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Jan Fleischhauer: "Wer Aktivist sein will, soll in die Politik gehen"

Nach über 30 Jahren beim "Spiegel", unter anderem als Berliner Büroleiter, schreibt Jan Fleischhauer nun für "Focus".
© Johannes Brunnbauer

Der deutsche Politikjournalist Jan Fleischhauer polarisiert – lange beim "Spiegel", nun beim "Focus" – mit seinen pointierten Kolumnen. Mit HORIZONT spricht er über den Wert von gutem (Print-)Journalismus und neuem, anmaßendem Selbstverständnis.

Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe 39/2019 des HORIZONT zu den Österreichischen Medientagen. Noch kein Abo? Hier klicken.

HORIZONT: Focus wurde 1993 als Alternative zum Spiegel ins Leben gerufen. Nach 30 Jahren beim Spiegel sind Sie im Sommer zu Focus gewechselt – Ihre berufliche Alternative zum Spiegel?
Jan Fleischhauer: Es ist auf jeden Fall ein neues Umfeld und eine andere Leserschaft als beim Spiegel: akademisch geprägt, vorwiegend Menschen mit naturwissenschaftlichem oder Ingenieurs-wisschenschaftlichem Hintergrund. Den Oberstudienrat, dessen Herz für Rot-Grün schlägt, findet man dort eher weniger.


Focus hatte zuletzt mit sinkender Auflage zu kämpfen. Kann Print im digitalen Zeitalter überleben? 
Es wird immer ein Segment der Gesellschaft geben, das bereit ist, für Informationen, Unterhaltung und auch Analyse und Erklärung Geld auszugeben. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es so etwas wie eine Renaissance der ­Tageszeitung geben wird. Es ist schließlich ein Zeichen von Bildung und Interesse an der Welt, eine Zeitung oder Zeitschrift abonniert zu haben – und seine Nachrichten nicht über Facebook und Quellen, die eher dem RTL 2 des Nachrichtengeschäfts ähneln, zu beziehen.


Dennoch haben Fake News und Co den Journalismus in eine Vertrauenskrise gestürzt. Wie kommt man da wieder heraus? 
Ganz im Gegenteil. Die Verbreitung völlig ungeprüfter Informationen lässt doch eine Zeitung oder Zeitschrift, in der sich etwa Dokumentare um Fact-Checking bemühen, umso wertvoller erscheinen. Der Unsinnsgehalt in der New York Times, dem Wall Street Journal, dem Spiegel oder dem Focus ist ungleich geringer als alles, was ich innerhalb einer Stunde auf Facebook oder Twitter finde. 

Mit Ihrer Spiegel-Kolumne „Der schwarze Kanal“ haben Sie polarisiert. Braucht es im Journalismus klare, pointierte Meinungen, die auch mal anecken?
Das Geschäft, in dem ich tätig bin, kann man als Erregegungsgeschäft bezeichnen. Hier ist es sicherlich sinnvoll, eine klare Meinung zu haben, die für die Leser auch als solche identifizierbar ist. Die Herausforderung liegt hier in der Originalität, das heißt, nicht nochmals das vorzukauen, was bereits 30 Mal vor Ihnen durchgekaut wurde. Sie brauchen nicht den hundertsten Kommentar darüber, warum Greta Thunberg ein bewundernswerter Mensch ist und das Ibiza-Video ein Dokument empörender Zügellosigkeit. 

Wie viel Meinung soll und darf es im Journalismus generell geben?
Ich glaube nicht, dass die Leser generell einen Verdruss gegenüber Meinung haben – was sie verdrießlich stimmt, ist, wenn ihnen ständig Meinung untergejubelt wird, ohne diese klar als solche auszuweisen. Es hat sich eingebürgert, dass Journalisten versuchen, in jedem Absatz den Leser gewissermaßen pädagogisch an die Hand zu nehmen, um ihm zu sagen, wie er denn die Dinge zu sehen und zu bewerten hat.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Beispielsweise wenn man über einen Politiker der FPÖ schreibt und dann in jedem Absatz vorher klarzu achen versucht, dass man ihn ganz abscheulich findet und wir alle gemeinsam ihn abscheulich zu finden haben. Diese Art von Anleitung wird von einigen Journalisten auch mit begründeter Meinung verwechselt. Das halte ich für ein großes Übel.

Hier in Österreich finden Ende September Wahlen statt. Politikjournalismus ist Ihr Metier. Was müssen Medien in der Wahlkampf-Berichterstattung leisten? 
Journalisten müssen die Augen offen halten und früh mitbekommen, wenn sich etwas tut – und natürlich, ob sich neue Themen auftun, neue Trends im Wahlvolk, die möglicherweise den Ausgang einer Wahl beeinflussen. Denken wir an die Wahl in den USA zurück, die 90 Prozent der berichtenden Journalisten auf dem falschen Fuß erwischt hat. Die Überraschung wäre wohl weniger groß gewesen, wenn man sich in bestimmten Bundesstaaten mehr aufgehalten und dort auch genauer hingehört hätte. Da hätte man ein Gefühl bekommen für den Enthusiasmus von Trumps Anhängern und wie verbreitet dieser letztlich war. 

Nehmen Medien ihre vierte Gewalt im Staat als Kontrolleure der Politik ausreichend wahr?
Ich halte nichts vom Begriff der vierten Gewalt, für mich ist das eine Anmaßung und so auch in der Verfassung nirgendwo verankert. Natürlich können Journalisten die Meinung der Wähler beeinflussen, aber in viel geringerem Maße, als sie sich einbilden. Es ist übrigens auch nicht jedes Mal sofort die Pressefreiheit in Gefahr, wenn ein Politiker einen Journalisten beschimpft oder ein Interview abbricht, weil ihm die Fragen nicht passen.

Wagen wir einen fiktiven Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie den Journalismus in 20 Jahren?
Bereits jetzt beobachte ich einen Wandel im Selbstverständnis von Journalisten, die sich zunehmend als Aktivisten sehen. Die Grenze zwischen Berichterstattung und Aktivismus verschwimmt zunehmend, und das wird von vielen auch als richtig erachtet. Die Begründung lautet: Klar, eigentlich sollte man als Journalist nicht Partei ergreifen, aber wir leben in einer so besonderen Situation, mit dem Rechtsruck in Deutschland und Österreich – da muss auch der Journalist Farbe bekennen und gegen das Böse kämpfen. Hier bin ich dezidiert anderer Auffassung. Wer Aktivist sein will, soll in die Politik gehen.

Wie verändert sich damit konkret die Berichterstattung?
Die Zusammensetzung der Journalisten-Schüler hat sich in den letzten zehn Jahren verändert und wird es weiter tun. Wir werden es ausschließlich mit Geisteswissenschaftlern zu tun haben. Und die tendieren im Gegensatz zu Juristen und Betriebswirten nach links.

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