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„Für Werber der Zukunft menschliche Skills wichtig“

Der Obmann von Wiens Fachgruppe Kommunikation und Werbung lässt nicht nur mit Kritik an der Regierung aufhorchen, sondern auch an den Gewerkschaften seiner Branche.
© Astonishing Pictures/Berhard Starkel

Marco Schreuder, Obmann der Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation Wien über die Bedeutung von kreativer Leistung, wie es mit dem Werbe-KV weitergeht und die Fachkräfte der Zukunft.

Dieses Interview ist zuerst in der HORIZONT-Ausgabe 47/2018 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

HORIZONT: Die Fachgruppe in Wien zählt 10.000 Mitglieder, 65 Prozent davon EPU. Welche Bedeutung haben diese Unternehmen für den Wiener Kreativstandort? Und wie unterstützt die FG seine Mitglieder? 

MARCO SCHREUDER: Die Bedeutung der EPUs, aber auch der Agenturen, für den Kreativstandort Wien kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein kreativer Standort braucht Agenturen und kreative Einzelpersonen gleichzeitig, da die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden ebenso vielfältig sind. Das vernetzende Denken, das Arbeiten über den Tellerrand hinaus, ist eine große Leistung der Kreativen in Wien. 

Und wie unterstützt hier die FG?

Die Fachgruppe unterstützt vor allem dort, wo es für EPUs oft schwierig wird. Mit einem Beitrag für nur zehn Euro im Jahr bieten wir besonderen Versicherungsschutz, wir helfen bei AGBs oder anderen rechtlichen Fragen, geben Tipps bei Anwalts- und Steuerberatungsfragen. Besonders beliebt sind zudem unsere Workshops. In diesen bieten wir von Themen wie Datenschutz, Honorar-Verrechnungen oder arbeitsrechtliche Workshops an. Zudem bieten wir auch Know How bei unseren zahlreichen Veranstaltungen, wie das sehr beliebte „Kreativfrühstück" oder „Eine Stunde mit…“, wo wir Grafiker vor den Vorhang holen. (Einen Überblick über ihre Angebote für Mitglieder hat die Fachgruppe zuletzt auch in Form eines "Scheckhefts" publiziert, Anm.)

Thema Wertschöpfung der Kreativleistung: in den vergangenen zehn Jahren sind die Honorare für kreative Leistungen um 25 bis 40 Prozent zurückgegangen, sagten Sie im Interview mit HORIZONT. Wie können Kreative diese Entwicklung wieder umkehren? 

Ohne einem verstärkten „Standesbewusstsein“ wird es nicht gehen. Kreativen muss man oft überreden ein gewisses Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Das Wissen um Honorare, Nebenkosten und was Kreativleistungen wert sind, ist enorm wichtig. Ich darf freilich keine Mindesthonorar-Empfehlungen abgeben, sonst stünde das Kartellamt vor meiner Türe, aber wie sich Arbeit rechnet, das können wir schon bei Workshops mitgeben. Kreativleistungen sind freilich schwerer bewertbar als zwei Stunden Fliesen legen, das macht es oft so schwierig.

Aus- und Weiterbildung und der kreative Nachwuchs sind wichtige Themen auch in der Werbung. Wie sieht der Werber der Zukunft aus und welche aktuellen Ausbildungsangebote gibt es?

Wir haben soeben einen neuen Lehrberuf ins Leben gerufen, da bedanke ich mich beim Fachverband auf Bundesebene ganz besonders, wo dies ausverhandelt wurde. Seit dem Schuljahr 2018/19 kann die dreijährige Ausbildung zum Medienfachmann oder -frau mit den Schwerpunkten Webdevelopment und audiovisuelle Medien, Grafik/Print/Publishing und audiovisuelle Medien, Online-Marketing und Agenturdienstleistungen absolviert werden. Ich kann nur alle Betriebe einladen ihre Fachkräfte für die Zukunft auch auszubilden. Die Anzahl der Lehrlinge in Wien ist noch recht überschaubar, und ich hoffe sehr, dass sich dies nun mit dieser Reform ändert.

Für den Werber der Zukunft werden aber zutiefst menschliche Skills wieder wichtig werden, davon bin ich überzeugt. Künstliche Intelligenz wird zwar bald Texte schreiben können, ein Logo entwickeln oder layouten können, aber mit Kunden das Wesen eines Produktes oder eine Kampagne erarbeiten oder erfassen, das wird auch zukünftig nur mit Empathie, sozialer Kompetenz und menschlicher Intelligenz sowie Emotionalität möglich sein.

Nach der Reform der Cannes Lions Festivals wurden Stimmen hierzulande laut, Werbepreise zu reformieren. Wie sehen Sie das und braucht es Reformen in Österreich?

Ich sehe meine Aufgabe als Fachgruppenobmann nicht darin, anderen zu sagen, wie sie ihre Werbepreise gestalten soll. Dass jedoch die Werbewelt sich dramatisch ändert, darum wird keiner drum herumkommen. Als Wiener Fachgruppe denken wir freilich auch darüber nach. Wir glauben, dass das Ermöglichen von sonst nicht Möglichem der vermutlich nachhaltigere Preis ist, man denke etwa an Bildungskarenz für EPUs oder Forschung im Bereich Marktkommunikation und Werbung. Da wird man bald mehr von uns hören. Da planen wir was.

Fast ein Jahr nach dem Werbe-KV in Wien: Wie geht es der Branche damit und wann kommt die Ausweitung auf Österreich?

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ein bundesweiter Kollektivvertrag sinnvoll wäre. Die Existenz der Wirtschaftskammer ist ja vor allem auf die Sozialpartnerschaft zurück zu führen. Diese Rolle und diese Verantwortung muss man dann halt auch wahrnehmen. Österreich wurde wohlhabend und konnte seinen sozialen Frieden wahren, eben weil man sich hierzulande nicht die Köpfe auf der Straße einschlägt oder dauergestreikt wird. Dass immer mehr Kräfte diese gute Tradition verlassen wollen, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Auch dass die Bundesregierung ein Arbeitszeitpaket verabschiedete, ohne dieses mit allen Beteiligten zu verhandeln, war ein Fehler, so begrüßenswert freilich Flexibilisierungen waren. Nun können wir diesen Kampf, den man eigentlich im Parlament ausgetragen sollte, in den Kollektivverträgen auskämpfen, wo er nicht hingehört. 

Das heißt es liegen schon konkrete Forderungen vor? 

Meine Forderungen werde ich noch nicht über die Medien kommunizieren können, das wäre schlecht für das Verhandlungsklima. Ich bin aber optimistisch, dass wir zu einer tragfähigen Einigung kommen werden, noch in diesem Jahr beim Gehalt und Anfang nächsten Jahres bei Änderungen und notwendigen Neuerungen im Rahmenrecht. Man startet Verhandlungen immer besser mit Optimismus. Ein Nachteil bleibt aber, dass seitens der Gewerkschaft keine Mitarbeiter kleinerer oder mittlerer Agenturen verhandeln, sondern eher Betriebsräte untypischer Großbetriebe, die in unserer Fachgruppe Ausnahmen darstellen. Da fehlt leider oft das Verständnis für die Veränderungen unserer Branche oder wie sehr die massiven Änderungen der Medienwelt auch unsere Arbeit verändert und mitunter auch gefährdet. Die Realität der KMUs ist dort leider kaum bekannt. Aber ich werde auch 2018 und 2019 nicht müde werden, kontinuierlich darauf hinzuweisen.

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