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Schaffer: "Wir wollen nicht nur für die kleine Twitteria schreiben"

Ein Raum, ein Tisch, eine Website: Mit drei weiteren Mitarbeitern produziert Tom Schaffer online das neue „Moment“-Magazin.
© Stefan Binder

Progressiv, nicht links, will das neue Online-Magazin „Moment“ sein. Redaktionsleiter Tom Schaffer im HORIZONT-Interview über Ziele, Finanzierung und Ausbaupläne.

Noch wirkt alles recht provisorisch: Ein großer Tisch, an dem die Handvoll Mitarbeiter arbeitet, dominiert die karg eingerichteten Räumlichkeiten, im Videostudio nebenan wird noch aufgebaut. Und obwohl noch die eine oder andere Deckeninstallation fehlt, wird von dem kleinen Büro in der Märzstraße im 15. Wiener Gemeindebezirk bereits das neue "Moment"-Magazin produziert: Vier Mitarbeiter unter der Leitung von Tom Schaffer (früher Kurier, davor Standard) wollen von hier aus „Ungerechtigkeiten kritisieren, Probleme erklären und Lösungen aufzeigen”, wie es im ersten Beitrag auf der Website unter moment.at heißt.  

Der gesamte Apparat – das Momentum-Institut unter der Leitung der ehemaligen ÖH-Vorsitzenden Barbara Blaha (VSStÖ) – wie auch das Magazin sollen spendenfinanziert sein. Im HORIZONT-Interview sprach Redaktionsleiter Schaffer über Ziele, Finanzierung und Ausbaupläne. 

HORIZONT: Ich bin verwirrt. Begonnen hat alles mit dem Projekt360, jetzt gibt es ein Momentum-Institut und ein "Moment"-Magazin. Wer macht was?
Tom Schaffer: Es gab zunächst den Gründungsverein, das Projekt360, aus dem das Momentum Institut hervorgegangen ist. Zu diesem Momentum Institut gehört auch das "Moment"-Magazin mit der Redaktion. Im Institut wird Forschung betrieben, da geht es darum, als Think Tank zu arbeiten. Gleichzeitig sitzen wir zu viert in der Redaktion von Moment.at, die ich leite. 
 
Woher kommt das Geld dafür? Gibt es einen Unterschied der Finanzierung zwischen Institut und Magazin?
Schaffer: Die Finanzierung läuft über das Momentum-Institut. Das ist ein Topf und läuft ausschließlich über Spenden-Finanzierung. Unser Ziel ist es, so viele Spender wie möglich zusammenzubringen, um unabhängig arbeiten zu können. Wir werden das alles im Laufe des ersten Jahres veröffentlichen. Als Redaktion haben wir mit der Finanzierung aber nichts zu tun. Wie in einem klassischen Medienhaus: Sales-Abteilung da, Redaktion dort. Das Institut macht die Finanzierung, und wir machen unsere Arbeit als Redaktion. 
 
Ist auch in Zukunft ausschließlich Finanzierung über Spenden geplant? Keine Werbung, keine Kooperationen?
Schaffer: Werbung ist keine geplant. Das würde nicht mit unseren Zielen zusammenpassen: Redaktionell konstruktive Arbeit zu leisten und nicht unbedingt auf Klicks schauen zu müssen, um Werbung auszuspielen. Wenn es sinnvoll ist, können wir eine Geschichte direkt auf Facebook veröffentlichen und es schadet uns nicht.
Wir versuchen uns rein über Spenden zu finanzieren. Je breiter die Spenderbasis ist, desto unabhängiger können wir arbeiten. 
 
Unabhängigkeit nehmen viele Medien gerne für sich in Anspruch. Wenn man vom Leser finanziert ist, mag man vielleicht von der Werbebranche unabhängig sein.  Abhängig ist man dennoch ­- nämlich vom Leser. 
Schaffer: In unserer Welt gibt es niemanden, der wirklich unabhängig ist. Man kann sich nur aussuchen, von wem man wie stark abhängig ist. Wir sind abhängig davon, dass Leute uns lesen, uns mögen und uns unterstützen. Im Endeffekt bist du als Journalist immer vom Leser abhängig. Manche haben das vielleicht vergessen, aber man arbeitet für den Leser. Nicht für irgendwelche Eigentümer, die einen finanzieren. Ich bin lieber von tausenden oder zehntausenden Spendern abhängig, als von einzelnen Werbeinteressen, Milliardären oder Banken, die meine Zeitung besitzen. 
 
Gibt es Ausbaupläne für die Redaktion?
Schaffer: Das hängt stark davon ab, ob wir es uns leisten können.  Momentan sind wir ein sehr kleines Team, mit einem extrem ehrgeizigen Programm und Plänen. Jede Spende, die wir bekommen, hilft uns mehr Leute zu bekommen.
 

Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Momentum-Instituts wird im Büro in der Märzstraße gearbeitet.

Was ist an Themen, Geschichten und Erzählformaten zu erwarten?
Schaffer: Wir sind ein progressives Medium, wir wollen sehr stark erklärend und einordnend arbeiten. Dabei aber immer auf unsere progressive Mission Bezug nehmen: Was hilft den Vielen, was hilft denen, die es sich nicht richten können. Wir wollen sehr stark in konstruktiver Hinsicht arbeiten. Das heißt nicht immer nur Probleme zu bejammern, sondern auch Lösungen aufzuzeigen. Journalismus mit Haltung und auf Augenhöhe. Wir wollen Menschen, die in der Gesellschaft keine mächtige Position haben und anderswo oft nur Gegenstand der Berichterstattung sind, eine Plattform bieten.
 
Viele der Standpunkte würde man als klassisch links bezeichnen.
Schaffer: Wir sind progressiv. Es finden sich mit Sicherheit in vielerlei Hinsicht linke Haltungen, aber es sind auch viele liberale Elemente dabei. Wenn man will kann man das in links und rechts einordnen. Wir sagen progressiv dazu - auch weil das Wort nicht so vorbelastet ist wie "links". Man ist damit auch nicht sofort in einer Schublade drin. "Links" bedeutet für viele Menschen auch ein starreres Bild von der Welt, als wir es eigentlich transportieren wollen.
 
Man könnte nun einwenden: Warum muss man dafür ein neues Medium gründen und damit quasi in Konkurrenz zu den bereits bestehenden Medien treten, die ohnehin große Finanzierungsschwierigkeiten haben. 
Schaffer: Weil das, was wir machen, in den bestehenden Medien schlichtweg unterrepräsentiert ist. Standard und NZZ sind liberale Medien, andere sind konservativ oder im Besitz von Banken und Milliardären. Wir wollen das Gegenstück dazu sein: Finanziert von den Vielen, für die Vielen. Das bedeutet auch eine andere Perspektive einzunehmen, als sie in Medien sehr häufig anzutreffen ist.
Das "Moment"-Magazin ist unsere eigene Plattform. Wenn andere Medien kooperieren wollen, sind sie herzlich willkommen. Wir stehen zwar schon in Konkurrenz, aber so, dass man auch zusammenarbeiten kann. Das ist auch der Vorteil des Spendenmodells: Wir können veröffentlichen, wo wir wollen. Wir nehmen auch niemanden den Werbekuchen weg, weil wir keine Werbung schalten. 

Man gründet nicht aus Jux und Tollerei einen Think Tank. "Denkfabriken" wollen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nehmen und zwar im Sinne ihrer Ideologie. Wie passt das mit Journalismus zusammen?
Schaffer: Der Think Tank will auch auf Basis von richtigen Informationen Vorschläge erarbeiten. Die Aufgabe des Think Tanks ist es, wissenschaftlich zu arbeiten und wissenschaftliche Basis für Argumente zu schaffen. 
 
Hauptaufgabe von Journalismus ist es zu informieren. Wenn ich aber an einem Think Tank angedockt bin, der seine eigene Vorstellungen von Politik verbreiten will, funktioniert das doch nicht.
Schaffer: Ich bin mir relativ sicher, dass man in Österreich bei fast allen Journalisten erkennen kann, wo sie politisch stehen. Auch wenn sie sich nach außen hin unpolitisch geben und natürlich danach streben politisch unabhängig zu sein. Einer der wichtigsten Claims bei uns ist "parteipolitisch unabhängig". Wir sind nicht in einer Kiste mit einer Partei. Wir haben eine Haltung. So etwas hat in Wirklichkeit jeder Journalist. Jeder Journalist weiß, wen er wählt. Jeder Journalist hat eine Meinung zu den Themen, zu denen er berichtet, aber versucht sie irgendwie vor dem Leser zu verstecken. Das tun wir nicht. 
Das ist auch immer ein Spannungsfeld im Journalismus. Man kann als Journalist nicht sagen, man sei unpolitisch und meine Fakten seien neutral. Das stimmt nicht. Alleine durch die Auswahl, die man trifft, ist man in irgendeiner Form politisch. Wir sagen sehr klar, woher wir kommen und machen es transparent. Wir versuchen trotzdem Fakten zu berichten und werden nichts unterschlagen.
 
Gegenprobe: Kann ein Leser, der das "Moment"-Magazin liest, mit den Informationen, die er von der Redaktion bekommt, am Ende des Tages zu einer nicht-progressiven Ansicht kommen?
Schaffer: Wenn die Fakten, die wir diesem Leser präsentieren, ihn nicht überzeugen, wenn ihm die Leute, die wir vor den Vorhang holen, egal sind, dann kann er auch zu einer anderen Meinung gelangen. So wie man den Standard lesen und trotzdem rechtsextrem sein kann.

Was ist die Metrik für den Erfolg?
Schaffer: Wir sind das Magazin und der Think Tank für die Vielen. Unser Ziel ist es, ein breitenwirksames Medium zu sein, das viele Menschen in Österreich erreicht. Wir wollen nicht nur für die kleine Twitteria und die journalistische Bubble schreiben. 
 

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