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Nichts gewesen mit dem Lesen

© Sabine Klimpt / Manstein Verlag

Das Pisa-„Nicht Genügend“ zur Lesekompetenz wirft essenzielle Fragen auf und verlangt auch eine Notenvergabe an die heimische Politik.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 49/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Wenn Die Presse am Cover „Verlernen wir das Lesen?“ titelt, dann entbehrt das in der Debatte über die Zukunft der eigenen Zunft nicht einer gewissen Komik. Scherz beiseite. Einerseits verbuchte die ehrenwerte Traditionszeitung zuletzt nicht nur steigende Reichweiten, sondern legt mit aktuell gut 25.000 Digitalabos auch eine ordentliche Messlatte vor. Andererseits ist der Anlass zur Frage – die Ergebnisse der Pisa-Studie – ein viel zu ernster.

Österreichs Schüler sind nur Mittelmaß. Jeder Vierte liest schlecht, gut ein Drittel erachtet Lesen als Zeitverschwendung, die Lesekompetenz ist nicht nur rückläufig, sondern liegt wie schon in den letzten 20 Jahren unter dem OECD-Schnitt – für eine Wohlstandsgesellschaft ein absolutes Armutszeugnis. Das Ergebnis wirft drei zentrale Fragen auf. Erstens: Wie sollen in einer Welt, die an Komplexität sicher nicht abnehmen wird, Zusammenhänge nicht nur aufgenommen, sondern auch verstanden und eingeordnet werden können, wenn die Basis dafür zu wünschen übrig lässt? Zweitens: Wie geht eine – zum Glück – bunt durchmischte Gesellschaft mit jenen um,
die aufgrund der Gebahrung des  Elternhauses, verschiedener  Bildungsschichten sowie Herkunft und Muttersprache völlig andere Zugänge und damit laut Studie auch Leistungen im Zusammenhang mit dem Thema aufweisen? Drittens: Wie relevant wird der Vorgang des Lesens künftig überhaupt noch sein, wenn schon heute vieles multimedial rezipiert wird und der Übergang vom mobilen Swipe am Display zum Sprachbefehl derzeit  vonstattengeht?

Die Antworten darauf finden sich in vielen möglichen Abstufungen und Facetten, aber: Lesen bleibt wesentliches Mittel zur Informationsaufnahme, entsprechende Bildung unerlässlich. Hier ist die Politik wieder einmal eindringlich gefordert, nicht nur Strukturen, sondern auch entsprechende Anreize zu schaffen, damit die eingangs erwähnte Frage nicht mehr gestellt werden muss. Andernfalls müssen andere Fragen gestellt werden. Aber nicht an (Nicht-)Leser, sondern an die Politik selbst.