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Libra: Revolution mit Gefahrenpotenzial

© Facebook

Die neue Digitalwährung Libra hat die Finanzwelt aufgescheucht. Hinter der neuen Stablecoin von Marc Zuckerberg verbergen sich Chancen, Risiken und Gefahren.

Dieser Bericht ist zuerst in Ausgabe Nr. 26/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die Spatzen hatten es in den Wochen zuvor schon von den Dächern gepfiffen, am 18. Juni war es so weit. Und es hat in der Branche, so kann man das aus heutiger Sicht beurteilen, eingeschlagen wie eine Bombe: Mit der neuen globalen Digitalwährung Libra will Marc Zuckerberg die Finanzwelt umkrempeln. HORIZONT hat sich die wichtigsten Aspekte der neuen Pläne angesehen.

1.: Was ist Libra?
Das Digitalgeld mit dem Namen Libra basiert ähnlich wie der Bitcoin auf der Blockchain-Technologie, soll aber ohne Kursschwankungen auskommen. Um das große Ziel einer digitalen Vollwährung zu erreichen, hat Facebook eine Allianz geschmiedet, die Libra Association, die ihren Sitz in der  Schweiz hat. Diese Allianz und nicht Facebook soll das Digitalgeld verwalten. Unter den aktuell 28 Mitgliedern sind die Finanzdienstleister Visa, Mastercard, Paypal und Stripe – was die Integration in Bezahlsysteme erleichtern dürfte. Mit an Bord sind unter anderem auch Vodafone und eBay, die Reisebuchungsplattform Booking.com sowie der Musikstreaming-Dienst Spotify und die Fahrdienst-Vermittler Uber und Lyft. Zum Libra-Start im Jahr 2020 hoffe er auf mehr als 100 Mitglieder, meinte der für das Projekt zuständige Facebook-Manager David Marcus.

2.: Was kann Libra?
In der Anfangszeit dürfte das Digitalgeld vor allem für Überweisungen zwischen verschiedenen Währungen eingesetzt werden, sagte Marcus gegenüber der dpa. Damit würde Libra mit Diensten wie Western Union oder Moneygram konkurrieren, die für internationale Überweisungen Gebühren verlangen. Die Vision sei aber, Libra schließlich zu einem vollwertigen Zahlungsmittel für alle Situationen zu machen.

Für Verbraucher soll es laut Marcus einfach sein, das Geld zwischen Libra und anderen Währungen zu tauschen und Transaktionen damit zu machen. So soll man Libra-Überweisungen zum Beispiel direkt in Facebooks Chatdiensten WhatsApp und Messenger ausführen können. Mit einer Verknüpfung zum Bankkonto soll Libra auch direkt auf dem Smartphone in andere Währungen umgetauscht werden können.

3.: Woher kommt die Libra-Wallet?
Das System ist relativ einfach konzipiert: Zur Aufbewahrung und Nutzung von Libra werden verschiedene Anbieter digitale Brieftaschen, sogenannte Wallets, aufsetzen können. Facebook wird nur einer von vielen Anbietern sein, dafür gründete das Onlinenetzwerk die Tochterfirma Calibra. „Facebook und Calibra werden keine besonderen Rechte oder Vorteile haben, obwohl wir den gesamten Quellcode für die Blockchain und die Transaktionen geschrieben haben“, meinte Marcus. Nutzer können in dem Libra-System unter Pseudonymen agieren und mehrere Zugänge haben. „Transaktionen enthalten keine Verbindung zur Identität der Nutzer in der realen Welt“, hieß es in dem präsentierten Papier.

Libra wird damit vor allem jenen helfen können, die kein Bankkonto besitzen. 1,7 Milliarden Menschen haben derzeit laut Schätzungen der Weltbank keinen Zugang zu Bankdienstleistungen. Diese Gruppe ist durch Dienstleister mit hohen Gebühren für Transaktionen besonders belastet.

4.: Libra versus Bitcoin?
Der große Unterschied zu bisherigen Blockchain-Währungen wie Bitcoin soll die Vermeidung der extremen Kursschwankungen sein. Deshalb wird Libra in vollem Umfang durch einen Reservefonds mit verschiedenen Währungen wie Dollar, Euro und Yen gedeckt sein. „Wenn zum Beispiel jemand Libra für 100 Euro kauft, fließen diese 100 Euro in die Reserve“, erläuterte Marcus. Die Libra Association will zudem festlegen, in welchem Verhältnis Währungen und Wertpapiere wie Anleihen in der Reserve gehalten werden, um für einen stabilen Kurs zu sorgen. Auch wird Libra anders als der Bitcoin nicht von den Nutzern selbst erstellt, sondern muss bei Mitgliedern der Allianz oder auf Handelsplattformen erworben werden.

Facebook ist es bei seinem System laut eigenen Aussagen zudem gelungen, bekannte Probleme der Technologie wie Langsamkeit zu lösen. Bei Libra komme es auch nicht zu dem hohen Energieverbrauch wie bei Bitcoin. „Wir haben eine Blockchain entwickelt, die sich an die Anforderungen von Milliarden Menschen anpassen kann“, sagte Marcus. Facebook entwickelte für das System auch eine neue Programmiersprache namens  Move.

5.: Was will Facebook?
Zuckerberg hat ein klares Ziel: Libra soll am Ende des Tages eine globale Währung werden, mit der man überall alles kaufen kann, online ebenso wie stationär. Man will diesem Ziel jedoch die notwendige Zeit geben und nichts überstürzen. Facebooks Projektleiter Marcus meinte: „Ich denke, dass jede neue Währung viel Zeit brauchen wird, um so groß zu werden wie eine existierende nationale Währung einer großen Volkswirtschaft. Zumindest in den nächsten zehn Jahren werden wir alle noch unsere Gehälter bekommen und Steuern zahlen in der Währung der Länder, in denen wir leben.“ Einen Fokus richtet die Währung aber vor allem in Länder mit hoher Inflation und schlechtem Banksystemen. Dort könne Libra eine viel größere Rolle spielen, „weil sie eine Lösung für viele Probleme bieten kann“, hofft Marcus. In China wird Libra übrigens nicht verfügbar sein.

Und natürlich gibt es auch einen finanziellen Aspekt: Wenn der Libra-Token wie geplant gut bei den Nutzern ankommt, rechnet Barclays-Analyst Ross Sandler mit zusätzlichen Umsätzen von 19 Milliarden Dollar bis 2021.

6.: Gibt es Bedenken?
Facebooks Pläne für eine eigene Kryptowährung haben weltweit die großen Notenbanken aufgeschreckt. Die Bank von England, die Fed, alle großen Zentralbanken und Aufseher müssten dieses Projekt des sozialen Netzwerks kontrollieren, sagte der Chef der Bank von England, Mark Carney, dem Sender BBC.

Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, warnte auf einer Veranstaltung in Eltville vor den Risiken solcher Cyberdevisen. Weidmann sieht in derartigen Kryptowährungen Gefahren für die Verbraucher. „Insbesondere gibt es die Frage, wie der Wert von Stablecoins garantiert werden kann.“

Aber auch aus den USA selbst kommt große Kritik. „Facebook hat Daten über Milliarden von Menschen und deren Schutz wiederholt missachtet“, erklärte die demokratische Abgeordnete und Vorsitzende des US-Finanzausschusses, Maxine Waters. „Mit der Ankündigung, eine Kryptowährung zu schaffen, setzt Facebook seine unkontrollierte Expansion fort und erweitert seine Reichweite auf das Leben seiner Nutzer.“ Sie forderte das weltweit größte soziale Netzwerk auf, seine Pläne für die Cyberwährung auf Eis zu legen und die Untersuchungen der Behörden abzuwarten.

[Michael Fiala]

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