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Gerold Riedmann, medienhaus.com-CEO im HORIZONT-Interview

Gerold Riedmann, medienhaus.com-CEO: "Was im Montafon funktioniert, kann in anderen Regionen genauso funktionieren. Aber man muss schnell und gut sein, und es muss mit der Monetarisierung klappen. Aus dieser Position lässt sich hoch springen." (c) me

Bewegung im Vorarlberger Medienhaus: Gerold Riedmann ist seit Anfang des Sommers medienhaus.com-CEO - seine Ziele und (mobilen) Ideen für die Zukunft.

Langversion zum Interview in HORIZONT 32/33.

Horizont:
Sie wechseln von den Vorarlberger Nachrichten, wo Sie stellvertretender Chefredakteur und für Cross-Media-Projekte, App-Entwicklung und das Redesign der Zeitung verantwortlich waren, nun als CEO der Online-Portale zu medienhaus.com. Ist das nicht ein völlig anderer Bereich für den Sie hier arbeiten werden?

Gerold Riedmann:
Ich bin lokal seit vier Jahren für Vorarlberg Online tätig und bringe einige Erfahrung aus anderen Medien mit – ich war im TV-Bereich als Fernsehredakteur, habe um Radiolizenzen gestritten, genügend crossmediale Onlineauftritte konzipiert - und beispielsweise in den Anfängen auch die Big Brother-Staffeln als eigene Website mitgestaltet. Die VN waren die einzige Zeitung in meinem Berufsleben. Das fügt sich jetzt alles sehr schön zusammen.

Horizont:
Was haben Sie als medienhaus.com-Chef nun alles vor?

Riedmann:
Wir haben klare Ziele. In drei Jahren sollen 25 Prozent der Umsätze aus Online kommen, das heißt wir wollen das Vorarlberger Medienhaus als starken digitalen Medienanbieter etablieren. Wenn 70 Prozent der Innovationen im Haus im Online-Bereich passieren, dann spricht das für eine große Zukunftsbaustelle.

Horizont: Online ist eine Baustelle? Wie meinen Sie das?

Riedmann:
Baustelle deshalb, weil heute jeder an einem Computergehäuse erkennen kann wie alt der Rechner ist. Innerhalb kurzer Zeit tut sich soviel bei der Technik, in der Nutzung der Geräte. In Wahrheit befinden wir uns in der Steinzeit. Das hier ist der Anfang, wir müssen schnell lernen und uns entwickeln. Strategisch gedacht müssen wir die Anzeigenumsätze in die Zukunft denken, das Geschäft nachhaltig aufstellen, auch wenn der Euro in Online schwerer zu verdienen ist als im Printbereich. Aber als VN haben wir über 65 Jahre Erfahrung und Online 15 Jahre. Da geht noch was.

Horizont: Wo liegen die Online-Umsätze derzeit?

Riedmann: Wir sind von unseren zuvor angesprochenen Zielen nicht mehr weit entfernt, allerdings wollen wir durch Vermarktungsleistung und durch Internetgeschäft allein und nicht durch übliche Verlagstricks die Ziele erreichen. Momentan liegen wir inklusive unserem Internet-Provider-Geschäft bei 20 Prozent.

Horizont: Print verliert an Relevanz, hört man oft? Wie ist Ihre Meinung dazu?

Riedmann:
Print ist nicht tot, überhaupt nicht. Da sind noch viele Innovationen möglich und über Jahre hinweg wird uns Print weiterhin gute Umsätze bescheren. Print bleibt die Informationsquelle Nummer eins.

André Eckert, austria.com/plus Geschäftsführer:
Print bewegt sich auf hohem Niveau. Im September publizieren wir erstmals die Vorarlbergin. Das schöne ist, dass wir Content haben, um Produkte zu bestücken. Das Vorarlberger Medienhaus ist eine Content Company.

Horizont: Aber als Geldquelle ist Print, wie Sie selbst sagen, doch mit Abstand der große Umsatzbringer ...

Riedmann: Sie meinen: alles bleibt beim Alten, Online war nur eine Blase, und wenn wir Glück haben, dann können wir mit dem iPad wieder Geld wie in der guten alten Zeit verdienen? Das wäre wohl ein Traum mancher Verleger. Andererseits, wenn wir bloß danach gehen würden, wie viele Stück der iPads im Moment im Umlauf sind ... (lacht) dann könnten wir doch immer gleich sagen: komm’ lass uns lieber nichts machen.

Eckert:
Egal bei welchem neuen Produkt, beim Walkman, dem mp3-Player, den Smartphones, es war immer gleich: Wenn die Kaufbarrieren wegfallen, dann explodiert alles.

Riedmann: Zu Print: Wir haben die Wirtschaftskrise zum Glück nicht über Gebühr gespürt. Und wir können von einer Zeitung, die an der 60-Prozent-Marke kratzt und das Umsatzvolumen sehr gut ausschöpft keine zweistelligen Wachstumsraten erwarten. Aber: Das ist in anderen Bereichen sehr wohl möglich - und noch mehr. Es ist keine Frage von entweder oder, sondern von sowohl als auch. Wichtig ist, dass der Herzschlag eines Unternehmens digital ist. Dann lassen sich auch Geschichten auf mehreren Plattformen erzählen. Denn am Ende des Tages wollen die Menschen von einem Unternehmen das Nachrichten publiziert und Unterhaltung bietet neue Dinge erfahren. Und Neuigkeiten sind dann eine gute Geschichte, wenn sie journalistisch außergewöhnlich erzählt sind. Im Grundsatz des Unternehmens geht es darum Menschen mit Inhalten zu erreichen. Und Menschen erreichen wir dort, wo sie sich aktuell aufhalten. Für eine gute Geschichte ist es egal, ob sie gedruckt ist oder über Radiowellen gesendet wird, ins Internet publiziert oder von mir aus in 20 Jahren vom Staubsauger an die Wand projiziert wird.

Horizont: In welchem Bereich orten Sie das zukünftige Wachstumspotential?

Riedmann: Das Wachstum muss für uns in Mobile liegen. Jedes Projekt muss durch die Mobile-Brille betrachtet werden. Wir werden es erleben, dass Mobile - sei es durch Traffic oder Aufmerksamkeit - den Printbereich überholt. Mobile ist überall. Der Punkt an dem alles ganz schnell geht, wo der Preis digitaler Geräte für Konsumenten interessant wird und die Reichweite schnell wächst, das erleben wir derzeit in Europa in einigen Märkten in Mobile. In Schweden schnellen die mobilen Reichweiten von Zeitungsverlagen in die Höhe. In dem Moment, wo das iPhone nicht mehr an Knebelverträge mit 50 Euro im Monat gebunden ist, sieht man wie die Verkaufszahlen hochgehen. Dann sind auch Userschichten erreichbar, die man niemals vermuten würde und, die nicht an der Technik, sondern an Information interessiert sind. Für uns geht es darum, den Anteil jener User, die wir über Mobile erreichen, in den nächsten Monaten massiv zu steigern. Und die User sollen so einfach wie möglich unseren Content nutzen können.

Horizont:
Was meinen Sie mit einfach?

Riedmann: Wir müssen uns von den Geräten trennen, sie sind nur die aktuell verfügbare Hardware. Wir sind dabei, unsere Websites und Newsportale auf Wordpress umzustellen. Das heißt, wir arbeiten mit offenen Technologien. Das bedeutet, dass wir eine schön gestaltete mobile Website, schöner als am Computer, auf allen Geräten anzeigen können, egal welches Handy oder Tablet es ist. Die Opensource-Bewegung hilft auch Verlagen, weil man dann nicht an proprietäre Systeme gebunden ist.

Horizont:
Sie wollen sich von Apple unabhängig machen?

Riedmann: Wir wollen nicht Apps ausschließlich für ein spezielles iPhone bauen, sondern wir möchten zu einem Anbieter werden, der auf allen Plattformen gelesen werden kann und damit erledigt sich auch die Frage, ob 30 Prozent an Apple abgegeben werden müssen. Wir glauben deshalb erfolgreich zu sein, weil wir auf unsere Kunden zugehen. Aber wenn zwischen uns und dem Kunden plötzlich ein Mann aus Cupertino steht, dann ist die Kundenbeziehung nicht mehr so direkt. Unser Ziel ist es aber so direkt und nah wie möglich am Kunden zu sein.

Horizont:
Warum gab es abermals eine Umstellung im Vorarlberger Medienhaus?

Riedmann: Ich verantworte die Online-Aktivitäten in Österreich, dazu gehören Vienna Online, Salzburg Online und Vorarlberg Online. Wir haben die Grundsatzentscheidung getroffen, den Onlineausbau nachhaltig zu betreiben, die Schlagzahl an Innovationen hoch zu halten und die Qualität auf unseren Nachrichtenportalen soll gesteigert werden. Ich bin ein Kind der Redaktion, mein Anliegen ist natürlich auch die journalistische Qualität im Gesamtunternehmen zu stärken. Gleichzeitig haben wir mit unseren Portalen – und unserer nationalen Vermarktung unter der Dachmarke austria.com/plus - werblich nationale Relevanz. Am Ende des Tages leben wir davon, erfolgreiche Nachrichtenportale und regionale Newsportale zu vermarkten, das ist unser Kerngeschäft. Wenn sie es vermarkten wollen, muss das Portal nicht nur glänzen, sondern auch nützlich sein. Wir werden regionale Nachrichten auf Ballungsräume beschränken, in anderen Thematiken wollen wir uns an den gesamten deutschen Sprachraum oder zumindest an Österreich richten. In Rumänien und Ungarn haben wir in den vergangenen Monaten stark bei Job und Immo-Themen ausgebaut, aber auch in Nischenportale investiert. Außerdem betreiben wir austria.com, ein Portal das viel Potential bietet.

Horizont:
Was planen Sie auf austria.com?

Riedmann:
Es ist eines der ältesten Portale Österreichs und war immer auch mit Nachrichten bestückt, aber es gibt auch einen Eventteil. Wir haben viele Ideen für austria.com, das hinauszuposaunen wäre töricht. Unser Anspruch ist es aber nicht uns hinter dem Arlberg zu verbarrikadieren.

Horizont: Sie haben ja auch mit Vienna Online zu kämpfen, die ÖWA-Zahlen weisen nach unten ...

Eckert: Vienna hat eine vergleichsweise große Redaktion, es gibt sechs Mitarbeiter, die das Portal betreuen. Vienna hat fast religiösen Charakter, es war eines der ersten Nachrichtenportale in Österreich, das wollen wir pflegen. Viele Event- und Partyportale haben stark gelitten unter der Facebook-Entwicklung. Die junge Zielgruppe hat dort alles um sich zu vernetzen, Bilder selbst hochzuladen und mehr. Das reicht den Leuten, so wurde der Bedarf anders gedeckt.

Horizont: Wie stehen Sie zu Social Media?

Riedmann: Man darf Social Media nicht außer Acht lassen. Das Prinzip unserer Medien war immer möglichst viele Menschen abzubilden, sich selbst auf der Website, in der Zeitung wieder zu finden. Genau das kann Facebook gewaltig gut. Außerdem ist jedes ernstzunehmende Verlagshaus im Couponing tätig, weil die Eintrittsbarrieren in den Markt gering sind und Couponing im Regionalverkauf zu Hause ist. Das passt zu der Tugend nahe beim Kunden zu sein, langfristige Beziehungen aufzubauen. Und es gibt uns die Chance, Umsätze zu generieren. Das ist wie eine Einstiegsdroge, denn wie kann man besser seine Verkaufskraft demonstrieren, als wenn man einen Saunagutschein um minus 50 Prozent anbietet und am nächsten Tag laufen 60 Menschen mit dem Gutschein in die Sauna hinein. Das beweist für jeden Dienstleister eindrucksvoll, wie gut Werbung im Internet funktioniert.

Horizont: Was bedeutet all das für Ihre Arbeit?

Riedmann: Wir sind an vielen Ecken daran uns zu konzentrieren. Ziel ist es auf unsere starken Marken in starken Märkten zu fokussieren und das sind Vorarlberg Online, Salzburg 24, Vienna Online und der Vermarkter austria.com/plus. Wir verfolgen sehr die Monetarisierung im hyperlokalen Markt. Es ist ein hochinteressantes Thema, Nachrichten aus der nächsten Nähe zu bieten. Wir wollen uns tiefer eingraben, als Google das je in der Lage zu tun sein wird. Wir wollen in den Regionen zeigen, dass im eigenen Ort das Internet von großem Nutzen sein kann. Wir beschäftigen uns mit Innovationen. Aber, wir erfinden die Dinge nicht ausschließlich selbst, wir sind leidenschaftliche Kopierer, sehen uns die besten Modelle weltweit an. Wir arbeiten mit Firmen aus New York, Neu Dehli und Neuseeland, es gibt aktuelle Kooperationen und mit dem Internet ist die Welt recht klein geworden. Wir müssen beginnen größer zu denken. Was im Montafon funktioniert, kann in anderen Regionen genauso funktionieren. Aber man muss schnell und gut sein – wenn das funktioniert, dann sollte es dann auch für die Verlage mit der Monetarisierung klappen. Aus der Position lässt es sich dann hoch springen. Wir wissen wo wir hingehören und da kann man sehr gut wachsen. Wir haben noch viel vor uns.

Ad personam:
Gerold Riedmann, CEO medienhaus.com Onlinebereich Vorarlberger Medienhaus
geboren am 5. Februar 1977 in Feldkirch/Vorarlberg
- Verantwortet seit 2011 als Vorsitzender der Geschäftsführung den Onlinebereich des Vorarlberger Medienhauses mit Geschäftsstellen in Wien, Salzburg und Schwarzach (Vorarlberg)
- 2003 – 2011 „Vorarlberger Nachrichten“: Stellvertretender Chefredakteur, Chefreporter. Verantwortete hyperlokale Themen, Cross-Media-Projekte und den Ausbau der digitalen Plattformen für die VN. Projektleiter für das Redesign der „Vorarlberger Nachrichten“ 2009.
- 1997 – 2003 in München, Berlin und Frankfurt für Hörfunksender, TV-Sender und Onlinedienste als Produzent, Chefredakteur, Reporter und Moderator tätig (unter anderem: Businessradio der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sat.1/tv.münchen). Tätigkeit als Consultant für Crossmedia-Umsetzung von TV- und Hörfunkformaten (Antenne Bayern, Endemol/RTL, Neun Live, ORF, Kirch New Media, Premiere)
- 1998 – 2000 Studiengang Diplomjournalistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (vier Semester, o. Abschluss)
- Ballungsraumfernsehen tv.münchen und tv.berlin.
- Seit 2011 Board Member beim Think Tank „Global Editors Network“

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