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ORF-Sommergespräche: Konstruktiv statt konfrontativ

Tobias Pötzelsberger moderiert erstmals die Sommergespräche.
© ORF/Thomas Ramstorfer

Heute Abend geht das sommerliche Polit-Gesprächsformat in die 38. Runde. Eine neue Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat untersucht, inwiefern in der Diskussion auf vorgegebene Themen eingegangen wird und welche Strategien Interviewende und Interviewte dabei anwenden.

Zentrales Ergebnis: Konstanz und Konstruktivität prägten das Gesprächsformat. "Die Sommergespräche lassen sich im Zeitvergleich wissenschaftlich gut untersuchen, weil Grundidee und Interviewsetting über all die Jahre weitgehend gleichgeblieben sind", so Andreas Riedl, Kommunikationswissenschaftler am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

In der Länge liegt das Konstruktive

In den über 30 untersuchten Jahren verlaufen die Interviews in den Sommergesprächen demnach „außerordentlich konstruktiv“ – wobei „konstruktiv“ bedeutet, dass in durchschnittlich knapp drei von vier Fällen auf Fragen oder Aussagen von Journalisten mit einer thematisch passenden Replik geantwortet und nicht zu einem anderen Thema gewechselt wurde.

"Message Control, thematische Ausweichmanöver und aggressive Konfrontation werden in der konstruktiven Atmosphäre solcher langen Interviewformate kaum angewandt. Daran hat sich über die Jahre kaum etwas geändert", sagt ÖAW-Forscher Riedl. Diese zeitliche Stabilität sei überaus bemerkenswert, "denn tatsächlich haben sich Massenmedien, aber auch politisches Auftreten über die Jahre stark verändert", so Riedl. Eine mögliche Erklärung sei ihm zufolge, dass Politiker in längeren Interviewformaten andere Gesprächsstrategien verfolgen als in kurzen.

Neutral statt konfrontativ

Zu diesem konstruktiven Verlauf tragen beide Seiten bei: Wie die Studie zeigt, sind inhaltliche Fragen sowie Nachfragen im Vergleich zu Redeunterbrechungen und eigenen Stellungnahmen die mit Abstand am häufigsten von Journalisten angewandte Strategie zur Gesprächssteuerung (55 Prozent der Statements) – und auch dahingehend die effektivsten, als dass Themen dann länger diskutiert werden.

Auch Politiker vermeiden laut Studienergebnissen mehrheitlich (81 Prozent) offensive, aber auch defensive Strategien. „Neutral“ statt konfrontativ laute die Devise für Politiker, um ihre Themen im Gespräch unterzubringen. Unterm Strich bleiben Journalisten dennoch die erfolgreicheren „Agenda-Setter“: Rund zwei Drittel aller erfolgreich lancierten Themen wurden von Journalisten gesetzt, nur ein Drittel von Politikern.

Thematische Breite abseits vom Polit-Tagesgeschäft

ÖAW-Forscher Riedls Fazit zur Studie: "Sowohl der Sendezeitpunkt abseits von Wahlkämpfen und dem politischen Tagesgeschäft, als auch die thematische Breite und die Tatsache, dass in großem Umfang auf Fragen inhaltlich eingegangen wird, heben die Sommergespräche von anderen Interviewformaten ab und machen sie für den politisch-medialen Diskurs relevant".

Im Rahmen der von der Stadt Wien finanzierten Studie analysierte Riedl 125 Folgen der Sommergespräche zwischen 1981 und 2016. Hierfür wurden insgesamt mehr als 19.000 Statements von Politikern und Journalisten im Kontext des Gesprächsverlaufs untersucht.

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