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"If you can see it, you can be it"

Medientage-Keynoterin Tijen Onaran ist Diversitätsexpertin, Autorin, Unternehmerin und Gründerin des Netzwerks Global Digital Women.
© Urban Zintel

Unternehmerin, Speakerin, Autorin: Tijen Onaran – Keynote-Speakerin der ­Österreichischen Medientage – ist Gründerin des Netzwerks Global Digital Women. Mit HORIZONT spricht sie über die Unternehmenskultur der Zukunft, Diversität und Innovation und darüber, wie sich Medienhäuser verändern müssen.

Das ungekürzte Interview lesen Sie in HORIZONT 39/2019. Noch kein Abo? Hier klicken.

Think global, be digital“, lautet das Credo von Global ­Digital Women (GDW). Mit der internationalen Plattform engagiert sich Gründerin Tijen Onaran für mehr Sichtbarkeit von Frauen aus der ­Digitalwirtschaft. Sie selbst startete ihre Karriere in der Politik, als sie mit 20 Jahren für die FDP in der Landtagswahl in Karlsruhe antrat. Danach bekleidete sie verschiedene Kommunikationsfunktionen in der Partei. Heute ist sie Speakerin, Moderatorin, Unternehmerin, Autorin von „Die Netzwerkbibel“ und Kolumnistin beim Handelsblatt. Onaran berät Unternehmen zu Fragen rund um Diversität und Innovation: Im HORIZONT-Interview erklärt sie, was Diversität bedeutet und warum diese in der Medienbranche so wichtig ist.

HORIZONT: Sie sind Gründerin der Plattform Global Digital Women. Was ist das Ziel dieser Plattform?
Tijen Onaran:
Das Ziel von ­Global Digital Women ist, in Zeiten von ­Digitalisierung mehr Diversität zu bewirken. Wir sind auf drei Bausteinen aufgebaut beziehungsweise haben drei Ziele: Das erste Ziel ist, die Frauen, die mit Digitalisierung zu tun haben, beispielsweise in Unternehmen, als Gründerinnen, in der Politik miteinander zu vernetzen. Das zweite Ziel neben der Vernetzung ist das Thema Sichtbarkeit, weil ich doch jetzt immer wieder feststelle, dass es Frauen gibt, die Digitalisierung und Innovation gestalten, sie aber häufig nicht sichtbar sind. Wir wollen diese Sichtbarkeit bei Frauen erhöhen. Und was wollen wir mit der Sichtbarkeit bewirken? Es gibt so einen Spruch: „If you can see it, you can be it.“ Und da glaube ich ganz fest dran. In dem Moment, wo du siehst, dass du eines Tages in der Digitalbranche landen kannst – egal welchen Background oder welche Ausbildung du mitbringst –, dann traust du dir das selber eben auch zu.

Und der dritte Baustein? 
Das ist derjenige, bei dem wir versuchen, sogenannten Impact zu generieren. Das bedeutet: Wir gehen in die Unternehmen und beraten sie in Diversitätsfragen. Weil diese ersten zwei Ziele, Netzwerk und Sichtbarkeit, ganz spannende Erkenntnisse liefern im Hinblick auf die Zielgruppe, den Frauen aus der Digitalbranche. Also: Was wünschen die sich eigentlich von einem Arbeitgeber? Wie müssen die Rahmenbedingungen sein, damit diese Frauen auch Karriere machen und eben auch in digitalen Rollen landen. All ­diese Erkenntnisse lassen wir in einer Consulting-Tätigkeit im Bereich ­Diversity Consulting dann in die Unternehmen einfließen.  

Woran scheitert die Sichtbarkeit von Frauen bislang? 
Das ist so mehrdimensional aufgebaut. Was ich durchaus schon sehe – und das ist zwar ein Stereotyp, aber irgendwo haben Stereotype dann auch einen Kern Wahrheit –, dass Männer mit einem anderen Selbstverständnis nach außen auftreten, was das Thema Selbstmarketing betrifft. Ich glaube, dass die sich nicht so sehr in Frage stellen, sondern einfach rausgehen mit ihren Erfolgen und ihren Leistungen – und zwar unabhängig davon, ob die jetzt brillant ist oder nicht. Und Frauen sind an der Stelle wesentlich reflektierter – was im Übrigen ganz toll ist, aber häufig diese Frauen eben hemmt, in ihre Natürlichkeit zu gehen und sichtbar zu sein. Und das ist sozusagen unsere Aufgabe in dem Moment: Wir bilden den Rahmen, damit all diese Frauen eben auf einen Blick sichtbar werden.  

Gibt es GDW auch in Österreich? 
Die GDW-Treffen machen wir aktuell in sieben verschiedenen Städten. Fünf in Deutschland, eines in der Schweiz und in London. Österreich ist noch nicht dabei, aber wir sind gerade dabei, zu planen, nächstes Jahr auch nach Österreich zu kommen. 
Wo sehen Sie in der Medienbranche Nachholbedarf in Sichtbarkeit und Diversität? 
Ich glaube, gerade in der Medienbranche war es auch lange so, dass sich viele Journalistinnen und Journalisten schwer damit getan haben, selbst als Person nach außen zu treten. Ich habe selbst auch im Kommunikationsbereich gearbeitet und beobachtet, dass viele Medienschaffende gesagt haben: Naja, die Geschichte muss ja im Vordergrund stehen, sozusagen das Produkt, die Leistung, der Mensch, den ich porträtiert habe. 

Das hat sich verändert?
Mittlerweile, gerade durch die Sozialen Medien, merkt man, dass die Rolle des Einzelnen, des Individuums viel stärker nach außen tritt, weil ich der festen Überzeugung bin, dass Menschen Menschen folgen. Also Menschen folgen nicht Marken, sondern Menschen folgen Menschen, und deswegen wird auch die Rolle des einzelnen Medienschaffenden immer wichtiger, weil ich natürlich auch als Leserin oder Leser sehen will: Was treibt eigentlich die Person so um, die die Geschichte geschrieben hat? Die Print-Branche hat viel zu kämpfen, das Digitale wird immer wichtiger. Da sind wir auf einzelne Vorbilder, auf einzelne Botschafter angewiesen, die natürlich selbst wieder komplett neue Netzwerke ansprechen. Und daher glaube ich, dass das Thema Diversität im Kontext Medien eine enorme Rolle spielt, auch wenn es darum geht, neue Geschichten zu avisieren. Und um neue Geschichten auch mal für das jeweilige Medium zu gewinnen, muss es auch eine diversere Teamstruktur seitens der Medien geben, damit die eben auch ihre Netzwerke wieder ansprechen und dadurch auch zu einer Verbreitung der jeweiligen Geschichte führen können.

Sie sind Autorin der „Netzwerkbibel“. Was können Sie über die Netzwerkkultur im deutschsprachigen Raum sagen? 
Ich glaube, im deutschsprachigen Raum hat Netzwerken immer noch ein anrüchiges Image. Es ist immer noch so, dass viele Netzwerken nicht als selbstverständlichen Begleiter ihres Jobs sehen, wie das schon in vielen anderen Ländern der Fall ist, sondern als ­On-top-Leistung. Das bedeutet, ich muss abends nochmal auf eine Veranstaltung oder ich muss mit einer Person nochmal Mittagessen gehen, das ist dann wirklich Netzwerken. Ich habe gerade im deutschsprachigen Raum beobachtet, dass sich viele Menschen schwer damit tun, das wirklich als natürlichen Bestandteil ihrer beruflichen Laufbahn zu sehen. Und wenn ich jetzt auf meine eigene Karriere schaue, muss ich sagen: Ohne mein Netzwerk wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Das Netzwerk ist das A und O und es ist auch ein Multiplikator, also Stichwort Sichtbarkeit, egal ob man jetzt Frau oder Mann ist. Ich sage immer: Das Netzwerk multipliziert die eigene Leistung, macht sie sichtbar und führt auch dazu, dass andere Menschen überhaupt erstmal darauf aufmerksam werden, was man eigentlich kann, also welche Kompetenzen man eigentlich mitbringt. Und das schreibe ich auch in der „Netzwerkbibel“, dass für mich sich ein richtig gutes Netzwerk eigentlich erst in der Krise zeigt.

Inwiefern?
Weil ich fest daran glaube, dass, wenn alles gut läuft und man Erfolge feiert, alle da sind und einem auf die Schulter klopfen. Aber in dem Moment, wo du scheiterst oder deinen Job wechselst oder kündigst, vielleicht sogar ohne einen neuen zu haben, dann zeigt sich erst die Kraft eines richtig guten und nachhaltigen Netzwerks. Und deswegen, das betone ich auch in meinem Buch und in meinen Vorträgen, sollte man schon bevor die Krise kommt, in ein gutes Netzwerk investieren und genau überlegen: Was kann ich eigentlich meinem Netzwerk geben? Was erwarte ich auch im Umkehrschluss von meinem Netzwerk? Daher sollte das Netzwerk der natürliche Bestandteil des Jobs sein. Und wenn man gar nicht merkt, dass man netzwerkt, dann netzwerkt man richtig gut.

Was bedeutet Female Empowerment für Sie?
Female Empowerment ist für mich der Inbegriff der Unabhängigkeit. Ich würde mich ehrlicherweise wünschen, dass wir eines Tages die Zuschreibung von female oder male gar nicht mehr brauchen, nur noch Empowerment. Ich glaube, momentan braucht es diese Zuschreibung noch – ich hoffe, eines Tages nicht mehr.

Welche Unabhängigkeit meinen Sie damit genau?
Unabhängigkeit ist für mich das A und O für Gleichberechtigung, aber auch für Diversität. Unabhängigkeit fängt an bei finanzieller Unabhängigkeit – also im Kontext auch einer Partnerschaft beispielsweise –, geht aber auch über zu einer Unabhängigkeit, was die eigenen Werte, Gedanken, Meinungen und Positionen betrifft. Und in dem Moment bist zu auch viel befreiter, und ich glaube, das ist heutzutage sehr wichtig. Gerade wenn wir über die digitale Arbeitswelt sprechen und darüber, dass sich alles verändert, dass wir mehr Freiheiten im Job haben, braucht es auch tatsächlich mehr Verantwortung – und für Verantwortung braucht es auch eine gesunde Form der Unabhängigkeit.

Wie definieren Sie für sich selbst eigentlich Diversität? 
Es gibt sehr viele Dimensionen von Diversität, finde ich, wenn man es runterbricht, also jetzt mal unabhängig von Faktoren wie Gender, Internationalität, Background. Erfahrungsdiversität finde ich zum Beispiel ganz spannend: Jeder Mensch bringt ja auch ganz bestimmte Diversitätsformen mit sich. Daher ist es für mich auch das Aushalten von verschiedenen Ansichten, Meinungen und Positionen und immer wieder das Durchbrechen der eigenen Komfortzone. Das ist eigentlich für mich Diversität. Und das fängt damit an, dass man auf Menschen trifft, die nicht nur ein anderes Geschlecht, sondern vielmehr ein anderes Wertesystem haben, eine andere Position, andere Einstellung, andere Sozialisation. Und das geht dann tatsächlich über bis hin zu: Wie sind eigentlich Unternehmen zusammengesetzt? Von der Unternehmenskultur her. Und was hat das wiederum für Auswirkungen auf ihre Kritikfähigkeit und dann entsprechend auf die Innovationskraft des Unternehmens?

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