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Ruzicka öffnet die Schatzkiste der Mediaagenturen

Der ehemalige Zentraleuropa-CEO von Aegis Media Aleksander Ruzicka (rechts) mit seinem Rechtsanwalt Marcus Traut. Foto: Pressedienst Hörrlein

Hochspannung beim Prozess in Wiesbaden

Auf den Tag genau zwei Jahre nach seiner Verhaftung sagte Aleksander Ruzicka am vergangenen Freitag erstmals vor Gericht aus. Er legte dabei kein Geständnis ab. Ruzicka blieb bei dem was er der Staatsanwaltschaft im März 2007 und zuletzt vor einem Jahr im Interview mit zwei deutschen Werbemagazinen gesagt hatte. Bis zuletzt wurde hinter den Kulissen darüber gerungen, ob wie und wann sich Ruzicka öffentlich äußern darf. Bei den Ermittlern hatte er im März 2007 ganze zehn Tage lang zur Sache ausgesagt. Der öffentlich zugängliche Zuschauerraum im Saal 135 des Landgerichts Wiesbaden füllte sich auffallend schnell. Ebenso auffallend unauffällig nahmen diverse Rechtsanwälte im Zuschauersaal Platz und notierten in den nächsten drei Stunden sehr eifrig. Ihre Mandanten wollten sie nicht nennen. Jedoch liegt der Schluss nahe, dass sie von Werbekunden und anderen Mediaagenturen beauftragt wurden. Auch doppelt so viele Journalisten wie an anderen Verhandlungstagen hatten sich eingefunden.



„Schmutzige Tricks“

Drei Stunden lang hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Aleksander Ruzicka öffnete die „Schatzkiste der Mediaagenturen“ über deren Inhalt bisher nur spekuliert werden konnte. Ruzicka und sein Vorgänger Kai Hiemstra haben die europäische Mediabranche seit den 1970er Jahren entscheidend geprägt. Aegis Media selbst schrieb in der als anonym getarnten Anzeige gegen ihren damaligen Zentraleuropa CEO Ruzicka: „Er kennt alle schmutzigen Tricks“. Nun sitzt Ruzicka auf der Anklagebank und wird alles sagen was seiner Meinung nach der Verteidigung dient. Ein Super-GAU für die sensible Werbe- und Medienbranche.



„Non sustainable income“

Ruzicka führte aus, dass Aegis Media unter seiner Führung in den Jahren 2001 bis 2005 bei sinkenden Umsätzen die Volumen aus Naturalrabatten und damit die Gewinne markant steigern konnte. Die Kostenauslagerung an Drittfirmen sei Teil des Businessplanes gewesen. Dies sei unter Ruzickas Vorgänger Kai Hiemstra entwickelt und später in Kenntnis der Finanzchefs Hans-Henning Ihlefeld und Andreas Bölte verfeinert worden. Es sei Unternehmensstrategie Vergütungen für die Beschaffung von zusätzlichem Freespace zu bekommen. Ruzicka relativierte das Billingvolumen an Kundengeldern von Aegis Media am Beispieljahr 2005. Wiesen die Analysten von Recma 3,8 Mrd. Euro aus, sei habe der tatsächliche Nettowert 60 Prozent weniger, nämlich 1,5 Mrd. Euro betragen. Bei einem gestaffelten Honorar von durchschnittlich 6,2 Prozent - bestehend aus 1,8 Prozent Basishonorar, 2,1 Prozent leistungsorientiertes Honorar, 0,8 Prozent für Sponsoring und Content sowie 1,5 Prozent “non sustainable income” z.B. für Abgeltung des Buchungsaufwandes - und nach Abzug aller Kosten sei ein Gewinn von 40 Mio. Euro verblieben.



Erfolgsverwöhnter Agenturmanager

Ruzicka habe im Jahr 1999 im Bereich Zentraleuropa ein Sammelsurium von defizitären Firmen übernommen und daraus auf Basis des deutschen Konzepts bis zum Jahr 2006 die Vorzeigeregion innerhalb des Mediakonzerns geformt. Die Region CEE habe 37,5 Prozent des weltweiten Gewinns von Aegis Media erwirtschaftet. Nach seinem Abgang sei dieser Anteil bis heute auf 10 Prozent gesunken, schätzt Ruzicka.

Aleksander Ruzicka schilderte dem Gericht den Buchungsablauf einer Mediaagentur. Zu Beginn jedes Monats werden die zu erwartenden Kosten mit einer ersten Schätzung auf Basis der Listenpreise und Rabatte als auch der außertariflichen Vorteile bei den Kunden abgerufen. Diese Guthaben würden im Einkaufsvorteilskonto, kurz EKV, jedes Kunden verbucht. Aegis Media trenne dabei strikt zwischen Agenturgeld und Kundengeld. Im EKV-Konto jedes Kunden könne daher nur Kundengeld stehen. In diesen EKV-Konten seien auch die Rechnungen von Emerson FF gebucht worden. So sei einerseits nie Agenturgeld betroffen gewesen, noch wäre additives Kundengeld angefordert worden, wenn Emerson FF nicht zum Einsatz gekommen wäre. Es könne daher gar kein Agenturgeld veruntreut noch ein Schaden entstanden sein, schilderte Ruzicka.



Die Rolle von Emerson FF

Ob die angeblichen Scheinrechnungen von Emerson FF tatsächlich aus den EKV-Konten bezahlt wurden, wollte das Gericht durch Sicherstellung der EKV-Listen mit den Buchungsvorgängen bei Aegis Media nachvollziehen. Trotz eines Gerichtsbeschlusses vom Jänner 2008 sind diese bis heute nicht zur Verfügung gestellt oder von der Staatsanwaltschaft Wiesbaden sichergestellt worden. Kunden von Aegis Media hatten ausgesagt, dass bei ihnen nichts fehlen würde, sie vertragskonform betreut wurden und alle vertraglich vereinbarten Mediaeinkaufsvorteile erhalten haben. Ruzicka behauptet, dass Emerson FF den Kunden von Aegis Media als externe CRM-Agentur präsentiert wurde und der Einsatz unter Punkt 3.3 der Kundenverträge mit Informationsbeschaffung geregelt sei. Laut Anklage hat Aegis Media jahrelang Scheinrechnungen von Emerson FF für Freispots bezahlt, die sich ohnehin im Besitz der Mediaagentur befanden. Zeugen von Aegis Media hatten ausgesagt, dass Emerson FF als externe Verrechnungsstelle bekannt gewesen sein soll um Rechnungen für Freispots zu erhalten, damit diese bei den Kunden besser vermarktet werden konnten.



„Professionelles Beziehungsmanagement“

Ein Geschäftsprinzip von Aegis Media sei es, an 70 Prozent aller nationalen Pitches teilzunehmen und davon ein Drittel zu gewinnen. Da viele Kunden jedoch gar nicht die Absicht hatten, ihre Mediaetats auszuschreiben, habe Aegis Media Pitches provoziert um das Neukundengeschäft zu forcieren. Die Idee des Pitches sollte beim Kunden entstehen und nicht durch Aegis Media herangetragen werden. Man habe ein professionelles Beziehungsmanagement entwickelt, bei dem Personenprofile von Marketingentscheidern und Meinungsmultiplikatoren mit psychologischen Entscheidungsfaktoren und Präferenzen erstellt wurden, so Ruzicka. So sei im Businessplan von Aegis Media festgehalten, welche leitenden Aegis-Mitarbeiter nach einem genauen Eventplan potentiellen Kunden zugewiesen werden und diese am besten spiegeln könnten. Zu diesem Zweck soll Aegis Media auch heute noch weltweite Repräsentanzen, Gästehäuser, Segelschiffe, Flugzeuge, Helikopter, Fischfangplätze oder einen Golfplatz in Marokko unterhalten. Es habe Einladungen zu den Salzburger Festspielen, zum Wiener Opernball, zum Jagen nach Ungarn und Südafrika oder bereits bei HMS/Carat-Gründer Kai Hiemstra zu Golfturnieren gegeben. Dies sei auch bei Banken, anderen Mediaagenturen und Medienanbietern üblich. So würde Aegis-Konkurrent WPP/GroupM ein eigenes Poloteam zum Zweck der Kontaktpflege und des Lobbyings unterhalten, so Ruzicka.



„Immer zum Vorteil der Agentur“

Im Ergebnis sei trotz eines Rückgangs der TV-Budgets um 25Prozent der Anteil an Freespace von 8,6 Prozent auf 11,3 Prozent erhöht worden. In den Jahren 2003 bis 2006 handelte es sich dabei um zusätzliche Freispots in einem Gesamtwert von 300 Mio. Euro. Im Ergebnis des Beziehungsmanagement sollen im gleichen Zeitraum Neukundengeschäfte im Ausmaß von 375 Mio. Euro hinzugekommen sein. Dies bedeutete in Summe einen zusätzlichen Gewinn von 34 Mio. Euro für Aegis Media, schilderte Ruzicka. Abschließend hielt er hörbar bewegt fest, dass er 22 Jahre für Aegis Media gearbeitet hat und auch heute noch der festen Überzeugung sei, immer zum Vorteil und im Interesse der Mediaagentur agiert zu haben. Das Verhalten und die Aussagen seiner ehemaligen Mitarbeiter würden ihn erstaunen. Ruzicka ließ einen Aktenordner mit neuem Beweismaterial vorlegen. Zudem wurden 15 Beweisanträge verlesen. Beides soll den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen belegen. Unter anderem soll Ruzickas Vorgänger Kai Hiemstra über seine Treuhandfirma PLV aussagen, die Ruzicka als Vorbild für sein Firmenkonstrukt genutzt haben will.



Fragen des Staatsanwaltes

Aegis Media hält an der Auffassung fest, dass Ruzickas Angaben irreführend seien und in keinem Zusammenhang mit den Vorwürfen stehen. Andreas Bölte, Ruzickas Nachfolger als CEO Zentraleuropa bei Aegis Media, hatte auf Nachfrage zu Beziehungsmanagement und Informationsbeschaffung Anfang August vor Gericht geäußert, dass ihm das nichts sagen würde und er auch nicht wisse was Aegis Media das hätte bringen sollen. Aegis Media behauptet einen Schaden von 51,2 Millionen Euro durch Ruzicka erlitten zu haben. Aleksander Ruzicka wird sich in der kommenden Woche den Fragen der Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Jürgen Bonk als auch von Staatsanwalt Wolf Jördens stellen.



Michael Ziesmann

Freier Journalist vom Prozess aus Wiesbaden

 

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