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Rudi Klausnitzer: "Zusam­menspiel von Social Media und klassischen Medien macht uns zu einer Empörungsgesellschaft"

Medienmanager Rudi Klausnitzer.
© Klausnitzer

Vom Ö3-Gründungsmitglied zum Senderchef: Rudi Klausnitzer (70) gilt als Radioveteran, war aber auch bei Magazin und TV sowie bei den VBW tätig. Anlässlich des 25. Jubiläums der ­Österreichischen Medientage verrät er, was ihn prägte und welche Aufbrüche er für die Zukunft erwartet.

Dieses Interview ist zuerst in bestseller #4 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken. Rudi Klausnitzer  war als Podiumsgast 1994 bei der Erstausgabe der Österreichischen Medientagen, die heuer ihre 25. Auflage feiern, vertreten. www.medientage.at

 

Von Radio bis zum Nachrichtenmagazin, übers deutsche Privat­fernsehen bis hin zur Musicalbühne – gab es im Laufe Ihrer beruf­lichen Stationen ein Erlebnis, an das Sie sich besonders erinnern?
Rudi Klausnitzer: Es gab auf diesem Weg so viele Erlebnisse, die ganz besonders ­waren und mir viel gegeben haben. Aber auch viele, die irgendwie skurril waren. Zum Beispiel als Medien kurz vor der Premiere von „Tanz der Vampire“ meldeten, dass es keine Premiere geben wird, weil der ­Komponist in L. A. verhaftet worden sei, während ich mit ihm in Wien an den letzten Songs arbeitete.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Gar nicht. Ich wusste ja, dass wir eine Premiere haben werden. Dass es ein großer Erfolg wird und das Musical auch 20 Jahre später ­international erfolgreich läuft, hätte ich mir nicht träumen lassen.

Bei der Verleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst hat der vormalige Kulturminister Thomas Drozda Sie folgender­maßen beschrieben: „Er bewegt sich überall wie ein Fisch im Wasser, paart Neugier, Verstand und schöpferische Fantasie.“ Wie zutreffend ­empfinden Sie das?
Ich vertrage ziemlich viel Lob, deshalb habe ich diese Beschreibung als durchaus zutreffend betrachtet. Im Ernst: Neugierde und Interesse an morgen und weniger an gestern war schon immer das, was mich treibt.

Die Österreichischen Medientage feiern dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Wenn Sie sich zurückerinnern: Was hat Sie im vergangenen Viertel­jahrhundert besonders beschäftigt?
Die Entwicklung der digitalen Technologien und das, was man heute unter Big Data und Social Media zusammenfassen kann, war das, was mich am meisten beschäftigt und die Medien- und Kommunikationslandschaft und unsere Gesellschaft insgesamt doch ziemlich radikal verändert.

 

Neugierde und Interesse an morgen und weniger an gestern war schon immer das, was mich treibt.



Welche Entwicklung hat Sie besorgt, welche gefreut?
Besorgt hat mich und besorgt mich noch immer, dass das Zusam­menspiel von Social Media und klassischen Medien uns zu einer ­Empörungs- und Aufregungsgesellschaft gemacht hat, in der jede Sekunde eine neue Sau durchs Twitter- und ­Facebook-Dorf getrieben wird, die schon am nächsten Tag wieder total vergessen ist. Empörung und Aufregung um ihrer selbst willen. Besonders gefreut haben mich die leider seltenen Momente, wo die klassischen Medien nicht Öl ins Feuer gießen, sondern um Einordnung und Moderation bemüht sind.

Welche Medien meinen Sie damit?

Da geht es nicht um bestimmte Medien, sondern um den allgemeinen Tenor, diesen Empörungs- und Aufregungstrend mitzumachen. Ich bin bei Gott kein Trump-Fan, aber wie sich da ein Großteil der Medienwelt jeden Tag an jedem Tweet von ihm ­abarbeitet, ist einfach grotesk.

Mit welchem Branchenkollegen haben Sie besonders gerne ­zusammengearbeitet – und welchen haben Sie stets gefürchtet?

Wen würden Sie da für sich nennen? :-)

Mich interessieren Ihre Nennungen. :-)
Mir geht es da wie Ihnen, und außerdem wäre die Liste für den ersten Teil viel zu lang, und gefürchtet hab ich ­eigentlich ­niemand – weswegen sollte ich?

Sie waren im Gründungsteam von Ö3. Wie oft hören Sie den Sender heute noch?
Ziemlich regelmäßig in der Früh und im Auto – die machen einen guten Job!
 
Der Sender bzw. das Programmschema wird von den Privatsendern kritisiert, da es nicht dem Programmauftrag entspreche. Ihre ­Meinung dazu?
Ob Ö3 nun immer den Kernauftrag von ­Öffentlich-Rechtlichen erfüllt, darüber könnte man sicher streiten, aber sie machen ein gutes Programm, und das ist das, was das Publikum will. Ich glaube, dass der sogenannte ÖR-Auftrag ohnehin neu gefasst werden muss, der stammt aus längst vergangenen Zeiten. Genauso wie das Finanzierungsmodell von Öffentlich-Rechtlichem und das Zusammenspiel mit den Privaten.

 

Ich glaube, dass der sogenannte öffentlich-rechtliche Auftrag ohnehin neu gefasst werden muss, der stammt aus längst vergangenen Zeiten.



Wie könnten ein neuer öffentlich-rechtlicher Auftrag und das ­Finanzierungsmodell denn aussehen?

Dafür reicht der Platz hier nicht, um das seriös darzustellen, aber Breitenecker und Milborn haben in ihrem Buch ja ein paar Denkansätze geliefert. Ich bin vielleicht ein etwas radikalerer Vertreter, dass wir öffentlich-rechtliche Medien brauchen und nicht alle Aufgaben von privat erledigen lassen. Gesellschaftlich kontrol­lierte Kommunikationsinfrastruktur ist genauso wichtig wie ­Wasser, Energie und Straßen. Aber der ÖR-Auftrag sollte enger und zeitgemäßer formuliert werden und die Zusammenarbeit zwischen den beiden Anbieterformen muss positiv strukturiert und vorgeschrieben werden. Auf vielen Gebieten gibt es hier ­einen sinnlosen Verdrängungswettbewerb.

In Deutschland sinken die Nettoreichweiten im Fernsehmarkt, die Schwankungen in der Performance sorgen in der Werbewirtschaft mitunter für Unzufriedenheit. Wie betrachten Sie diese Entwick­lungen und erreichen sie auch Österreich?
Dass die Nettoreichweiten der klassischen Medien insgesamt ­sinken, ist unausweichlich und logisch. Trotz Multitasking ist die Aufnahmefähigkeit der Menschen noch immer auf 24 Stunden am Tag beschränkt, das Angebot nimmt aber ständig zu. Wir brauchen andere Reichweitenwährungen, die die Gesamtreichweiten von Medienmarken über alle, also auch die digitalen Kanäle und Social Media besser darstellen. Wir müssen aber auch die Wirkung der einzelnen ­Medienkanäle besser bewerten lernen. Reichweite alleine ist schon lange nicht mehr der allein relevante Faktor!

Welche Faktoren braucht es noch und wie könnte sich ein solches Analysetool durchsetzen? Es gab ja bereits einige Versuche in der Branche, ein solches zu installieren. Woran scheitert es?
Es bräuchte die Erkenntnis bei den Marktteilnehmern, dass sie ohne ein solches Tool die digitale Transformation nur schwer meistern werden können, und mehr Miteinander, zum Beispiel eben auch zwischen ÖR und Privaten. Wie wir in der Vergangenheit gesehen haben, hat in diesem Bereich die Marktforschung ja noch nicht einmal die bestehenden Tools immer im Griff.
 
Wie wird sich der Radio- und TV-Markt Ihrer Ansicht nach in den nächsten Jahren ­weiterentwickeln; und was braucht es für ­eine ­gute Entwicklung?
Gute Medienmarken, die sich als Begleiter und Navigator der Menschen durch ihren Kommunikationsalltag sehen. Die sich als Partner der User, also ihrer Kunden sehen und echten Value und damit nachhaltige ­Relationships kreieren.
 
Zuletzt waren Sie bei den VBW und haben mit einigen Produktionen große Erfolge erlebt. Wenn Sie die Medienbranche einem Musical oder Theaterstück zuordnen könnten – welches wäre das und ­weshalb?
Dazwischen war ja noch die Verlagsgruppe News. Musical und Medien? Da gibt es vielleicht das Musical ­„Chicago“? :-) Da war Fendrich bei der Wiener Fassung übrigens großartig! In der Handlung ist alles drin, was an Gut und Böse im Leben und auch in den Medien vorkommt. Theater und Medien
haben überhaupt viele Ähnlichkeiten. Es geht um das Erzählen von Geschichten. Der Inhalt muss gut sein, die Inszenierung aber auch!

 

Zur Person:

Geboren wurde Rudi Klausnitzer 1948 in ­Piberbach an der Krems. Er studierte Politik­wissenschaften und Publizistik an der Uni Salzburg und begann 1968 als freier Mitarbeiter im Landesstudio Oberösterreich für den ORF zu arbeiten. Es folgte der Sprung ins Wiener Funkhaus als Teil des Gründungsteams von Ö3, 1979 übernahm er die Senderleitung. Weitere Stationen ­zuvor ­waren Posten wie der persönliche Referent des damaligen ORF-Generalintendanten Gerd Bacher oder die Leitung der Familienredaktion im ­Landesstudio Salzburg. Mitte der 1980er-Jahre ging Klausnitzer nach Deutschland, wo er nach einer Beratertätigkeit für die Bertelsmann AG im TV-Bereich beim Aufbau des Senders Radio Hamburg beteiligt war. 1987 wurde er Geschäftsführer und Programmdirektor von Sat.1, von 1989 bis 1993 war er beim Pay-TV-Sender Premiere. ­Zurück in Österreich trat er 1993 die Nachfolge von Peter Weck als Intendant der VBW an. ­Überraschend wechselte er neun Jahre später als Geschäftsführer in die News-Gruppe, bis er sich 2006 aus ­persönlichen Gründen zurückzog. Bei den VBW fungiert Klausnitzer nach wie vor als zweiter ­Gesellschafter neben der Wien Holding.

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