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Erfolgreiche US-Zeitungen: Digital-agile Print-Dinosaurier

US-Blätter wie die "Washington Post" blicken zwar auf eine lange Geschichte zurück, sind aber auch im digitalen Medienmarkt erfolgreich.
© pixabay

Totgesagte leben länger: Print-Urgesteine wie die "New York Times" oder "Washington Post" reüssieren am digitalen Lesermarkt.

Dieser Artikel erschien auch in der Ausgabe 39/2019 des HORIZONT zu den Österreichischen Medientagen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Die Jahresbilanz der New York Times (NYT) ist der Stoff, aus dem Verlegerträume sind: 55,2 Millionen US-Dollar Jahresprofit – so viel hat die „Gray Lady“ vergangenes Jahr verdient. Die Einkünfte aus dem Digitalgeschäft stiegen auf atemberaubende 709 Millionen US-Dollar. 2020 will man gar die 800-Millionen-Dollar-Marke knacken. Nicht umsonst pilgern heimische Medienmanager regelmäßig in die USA, um dortige Medienunternehmen zu besuchen.

Paywalls als Cashcow

Ausgerechnet viele von Amerikas Print-Dinosauriern bestehen im beinharten digitalen Wettbewerb. Ein entscheidender Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg ist die Vergebührung von Inhalten. Als die NYT 2011 die Entscheidung getroffen hat, ihre Inhalte hinter eine Paywall zu stellen, war die Skepsis groß. Inzwischen gibt es nur noch wenige Verlage, die nicht versuchen, das Modell zumindest nachzuahmen, wenn nicht gleich eins zu eins zu kopieren. Ganz so simpel ist es freilich nicht. US-Medien haben ihre Arbeitsweisen und ihr Geschäftsmodell umgekrempelt – teilweise auch den Mitarbeiterstab. Dabei war man nicht zimperlich. Über Jahre hinweg wurden bei der NYT Hunderte Mitarbeiter mit Golden Handshakes aus dem Unternehmen sanft verabschiedet.

Gleichzeitig blieb der Mitarbeiterstand gleich oder stieg sogar. Anders formuliert: Wer beim digitalen Wandel nicht mitzog, flog. Die Konkurrenzsituation auf dem US-Medienmarkt ist eben eine andere als hierzulande. Dutzende von Online-Mitbewerbern poppten über die Jahre auf – einige machten auch den Branchenriesen das Leben schwer. Viele von diesen stecken inzwischen aber selbst in Finanzierungsschwierigkeiten. Anfang des Jahres entließen Buzzfeed, HuffPost und Yahoo mehr als 1.000 Mitarbeiter. Vice sollte folgen. Digital vorsichtig vorzugehen, um das Print-Modell zu schützen – auf diese Idee kam dennoch niemand. Es ging und geht um den Aufbau von neuen digitalen Erlösmodellen.

Geschäftszweig Software

Dass Erlöse nicht nur mit Paywalls erschließbar sind, zeigt unter anderem der britische Guardian. Das notorisch unprofitable Blatt meldete vergangenes Jahr das erste Mal seit 1998 einen operativen Gewinn. Die Artikel sind weiter gratis zugänglich, man bittet die Leser aber um Spenden. Auch Angebote an die loyale Leser- und Userschaft, wie etwa Seminare, spülen Geld in die Kassen. Vielen lokalen Zeitungen in Großbritannien geht es dagegen wie ihren Kollegen in Übersee: sie sterben. Der Guardian hingegen macht sich, so wie viele anglo-amerikanische Medien, den Vorteil einer Weltsprache zu Nutzen. Neben den rund 350 Millionen Muttersprachlern fischen amerikanische und britische Medien zunehmend in Märkten von Südamerika bis Asien. Der Guardian betreibt eigene Digital-Ausgaben für Australien und die USA, die NYT hat Digital-Angebote auf Chinesisch und Spanisch, um neue Einnahmequellen zu erschließen.

Eine wachsende Zahl von Verlagen will sich aber nicht nur auf steigende Einnahmen aus dem Lesermarkt verlassen: Die Washington Post entwickelt immer mehr Software im eigenen Haus. Das selbstentwickelte Redaktionssystem vertreibt man mittlerweile weltweit. Vergangene Woche präsentierte man außerdem Zeus, eine Ad-TechPlattform, die Googles Marktmacht Paroli bieten soll.

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