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Radio versus Audio

© AdobeStock/zhu-difeng

DAB+ ist ganz ohne Beteiligung der Großen in Österreich angekommen – und das Angebot an neuen Sendern wächst rasant. Die Zukunft spielt aber auch anderswo: Algorithmen und Smart Speaker werden die Radionutzung der nächsten Jahre prägen.

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 39/2019 des HORIZONT zu den Österreichischen Medientagen erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

"Dass ich das noch erleben darf, dass DAB+ in Österreich startet!“ Helwin Lesch, Chef für Verbreitung und Controlling beim Bayerischen Rundfunk, war am 28. Mai als Gastredner geladen, um beim Start von DAB+ Österreich dabei zu sein. Der Gast aus Bayern, dem DAB+-Vorzeigeland, gilt als großer Unterstützer des wachsenden Pro-DAB+-Lagers in Österreich – trotz Seitenhiebs gleich zu Beginn.

Raus aus dem Test-, rein in den Regelbetrieb. DAB+ ist in Österreich angekommen. Doch die europäische Radiolandschaft bleibt in dieser Frage gespalten: UKW-Abschaltung in Norwegen, UKW-Abschaltpläne im UK und in der Schweiz, Pläne, die seit Kurzem auch in Deutschland diskutiert werden; rasanter Ausbau etwa in Frankreich und Slowenien; wenig los dagegen zum Beispiel in Finnland, Ungarn und Portugal. Und dann gibt es noch Länder wie Österreich: DAB+ ja, aber ohne die großen Player. Kein ORF, kein kronehit. Dafür regionale Sender und Spartenangebote, die eine Chance erkennen, in Österreich zu wachsen. Radio 88.6 und Radio Arabella gehören dazu. Beide sind auf UKW nur in einzelnen Bundesländern zu empfangen, wollen mit DAB+ nun nationale Marken werden. Arabella bringt dafür mit „Arabella Relax“ ein neues Spartenangebot auf Digitalantenne. Auch Radio Energy (NRJ) dringt mit Digitalradio in Regionen vor, die für den Sender attraktiv sind, nun, da die UKW-Begrenzung aufgebrochen ist.

Ein Übertragungsweg, viele Motive

Auch der Antenne-Bayern-Ableger Rock Antenne sieht in DAB+ einen Türöffner zum österreichischen Markt. Hier habe es viele Rockfans gegeben, die den Sender lange online und über Satelliten gehört hätten, "für uns alles gute Vorzeichen für unser Projekt in Österreich", so Rock-Antenne-Geschäftsführer Guy Fränkel.

Auffällig und europaweit einmalig ist das Programm „jö.live“, eine Marke, die bis vor wenigen Monaten noch niemand auf dem Schirm hatte. Die heuer unter der Federführung des Rewe-Konzerns gestartete Kundenbindungsplattform Jö hatte auch ein komplettes Rebranding ihrer Supermarktradios zur Folge – alles Jö. Verwaschen ist bisher die Idee, was Rewe mit DAB+ eigentlich vorhat. Zu „jö. live national“ auf DAB+ (in Wien zusätzlich flankiert durch das LoungeProgramm „Radio City23“) gesellen sich seit Wochen DAB+-Werbespots in den stark frequentierten ReweMärkten des Landes. Rewe nutzt seine Marktmacht – mit noch ganz viel Luft nach oben. Balkanmusik, arabische Musik, HipHop, Lounge, Kinder- und Verkehrsradios – DAB+ hat allein auf dem Wiener Mux neue Programmvielfalt auf der terrestrischen Bühne geschaffen.

Deutliche Kritik an ORF

Der abwesende ORF nennt DAB+ eine „Übergangstechnologie“, versucht allerdings, vor allem seine überproportionalen Marktanteile abzusichern. So zeigen sich auch die eigentlich eng mit dem ORF verbandelten deutschen Kollegen von der unnachgiebigen Haltung des ORF gegenüber DAB+ zunehmend genervt. Stefan Raue, Intendant des nationalen Deutschlandradios: „Der ORF, den ich sehr schätze, hat natürlich eine märchenhafte Monopol-Lage mit seiner Frequenzzuweisung in Österreich.“ Doch jeder, der nicht auf DAB+ setze, sei eine Insel. Und jeder müsse sich fragen, wie lange man noch eine Insel bleiben wolle, so Raue gegenüber HORIZONT. Deutschland jedenfalls könne sich nicht an jenen orientieren, die da auf der Bremse stünden.

In Deutschland sind namhafte DAB+-Kritiker (RTL Radiocenter) inzwischen eingeknickt und schnell und lautlos auf die DAB+-Seite gewechselt. Einen ähnlichen Verlauf sieht auch Matthias Gerwinat, Geschäftsführer von Digitalradio Österreich beim ORF und den anderen DAB+-Abstinenzlern: „Ich gehe davon aus, dass diese Sender 2020, 2021, vielleicht 2022 dabei sein werden, dabei sein müssen, und zwar aus betriebswirtschaftlichen Gründen.“

5G könnte das falsche Pferd sein

Nicht minder polarisiert die vermeintlichen Alternative 5G. Anders als bei DAB+ ist Österreich hier geradezu Vorreiter. Nicht nur bei konkreten Versuchen in ersten Testhaushalten, sondern auch bei der Integration von Radio ins neue Netz. Auf 5G setzten auch zahlreiche Radioanbieter, darunter auffallend viele unter denen, die aktuell recht gut mit UKW-Frequenzen ausgestattet sind.

Während der ORF und viele Private schon laut vom Radioverbreitungsweg der Zukunft träumen, werden die internationalen Warnungen immer lauter. Denn unter Umständen kommt 5G als zentraler Übertragungsweg für Hörfunk gar nicht in Frage, sagt Reiner Müller, stellvertretender Geschäftsführer und Bereichsleiter Technik/IT der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in München. Der 5G-Standard könnte im Endgerätebereich zwar ab 2025 ein neu zu entwickelnder Markt sein, so Müller. Allerdings dürften viele andere Anwendungen dringend auf die Bandbreite von 5G angewiesen sein, weshalb es fraglich sei, ob für 5G das Radio überhaupt interessant sei. „Was ab 2030 im Rundfunk sein wird, kann heute jedenfalls nicht als Entscheidungsgrundlage für anstehende Fragen zur Digitalisierung des Hörfunks dienen“, meint Müller.

Noch deutlicher formuliert es der Medienberater und ExRadio-NRW-Geschäftsführer Helmut G. Bauer. DAB+ sei ein Standard explizit für den Hörfunk und habe im Vergleich zu 5G-Broadcast den Vorteil, „dass die Radioveranstalter alleine über den Netzausbau entscheiden können, den sie auch finanzieren können. Sie müssen mit dafür Sorge tragen, dass der Handel DAB+-Radiogeräte anbietet und die Hörer sie erwerben“. Der Ex-Chef des größten deutschen Privatsenders verweist zudem darauf, dass Fragen des Zugangs, etwa eine Verpflichtung zu einer Free-to-Air-Verbreitung, noch lange nicht geklärt seien.

Die Sorge um die jungen Hörer

Der Streit, wer zentraler UKW-Nachfolger werden solle und ob es den überhaupt brauche, wird seit Jahren sehr laut, bisweilen emotional ausgetragen, nicht nur in Österreich. Dabei droht im Hintergrund die Grundsatzfrage, wie weiter mit Radio überhaupt? Noch sehen die Zahlen in Europa recht stabil aus. Zwei Stunden und 22 Minuten hört der Europäer in Europa im Durchschnitt Radio, so die Zahlen der EBU (Media Intelligence Service Audience Trends: Radio 2019). Nur: Der zwar geringe, aber seit Jahren anhaltende Abwärtstrend „versendet“ sich inzwischen nicht mehr. Die EBU vermeldet in ihren aktuellen Zahlen einen Rückgang von 14 Hörminuten pro Tag seit 2013. Noch deutlicher wird die Lage mit Fokus auf das junge Publikum (15–24 Jahre): Hier zeigen die Zahlen einen deutlichen Rückgang seit 2013 von gleich 20 Minuten. Eine Stunde und 26 beschäftigen sich die jungen Europäer (EU-Durchschnitt) noch mit Radionutzung.

Webradio-Spitze erreicht?

Die Entwicklung von immer neuen, zusätzlichen Webradios scheint inzwischen gebremst. Die Angebote der Radiohäuser wurden in den letzten fünf Jahren massiv ausgebaut: 2019 scheint auf zahlreichen Märkten in ganz Europa ein gewisses Maximum an Formaten, die für die Sender interessant sind, erreicht. In Österreich haben Webradios eine Vielzahl neuer Formate gebracht. Latino, Clubland (kronehit), Austropop, Wiener Schmäh (Arabella) oder Tirol unplugged (Life Radio). Aber der Markt bleibt überschaubar. Zum Vergleich, während Energy (NRJ) in Frankreich 150 Webradios im Angebot zählt, sind es in Deutschland 35 und in Österreich zwölf. Angebotsführend in Österreich ist kronehit mit 30 Kanälen. Die Hörerzahlen scheinen ausbaufähig. Von 346.653 Hörern im August digital übers Netz entfallen lediglich 78.458 auf die 30 Webradios zusammen, die große Mehrheit hört überwiegend weiter das lineare Hauptprogramm. Ungeachtet dessen würde der ORF im Konzert der Webradios mitspielen wollen. Zu gern würde man ein Format mit „österreichischer Musik“ anbieten, so der ORF, darf es gesetzlich aber nicht. Generaldirektor Alexander Wrabetz bekräftigte erst zuletzt erneut die Forderung nach rascher Umsetzung eines „Digitalpakets“ für den ORF. Ende des Jahres geht die ORF-Radiothek on air. Alle ORF-Radios können live gestreamt werden, das Programm ist sieben Tage lang abrufbar.

Sehr heterogen gestatltet sich das Angebot auf DAB+ nach dem bundesweiten Start im Mai. Stationen mit starker UKW-Präsenz machen um den neuen digitalen Standard noch einen Bogen.

Vom Radio ins TV

„Visualize your show!“ – Radioberater weltweit werden nicht müde, den Stationen die Visualisierung ihres Programms zu empfehlen. Der Trend ist inzwischen weit fortgeschritten, unter dem Begriff Visual Radio werden unterschiedlichste Konzepte angeboten. Die Präsenz vor allem in den Sozialen Netzwerken soll so gesichert werden. Ohne Bild läuft da nichts. Studiokameras, das wohl älteste Rezept, greift inzwischen kaum noch. Auf dem österreichischen Markt wird es noch von Antenne Vorarlberg produziert. Doch zu oft blickt der Nutzer auf gähnende Leere im Studio. „Das ist doch langweilig. Ein Radiostudio hat nichts zum Sehen zu bieten, sonst wäre es ein Fernsehstudio. Einfach Kameras auf ein Studiopult draufhalten macht da wenig Sinn“, urteilt
 Rüdiger Landgraf, Programmchef bei kronehit. Der nationale Player setzt lieber gleich auf klassisches TV, ohne dabei echtes TV machen zu wollen.

Kronehit TV setzt auf Videoclips. Den Vergleich mit einem „österreichischem MTV“ nach altem Vorbild lehnt Landgraf jedoch ab. Dennoch, der Kanal drängt auf den „Connected Smart TV“ im Wohnzimmer. Ohnehin hängt die Marke am Radio, eine Verbreitung über TV-Ausspielwege wie Kabel, Sat oder IPTV ist nicht vorgesehen, vorerst zumindest. Apropos Marke: Ein bekanntes Radiolabel hat schon in so manchem Markt den Start ins Fernsehgeschäft erleichtert. Vor allem in Frankreich: BFM, RMC, RFM, Chèrie FM, Virgin und nicht zuletzt NRJ. Alle diese Radiosender haben inzwischen einen TV-Ableger. Energy/NRJ versucht das inzwischen auch in der Deutsch-Schweiz.

Algorithmen hören zu

Die Evolution des visualisierten Radios geht dabei weiter. Logisch klingt die Idee des britischen Start-ups Bionics. Auch Gründer Dan McQuillin meint, abgefilmtes Radio sei schon passé. Interessanter sei ein Radio, das seine Höhepunkte auf Twitter, Instagram und Facebook streut. Bionics zeichnet mit Video eine Radioproduktion auf, ganz ohne eigenes Kamerapersonal. Vor allem die Studiogäste seien dabei interessant, so McQuillin. Die Software misst danach die Resonanz auf Twitter und Facebook und empfiehlt dem Sender die meistgeklickten Videoclips oder Zeitschienen zum Weiterverteilen auf Social Media.

Es geht aber auch umgekehrt: vom TV ins Radio. Interessant wird sein, wie viel oe24.TV im neuen Radio Austria der Familie Fellner stecken wird, dessen Startdatum patriotisch für den 26. Oktober festgelegt wurde. Das Unternehmen der Mediengruppe Österreich ist inzwischen so umstrukturiert, dass Print, Online und Radio vom TV-Kanal aus bedient werden. Das Wiener „Radio Ö24“, das im landesweiten Radio Austria aufgehen soll, bedient sich etwa der O-Töne des Fernsehens.

Gescheiterte Experimente

Doch Vorsicht ist geboten. Allein den Ton eines TV-Kanals in einer gleichnamigen Radiomarke durchzuschleifen, versehen mit Musik, das akzeptiert der Nutzer offenbar nicht, das scheiterte schon an anderen Stellen. Dieses Lehrgeld musste zuletzt etwa auch der Nachrichtenkanal Euronews zahlen. Der hat seine mehrsprachige App „Euronews Radio“, darunter auch auf Deutsch, im letzten Jahr wieder vom Markt genommen.

Radio muss skippbar werden, fordert unterdessen vor allem die Werbebranche. Österreich machte das möglich. In der Radioszene ganz Europas viel beachtet, startete das Wiener Unternehmen wunderweiss eine Skip-App, die das „Wegdrücken“ einzelner Songs zum nächsten im laufenden linearen Radio ermöglicht. Kronehit machte vor zwei Jahren schon als erster Sender davon Gebrauch.

Viele Sender, gerade in Deutschland, wollen das österreichische Skip-Modell adaptieren – doch die Verhandlungen über Rechte, die zumeist mit den Plattenlabels direkt stattfinden müssen, machen das kompliziert.

Kronehit hat auf Kritik der Nutzer, die sich über die Begrenzung auf maximal vier Skips verärgert zeigten, reagiert und am 1. August „unlimited skips“ ermöglicht. Im ersten Monat machten 37.000 User mit 200.000 Sessions davon Gebrauch. Die Skip-Vorgänge seien inzwischen jedoch stark gestiegen, heißt es beim Sender.

Im Hintergrund soll die App, dank Nutzerangaben, noch mehr herausholen. „Die Skip-App ist auch deshalb so praktisch, da wir unsere Charts daraus generieren können. Wir messen, wie oft welcher Titel geskippt wird und welche bleiben,“ erklärt Landgraf. So spare sich der Sender auf lange Sicht die Kosten für die teuren Musiktests, an denen oft nur hundert Menschen teilnehmen würden. „Bei unserer App sind es Tausende.“ Weitere Good News? Ja, Stichwort Smart Speaker: Als „eine regelrechte Lovestory“ bezeichnet Landgraf die Beziehung zwischen Radio und den Geräten. Die Zahlen: Zwei Millionen Geräte gibt es inzwischen auf dem österreichischen Markt (Audioversum 2018), und das Beste: 87 Prozent der Nutzer hören gleich oft (62 Prozent) oder sogar noch häufiger (25  Prozent) Radio als zuvor ohne Smart Speaker. 26 Prozent der genutzten Inhalte entfallen auf Audio (Radio und Musik), weit vor allen anderen Inhalten.

Radiospots als ‚Dialogmarketing‘

Radio ist damit wieder im Wohnzimmer. Die Liebe geht so weit, dass immer mehr Sender diesen Ausspielweg offensiv bewerben. RMS Austria etwa bietet darauf ausgerichtete Werbeformen – Call-to-Action mittels Smart Speaker: Anhand einer an den Spot angepassten Audio-Allonge wird die Zielgruppe zur Interaktion mit dem Werbetreibenden geführt.

Auf dem Kundeninfoblatt der RMS findet sich der Begriff Radio übrigens kein einziges Mal mehr. Ob es an der Sprachassistentin Alexa liegt? Die Branche fremdelt generell zunehmend mit dem Begriff Radio – Audio ist gefragt. Oder wie Landgraf sagt: „Wir sind Audio-Industrie.“

[Danilo Höpfner]

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