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„Objektivität wird überbewertet“

Wolfgang Blau, Chefredakteur "Zeit Online": „Das Ego des
Journalisten ist in einer Krise.“.
©HBF/Wenzel Andy

Wolfgang Blau und Alan Rusbridger diskutieren über „Journalism 2020“.

Zum Auftakt des Fachkongresses „Journalism 2020“ diskutierten am Donnerstag Abend auf Einladung des Medienhaus Wien zwei Online-Chefredakteure von renommierten europäischen Zeitungen im Wiener Bundeskanzleramt: Alan Rusbridger, Chefredakteur "Guardian News & Media" und Wolfgang Blau Chefredakteur von "Zeit Online".

Das wichtigste vorweg: Beide Diskutanten sind sich darin einig, dass es 2020 sowohl Zeitungen als auch Journalisten geben wird –allerdings wird sich ihr Wesen verändern. „Zeitungen müssen kollaborativer werden“, sagt Wolfgang Blau. Er glaubt zudem, dass nur die starken Marken überleben werden und insbesondere jene die es verstehen, mit ihrem Publikum, sprich Lesern und Usern, auf Augenhöhe zu interagieren und ihre Community zu moderieren.

Rusbridger sieht das genauso, wenn er feststellt, dass Journalisten, die bislang unwidersprochene Informationshoheit aufgeben mussten. „Das sofortige Feedback unserer User, etwa über Twitter, das manchmal auch sehr schmerzhaft und anstrengend sein kann, macht unsere Journalisten vorsichtiger“, sagt er und Wolfgang Blau lässt aufhorchen: „Die Objektivität im Journalismus war immer überbewertet, heute geht es um Transparenz.“

Soll heißen: Journalisten  sollen ruhig meinungslastig berichten, aber wie diese Meinung zustande kommt, muss dem Publikum transparent sein. Auf die Frage des Moderators Matthias Karmasin, wie diese neue Form des kollaborativen Journalismus zu finanzieren sei, kam von Rusbridger (typisch Chefredakteur?) erstaunlich wenig, Blau hingegen führte Diversifikation des Verlagsgeschäfts (in Richtung Reisen, Kongresse oder Corporate Publishing) ins Treffen und die Pflege eines hochqualitativen Publikums, für das die Werbewirtschaft bereit sei, höhere Kontaktpreise zu zahlen. Aber auch Blau selbst sieht das als „optimistic thinking“.

Eine Journalistin aus dem Publikum wollte von Blau und Rusbridger wissen, weshalb Online-Journalismus in den Augen vieler einen geringeren Stellenwert habe. Rusbridger: „Weil man im Onlinejournalismus weniger bezahlt bekommt, weil wiederum die Medien online weniger umsetzen und weil die Verlage allesamt den Fehler gemacht hätten, ihre Webauftritte mit weniger qualitativem Content auszustatten als in Print.“ Das würde sich aber in der Sekunde ändern, sobald ein Medium online ein größeres Publikum erreicht, als via gedruckter Zeitung. Zur Irritation zahlreicher Anwesender postulierte Rusbridger schließlich, der Journalismus sei „in keiner Krise“. Auf Nachfrage ergänzte er, dass es noch nie so einfach gewesen sei, Journalismus zu betreiben, sprich zu publizieren. Blau fand andere Worte: „Nicht der Journalismus, sondern das Ego des Journalisten ist in einer Krise.“

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