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Eine Frage der Berechnung

© Ian Ehm

Algorithmen sind mächtige Werkzeuge. Umso wichtiger ist es, sie verstehen zu lernen und mit Bedacht einzusetzen. Der aktuelle update-Leitartikel von Marlene Auer, Herausgeberin und Chefredakteurin von bestseller, HORIZONT und Update.

Dieser Leitartikel ist zuerst in Update, dem Digitalmagazin aus der HORIZONT-Redaktion, erschienen (Ausgabe Nr. 2/2018).

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Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen.“ Wikipedias Beschreibung der Technologie liest sich vielversprechend, fast so, als ob Algorithmen ausschließlich Freund und Helfer wären. Freilich sind sie das in vielen Bereichen auch – etwa bei der Verwaltung der Verkehrsströme oder in der Logistik bei Warenlagern. Sie tragen zur Berechnung von Wetterprognosen bei, aktualisieren Zeitpläne bei Zugverspätungen oder erstellen individuelle Musik-Playlists. Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Auf sozialen Plattformen filtern und gewichten sie Inhalte – und verzerren damit die Meinungsvielfalt. Wie genau der Facebook-Algorithmus funktioniert, ist bisher ein so gut gehütetes Geheimnis wie die Originalrezepte von Sachertorte oder Coca-Cola, doch eines steht fest: Posts mit hohem Engagement werden bevorzugt behandelt. Die Folge: Clickbaiting nimmt zu, sachliche Diskussionen nehmen ab. Hier löst der Algorithmus also kein Problem, er erschafft eines.

Dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung. Algorithmen ziehen in Windeseile in immer mehr Bereiche ein, laut Professor Stefan Szeider von der TU Wien etwa auch bei Gericht. In den USA würden Richter Strafen mithilfe der Technologie festlegen (Lesetipp: Interview auf Seite 20). Das ist gefährlich, da ein Algorithmus zwar Wahrscheinlichkeiten berechnen, niemals aber emotionale Aspekte und Fairness in sein Ergebnis einfließen lassen kann. Zudem ist er abhängig von den Daten, mit denen er gefüttert wird. Und diese seien, so Szeider, „oft voreingenommen“.

Menschliche Entscheidungen sollten also menschliche Entscheidungen bleiben. Dasselbe gilt für den Bereich Human Resources. Wenn Algorithmen eine Vorauswahl an Bewerbern für einen Job filtern, können soziale und emotionale Faktoren nicht berücksichtigt werden.

Es sind mächtige Werkzeuge, die hier erschaffen wurden. Umso wichtiger ist es, sie verstehen zu lernen und mit Bedacht einzusetzen. Wenn Nachrichten-Websites Artikel nur noch nach der Methodik von Algorithmen ausspielen, verengt sich die Wissensvermittlung für den Einzelnen auf ein sehr schmales, spitzes Ausmaß. Microtargeting freut zwar die Werbeindustrie, da sie die Bewerbung ihre Produkte exakter an Zielgruppen knüpfen kann – doch für die Inhaltsvielfalt ist dieses Szenario höchst bedrohlich. Die Kombination mit der Engagement-Rate als fixem Faktor innerhalb des Algorithmus hätte wohl auch starke Auswirkungen auf die Stilistik der Berichterstattung. In der Schweiz ging man hier noch einen Schritt weiter: Das Medienhaus Tamedia testete ein neues Bonussystem. Je mehr Klicks ein Artikel, desto höher der Bonus für den Journalisten. Das Modell hat für zahlreiche Reaktionen und auch Kritik in der Branche gesorgt. Es fördere Übertreibung und unverhältnismäßige Zuspitzung. Wie das Fazit der Testphase ausfiel, ist bisher nicht bekannt. Doch Algorithmen könnten auch Gutes tun. Wenn sie etwa Fake News entlarven, sortieren und unsichtbar machen. Entsprechende Forschungen dafür laufen bereits.

In der Titelstory des aktuellen "update" widmen wir uns dem Thema Algorithmen in vielen Facetten, zeigen ihre bisherigen und zukünftigen Einsatzgebiete von Wahlen über Medien bis hin zum Alltag, berichten über ihre Potenziale und Risiken. Lesen Sie darin auch die Einschätzungen der vielen Experten, die wir zu den einzelnen Themen befragt haben. Und da Sie ein gedrucktes Magazin in Händen halten, können Sie auch sicher sein, dass Sie alle Inhalte sehen. Print garantiert das. Das ist Fakt. Und keine Frage der Berechnung.

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