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Die skurrile Fail-Compilation der Influencer

Die 'Influencerin' neelejay picknickt mit Teddy und Lichterkette im Wald.
© Instagram

Influencer und solche, die es gerne wären, findet man auf Instagram mittlerweile zuhauf. Von haarsträubendem Größenwahn, Lichterketten im Flugzeugsitz und 'Einfluss' in den falschen Händen.

Dieser Artikel ist zuerst im update-Magazin 2/2019 erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Der Teddy im Wald

Wer kennt es nicht, dieses Verlangen, es sich mit seinem Teddybären im Kofferraum mal so richtig gemütlich zu machen, davor noch schnell eine Lichterkette am Auto anzubringen und dahinter ein paar Kürbisse zu platzieren? Wenn Influencer vor der Challenge stehen, gleich mehrere Produkte auf einmal in ein Foto zu packen, resultiert das nicht nur in einem effizienten Arbeitsprozess, sondern auch in vielen, vielen herrlichen Beispielen wie dem von neelejay. Das eine Foto entstand laut Bildunterschrift in der „Shooting-Pause“ für ein noch authentischeres Bild: mit Teddy hinter dem Vorhang auf der Decke im Wald. Die Kürbisse konnten ebenso wiederverwendet werden wie die Lichterkette. Lichterketten erleben auf Instagram gerade sowieso den Zenit, siehe auch das Foto von ­harimaolee. Der Flug Hongkong – Rom war für die Influencerin sicher wie Weihnachten. User machten sie allerdings ­darauf ­aufmerksam, dass sie verkehrt herum liegt und die Lichter­kette auf andere Passagiere verstörend wirken könnte. Wohl egal. 

Beim Stichwort Weihnachten darf auch der Haarentferner-Post vor dem Plastikchristbaum nicht unerwähnt bleiben – denn warum denn nicht auch mal Hygiene im Wohnzimmer? User-generierte Slogans wie „#DerTrimmerFürJedesZimmer“ oder „Kratzt das Bein wie zwanzig Fichten, der Philips Lumea wird’s schon richten“ waren geboren. Influencer lassen vor allem bei ihren Bildkompositionen der Fantasie freien Lauf. Interessant wäre in weiterer Folge ein Making-of der Bildgestaltung. 

Influencer beweisen viel Fantasie in Sachen Bildkompositionen.

 

Der Trommelwirbel vor dem Shitstorm

In einer Influencer-Fail-Compilation darf der größte bisher da gewesene Event-Fail, der das Prädikat „epic“ mehr als verdient, nicht fehlen: das Fyre Festival. Erst im Jänner veröffentlichte Netflix die Doku „Fyre: The Greatest Party That Never Hap­pened“. Durchaus gelungener Trommelwirbel durch Influencer-Größen wie Kendall Jenner, Bella Hadid, Elsa Hosk, und wie sie alle heißen, vollbrachte 2017 einen Ausverkauf des Festivals, das seinen gut zahlenden Gästen Stars auf der Bühne, Alkohol in Strömen, Gourmetspeisen auf dem Teller und Luxus in den Unterkünften auf den Bahamas versprach. Die Damen wiederum wiesen ihre Werbung vor Ort nicht als solche aus, weshalb auch sie später vor Gericht Rede und Antwort stehen mussten. 

Das Partyvolk kam jedenfalls – und fand den Worst Case vor, den die weltweite Eventbranche je gesehen hat. Katastrophenschutzzelte, Dixi-Klos und eine Jausenbox mit zwei Stück ungetoastetem Toastbrot plus einer müden Scheibe Käse. Dazu ein ratloses Managementteam, dessen Chef und Festivalgründer Billy McFarland bis zum Schluss nicht einsehen wollte, was gerade passierte. Es war außerdem ein Foto besagter Jausenbox, getweetet von einem Besucher, das den globalen Shitstorm zündete. Festivalgründer Billy McFarland verbüßt derzeit seine sechsjährige Haftstrafe wegen Betrugs in einem Gefängnis in New York, während sein Partner, Rapper Ja Rule, eine Festival-Neuauflage plant. Man darf auf die nächste spannende Doku hoffen.

Influencer warben für das Fyre Festival, das sich als die "Greatest Party That Never Happend", wie es Netflix in seiner Doku betitelte, herausstellte.

 

Die Gratisreise

Jeden Tag habe sie durchgeplant – wann aufgestanden und wohin gegangen wird. Die Pässe sind (noch) griffbereit, die Strandschuhe liegen neben der Unter…, ah, nein, Badehose auf der Landkarte, auf der natürlich auch Blumen nicht fehlen dürfen. Ein klassisch komponentenreiches Influencer-Bild für einen klassisch (vermeintlich) bezahlten Urlaub in der Türkei diesen Mai. Per Mail wurden anna_ix und 18 Gleichgesinnte zur Pressereise eingeladen, inklusive Verhandlungen über das Honorar und die Berichterstattung auf Social Media. 

Nur: Für die Beteiligten erwiesen sich die Gratistage am Mittelmeer als Flop. Eingesammelt wurde man am Flughafen vor Ort noch – die Pässe allerdings auch. Sie wurden nie mehr gesehen; höchstens am Schwarzmarkt, wird vermutet. Als die Influencer-Truppe merkte, dass was faul war, war’s auch schon zu spät. Den Veranstalter „Constantino Tour“ gab es nämlich gar nicht. ­Daher blieb anna_ix und den anderen nichts anderes übrig, als sich ein Hotel zu organisieren und die Behörden aufzusuchen. Zwar brachte die Reise nicht das erwartete Ergebnis, aber immerhin Aufmerksamkeit auch in Medien, die die Szene sonst eher nicht beleuchten. 

Statt am Strand landete die Influencer-Truppe bei den türkischen Behörden.

 

Der Realitätsverlust

Auch wenn viele Influencer-Postings meist zum Schmunzeln verleiten, gibt es jene, bei ­denen man sich nur an den Kopf greift. Immer wieder kommt es vor, dass an Orten wie der ­Gedenkstätte Auschwitz, wo mehr als eine ­Million Menschen ermordet wurden, Feel-good-Fotos geschossen werden. Daumen hoch vor dem Eingangsschild „Arbeit macht frei“ oder wie hier die blonde Dame im stylishen Mantel, mit geglättetem Haar und dem Kaffeebecher, der für sie auch irgendwie eine Rolle zu spielen scheint (wahrscheinlich zum Thema „Lifestyle“). Würde in der Bildunterschrift nicht „Auschwitz“ mit einem Herzchen (?) stehen, würde man wohl annehmen, sie befinde sich überall, nur nicht an einem der ­schrecklichsten Orte der Geschichte. 

Hausverstand, Ethik und Moral sollten aber gerade für jene gelten, die Einfluss auf andere haben oder es versuchen. Im Gegensatz zu ­ihren übrigen Posts hat xchloexlawsonx, so ihr Instagram-Name, die Kommentare zu diesem gelöscht und deaktiviert, nicht aber den Beitrag selbst. Angesichts weiterer Besucher, die sich gerne beim Balanceakt im Sonnenuntergang auf jenen Schienen ablichten lassen, auf denen unzählige Menschen in den Tod deportiert wurden (und die als Symbol für den ­Holocaust bekannt sind), sah sich auch die ­Gedenkstätte selbst in einem Tweet veranlasst, um etwas mehr Respekt zu bitten. Man sollte sich zwischendurch fragen: „Wo bin ich eigentlich?“ Derart blind darf Selbstdarstellung nicht machen.

'Hausverstand, Ethik und Moral sollten aber gerade für jene gelten, die Einfluss auf andere haben oder es versuchen.'

 

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