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Die virtuelle Welt ist nicht genug

Editorial von Birgit Schaller, stellvertretende Chefredakteurin (HORIZONT 20/2015)

Unsere Welt ist nicht mehr die alte. Weil zwei Jahrzehnte Internet, zehn Jahre Social Web, acht Jahre Smartphone-Präsenz ihre Spuren hinterlassen haben. Das Festival der Marketing Rockstars macht bewusst, wie sich die spritzige digitale Welt zum Beispiel in neu inszenierten Events widerspiegelt. Eine Maxime ist das Tempo: in 20-Minuten-Keynotes sollte das Wichtigste gesagt sein, egal ob der Speaker mit seiner Rede durch ist, das Publikum moniert, dass die relevante Aussage jetzt in der Luft hängt oder gern mehr von den Stars des Events gesehen hätte. Der lautstarke Musikjingle unterbricht gnadenlos Rampensau wie Bühnenlangweiler. Maxime Nummer zwei, die aus der Welt des Webs in die reale vorgedrungen ist: Networking, und zwar ebenso high-speed, ist richtig in. Der Beweis dafür sind 1.900 (!) Besucher bei den Rockstars, davon zwei Drittel unter 30-Jährige, die quatschen, planen und gemeinsam feiern.

Ebenso faszinierend die Einweihungsfeier des erweiterten Impact Hub Vienna in der Vorwoche. In dem superstylish designten erfrischenden Coworking Space fanden hunderte Gäste, darunter Politiker, Kreative, Start-up-Gründer und, klaro, alle Networker, kaum Platz zum Stehen und das auf 1.200 Quadratmetern Fläche plus Hof. Übrigens lauschten sie alle ganz diszipliniert 90-Sekunden-Impulsreferaten im erwähnten Quick-and-dirty-Style unserer neuen schnelldrehenden Welt. Eine wichtige wie interessante Erkenntnis: Die virtuelle Welt ist nicht genug – siehe die Massen, die Events der New Economy von Marketing Rockstars und Coworking-Feiern bis TedX Talks anziehen. Denn auch die Generationen der digital aufgewachsen wie digital in­fizierten Menschen wollen ­einander sowie ihren Twitter-Gurus, YouTube-Stars, Pinterest-Managern und Snapchat-Heros zum Greifen nahe sein.

Wahrhaftes Kooperieren und Netzwerken, leidenschaftliche Diskussionen, auf Bühnen springende digitale Propheten, #Shingy, und feuchtfröhliche Champagnerbäder auf Afterpartys beweisen es: Wir sind immer noch Menschen aus Fleisch und Blut. Echte Gefühlswelten bedeuten mehr als digitale Präsenzen und Abbilder der Wirklichkeit, die soziale Plattformen überschwemmen und fleißig retweetet, geshart, gepinnt und gelikt werden. Für den neuen Trend Social Cooking finden sich die Rezepte vielleicht auf Koch-Blogs, aber das Treffen, übrigens meist mit Wildfremden, findet doch im privaten Wohnzimmer statt. So wird eben geteilt, genetzwerkt, kooperiert, gelikt und weitererzählt. Eigentlich wie früher, nur schneller, vernetzter und cooler.

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