bringt mit Xtra eine „Zeitung für die Jugend“ auf den Markt. Eine Tabloid-Zeitung, die ein wenig an die heimischen Gratismedien erinnert.

Vice startet mit einem Newskanal, BuzzFeed Deutschland kommt. Die Süddeutsche investiert in die Wochenendausgabe, die Neue Zürcher Zeitung versucht ein Österreich-Portal.

Das Handelsblatt ist stolz auf seine Global Edition und mit dem StarsTube erhält der weltweit größte Videodienst eine Print-Dimension: zwar etwas Bravo-befeuert, aber immerhin.

Und alle reden von der Krise. Vom Ende der Medien, vom Ende des Qualitätsjournalismus. Ein österreichisches Jammertal des Selbstmitleids. Mutige Beispiele zeigen, dass keine Zeit zum Jammern ist.
Orientierung, Strukturierung, ak­tiver fantasievoller Widerstand gegen die News- und Feed-Schwämme im Netz, Rettung des aufklärerischen Anspruchs – auch das ist ein Bedürfnis des Konsumenten des 21. Jahrhunderts.
Medien- und Medien-Businesstreibende wären gut beraten, etwas mehr Mut zu Vision zu haben(falls sie dazu in der Lage sind) als sich nach scheinbar demoskopisch erhobenen Trends zu richten und ihnen nachzuhecheln. Das Themenhaus der Gruner + Jahr-Gruppe ist abschreckendes Beispiel. Die vielen hilflosen Redaktionszusammenlegungen in den Lokal- und Regionalpressen sind gleichermaßen Ausdruck falsch verstandener Krisen-Reflexe.

Mathias Döpfner hat vor einigen Monaten gesagt, es brächen goldene Zeiten für den Qualitätsjournalismus und für eine neue Medienqualität ­heran: Man müsse sich lediglich von Spartendenke (Hier Print, Hier Online und Multimedia) trennen.
Manche Entwicklungen geben ihm Recht. Was Döpfner vergessen hat zu sagen: Dazu braucht man Verleger und Herausgeber seines Kalibers und Eigentümer, die an ihre Mission glauben. Es gibt sie.
Spannende Zeiten brechen heran: Selten noch gab es so viele Neustarts in der deutschsprachigen Medienbranche, und selten so viel Gejammer. ­Anlass zum Jammern haben lediglich diejenigen, die seit Jahren strukturelle Neuerungen verweigert haben, Layout-Kosmetik und Content-Aufweichungen betrieben haben, weil die Konsumenten es so wollten und der Werbemarkt freilich seine Plattformen woanders sucht.
Wer das Scheitern nicht riskiert, wird es nicht schaffen. Eine Binsenweisheit. Es leben die neuen, alten Medien.

[Jenseits des HORIZONT]

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