Horizont Newsletter

'Man darf auch scheitern'

Symbolfoto
© Fotolia

Die 'Relotius-Affäre' hat die Medienwelt erschüttert. HORIZONT hat nachgefragt, wie sich die Arbeit in heimischen Redaktionen seither verändert hat.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 5/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Bis vor wenigen Wochen noch ein Star am deutschen Journalistenhimmel, scheint der Name Claas Relotius nun ein Synonym für Betrug und gefälschten Journalismus zu sein – und das über die Branche hinaus. Während einige Leser sich in ihren Fake-News-Rufen bestätigt fühlen, sprechen andere von einem Fehler im System. Die Frage ist dann jedoch, welches System versagt haben soll oder ob ein System in diesem Sinne überhaupt für gezielte Manipulation zur Verantwortung gezogen werden kann. Denn der "Fall Relotius" ist kein systematisches Versagen einer Redaktion, sondern ein Vertrauensbruch seitens des Journalisten. "Zusammenarbeit setzt immer Vertrauen voraus. Vertrauen wird mitunter von Betrügern ausgenutzt. Das ist überall so im Leben", sagt Heute-Chefredakteur Christian Nusser auf die Frage, ob die Relotius-Affäre die Redaktionsarbeit in Österreich verändert habe. "Einen hundertprozentigen Schutz vor Betrug gibt es nicht", meint auch Florian Klenk, Chefredakteur der Wochenzeitung Falter. Chefredakteure und Ressortleiter müssten Vertrauen haben, gleichzeitig aufpassen und einen Fact Check selbst dort durchrennen lassen, wo der Sachverhalt nicht fragwürdig erscheint. Profil-Chefredakteur Christian Rainer verweist auf HORIZONT-Nachfrage auf Äußerungen in einem seiner Leitartikel: "Einer von Tausenden Redakteuren im deutschsprachigen Qualitätsjournalismus hat Texte ganz oder teilweise erfunden. Die eigene Redaktion und die Mitglieder diverser Jurys haben das trotz großen Aufwands und redlichen Bemühens nicht gemerkt. Niemand außer Relotius selbst hat vorsätzlich gehandelt, niemand grob fahrlässig." Damit zeigen sich die Konsequenzen aus dem Fall Relotius für die Medienbranche also weniger redaktionsintern als im ohnehin harten Kampf um ihre Glaubwürdigkeit. "Das Problem der Branche ist eher, dem geringer werdenden Vertrauen der Leserschaft an Medienerzeugnisse entgegenzuwirken", resümiert Nusser.

(K)ein Sechser im Lotto

"Wo gesungen wird, beginnt bei ­Relotius in aller Regel das Reich der Fantasie", heißt es in der Rekonstruktion und Offenlegung im Spiegel zum Betrugsfall. In den Texten des Reporters wurde häufig gesungen und in der hauseigenen Dokumentationsabteilung des Spiegels wurde die fast mustergültige musikalische Untermalung der Handlungen anscheinend nie direkt infrage gestellt und ist dafür nun in Kritik geraten. Jedoch haben auch nur die wenigsten Medien die Ressourcen, eine solche Instanz aufzubauen. Wie sollen sich Redaktionen, die sich kein Fact-Checker-Team leisten können, also vor Fälschungen schützen? "Den gesunden Menschenverstand walten zu lassen", antwortet Nusser. "Spätestens wenn jemand reportagemäßig dreimal hintereinander den Lottosechser knackt, sollte man beginnen, Fragen zu stellen." "Eine Dokumentationsabteilung wie die des Spiegels überprüft tagtäglich sehr viele Artikel, da ist es manchmal schwierig, nichts zu übersehen", meint Klenk. "Dennoch sollte man aufpassen, wenn die Geschichte allzu perfekt klingt."

Erwartungen herunterschrauben

Doch wie eine Story überprüfen, die sich im Ausland, vielleicht sogar in Krisengebieten abspielt. Mit Protagonisten und Interviewpartnern, die nicht einfach mit einem Anruf oder einer E-Mail nach der Richtigkeit ihrer Aussagen gefragt werden können? Dass Claas Relotius für einige seiner Reportagen Gespräche oder ganze Personen erfinden konnte, verdankte er zumeist seinen Alleingängen. Erst in Zusammenarbeit mit einem Kollegen sind Relotius’ Fälschungen aufgeflogen. Daher meint Klenk, eine der sichersten Arten, die Authentizität eines Textes zu gewährleisten, sei Teamwork – und gleichzeitig die Gewissheit, dass jeder Reporter auch einmal an einer Geschichte scheitern dürfe: "Chefredakteure und Ressortleiter dürfen in solchen Situationen nicht hetzen. Ein Journalist kann auch mal ohne Geschichte nach Hause kommen. Da sollte die Erwartungshaltung nicht zu hoch sein."

Im Zweifel für den Angeklagten?

"Ein Redakteur ist dafür verantwortlich, faktenrichtige Artikel zu liefern, der Vorgesetzte muss alles tun, um Betrug zu verhindern", sagt Nusser. Bei Verdacht auf Fälschungen oder bei Ungereimtheiten liege die Beweislast jedoch beim Journalisten, meint Klenk. Zwar sei zu berücksichtigen, dass nicht mit jedem Interviewpartner später eine Kontaktaufnahme möglich sei, dennoch könne ein Chefredakteur bei Zweifelsfällen Mitschriften oder andere Arten von Beweisen einfordern und gegebenenfalls den Text ablehnen, da Reportagen ohnehin eher zugekauft würden.

Profil hat laut eigener Angabe zwischen 2011 und 2013 fünf Interviews abgedruckt, die Relotius geführt hatte. Eine nachträgliche Überprüfung nach Bekanntwerden der Relotius-Affäre habe "über den Generalverdacht" hinaus keinen Hinweis auf Fälschungen ergeben. Rainer resümiert: "Wir sprechen hier von einem Einzelfall, der in dieser Dimension vielleicht einmal pro Jahrzehnt vorkommt."

0 Kommentare

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

* Pflichtfelder
Netiquette auf HORIZONT online

Das könnte Sie auch interessieren