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Mehr als Nerds mit Rucksack

Harald Hackenberg gemeinsam mit einem seiner FastCast-­Kollegen – ausgestattet mit dem von ihm entwickelten Chatpack.
© J. Brunnbauer

Harald Hackenberg, Gründer von FastCast, über seine neue Art des Journalismus und die unbegründete Angst vor Innovationen

HORIZONT: Sie haben den Medien-Zukunftspreis in der Kategorie Kooperationen gewonnen. Was hat sich seither verändert?

Harald Hackenberg: Wir werden erkennbar ernster genommen als vorher. In diesem Land etwas Neues zu machen, wird immer besonders argwöhnisch begutachtet. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir eine ganze Weile die Nerds mit dem Rucksack waren. Jetzt aber, nicht zuletzt auch durch diesen Preis, beginnt man zu erkennen, dass das für den Journalismus tatsächlich eine bahnbrechende Innovation ist.

HORIZONT: Haben Sie eine Exklusivität mit dem Kurier vereinbart?

Hackenberg: Nein, aber der Kurier ist der größte Partner und Kunde, den wir haben und natürlich auch ein gewisses Schwergewicht in der Medienlandschaft. So gesehen ist er auch ­unser Aushängeschild.

HORIZONT: Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Hackenberg: FastCast ist ein neues journalistisches Arbeitsmodell. Die Technologien, die wir entwickeln mussten, sind nur die Werkzeuge, die notwendig sind, um dieses journalistische Arbeitsmodell zu realisieren. Dahinter steht die industrielle Produktion von Videoberichten. Wir können Videoberichte am Laufband produzieren – in industrieller Geschwindigkeit und Menge und letztlich auch zu industriellen Kosten.

HORIZONT: Für einen Journalisten klingt das schrecklich …

Hackenberg: Ja, aber es gibt den Journalisten unglaublich viel Freiheit und Autonomie in die Hand. Sie sind draußen und machen die Geschichten, die sie machen wollen, ohne dass ihnen jemand dazwischenreden kann – denn an der Geschichte selber ist ja nichts mehr zu verändern.

HORIZONT: Sind Ihre Mitarbeiter gelernte Kameraleute oder Journalisten?

Hackenberg: Das sind Journalisten. Mit der Kamera hat das gar nichts zu tun. Natürlich müssen sie sich überlegen, was gezeigt wird, aber für das Videobild ist letztlich die Technik verantwortlich. Der Job der Journalisten ist es, sich Geschichten zu überlegen, das Storytelling, vor Ort aus dem, was sie erleben plus dem, was sie vorab recherchiert haben. Aus dem müssen sie Geschichten verdichten und sie dann in der Sekunde erzählen. Die Technik macht das Bild und den Ton dazu und sorgt dafür, dass diese Geschichte blitzartig die Kunden erreicht.

HORIZONT: Das vorgegebene Zeitkorsett ist doch sicher manchmal schwierig – sowohl für den Interviewer als auch für den Interviewpartner?

Hackenberg: Wir haben dieses Gefäß selber mit 73 Sekunden festgelegt. Keine vernünftige Geschichte lässt sich unter 60 Sekunden erzählen – und über 120 Sekunden werden Beiträge online und mobile kaum mehr gesehen. 120 Sekunden ist eine Länge, die gut akzeptiert wird. Ein Werbespot dazwischen dauert zwischen 20 und 30 Sekunden und der Bericht startet oft mit einer Signation des Kunden. Dann landen wir bei irgendwo zwischen 70 und 80 Sekunden.

HORIZONT: Was war der größte Coup, den Sie bis jetzt gelandet haben?

Hackenberg: Der Hauseinsturz in der Mariahilfer Straße. Da waren wir nicht die Ersten vor Ort, aber durch unser Produktionsverfahren zwangsläufig die Ersten, die Videobilder ausgeliefert haben. Und damit haben wir dem Kurier in der ersten Stunde 15.000 Abrufe beschert – mit einem Hundertstel des finanziellen und des Produktionsaufwands, den jeder andere Fernsehsender dort gehabt hat. Und wir waren sogar schneller.

HORIZONT: Können Sie auch live berichten?

Hackenberg: Ja, wir können technisch auch live berichten. Da wir aber viele junge Kollegen haben, die wir auf diese Produktionsweise einschulen, wird das sicher noch ein bisschen dauern, bis wir das trittsicher schaffen werden.

HORIZONT: Wie würden Sie Ihre Arbeit genau beschreiben?

Hackenberg: Durch unsere spezielle Produktionsweise, die enorm niedrigen Kosten und den Faktor, dass unsere Mitarbeiter die ganze Zeit unterwegs sind und nie in einer Redaktion sitzen, sinkt auch die Einstiegshürde, worüber überhaupt berichtet wird, enorm. Denn üblicherweise muss schon etwas Größeres passieren, bevor man ein Kamerateam hinausschickt. Unsere Leute sind aber ständig unterwegs und fangen eine ganze Menge auf. Wir können also über Dinge berichten, die nur eine kurze Aufmerksamkeitsschwelle haben und über die üblicherweise gar niemand berichten würde. Für Print ist es zu schnell und für Fernsehen nicht wichtig genug. Wir haben eine Nische geöffnet, die nicht nur eine neue Form von Journalismus bietet, sondern auch eine neue Qualität von Storys, über die wir berichten können.

HORIZONT: Warum tut sich diese Branche so schwer mit Innovation?

Hackenberg: Das frage ich mich jeden Tag. Aber vor allem in unserem Land tut man sich schwer mit Innovation.

HORIZONT: Was ist Ihre Erfahrung, was andere Märkte betrifft?

Hackenberg: Im angloamerikanischen Raum herrscht sehr viel mehr Neugier und Aufgeschlossenheit ­gegenüber Neuem. Ein Amerikaner fragt sich immer, welche neuen Möglichkeiten es für ihn gibt. Als Journalist, als Herausgeber, als Verleger oder als Produzent. Jede Innovation – ob sie jetzt nachhaltig ist oder nicht – bietet Risiken und Chancen.

Weitere Artikel und Interviews rund um den Medienzukunftspreis des Manstein Verlags gibt es hier.

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