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'Bäm': Kommunikativer Fußtritt im Start-up-Geist

Gerhard Martinek sowie Florian und Alexander Zelmanovics (v.l.) steuern ihre Agentur zwischen „traditionellen“ Vorlieben und strukturellem Bruch.
© Dieter Steinbach

Vor zehn Monaten gründeten Alexander und Florian Zelmanovics und Gerhard Martinek die Agentur ­Zeppelin, Emil, Ludwig. Im Interview sprechen sie über ihr neues Tool, Learnings, Unabhängigkeit und das Image der Branche.

Der Artikel ist bereits in der Ausgabe 40/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Sie hatten „genug von komplizierten Strukturen“, also gründeten sie vor zehn Monaten ihre eigene kleine Agentur. Seitdem konnten ­Alexander und Florian Zelmanovics sowie ­Gerhard Martinek als Zeppelin, Emil, Ludwig (ZEL) 13 Kunden für Projekte gewinnen, wie sie jetzt im HORIZONT-Gespräch resümieren. Dazu zählen etwa AEG, Red Zac und Österreich Werbung. Im Dezember noch fand das Interview zur Gründung in den Räumlichkeiten einer befreundeten Filmproduktionsfirma statt. Kein eigenes Büro zu haben, sei keine Übergangslösung, sondern die Grundidee, schließlich sei man so flexibler.

Momentan kann man ZEL in der Berggasse im neunten Wiener Bezirk doch in ihrem fixen Büro antreffen, einem Co-Working-Space. Die Grundidee sei aber „immer noch dieselbe – es geht uns um höchstmögliche Flexibilität, und die haben wir zurzeit eben in einem ­Co-Working-Büro“, erklärt Martinek. Wobei Alexander ­Zelmanovics hinzufügt, die Festlegung auf eigene Agenturmauern sei das Resultat eines Lernprozesses: „Zu Beginn fanden unsere Kunden die Idee ,flexibles Arbeiten ohne festen Arbeitsplatz‘ großartig. Bis es ans tägliche Arbeiten ging und bei einigen doch der Wunsch nach einem fixen Büro aufkam.“ Dieses gebe manchen Kunden eine gewisse Sicherheit. „Vielleicht sind wir da in Österreich noch ein bisschen traditionell“, ergänzt er lachend.


‚Schnell und Bäm‘
Neben der Kundenakquise tüftelten die Zelmanovics-Brüder und Partner Martinek an ihrem internen Tool „Schub“ – kurz für „Schnell und Bäm“ und bildlich für „einen kommunikativen Fußtritt verpassen“. Viele Kunden hätten wenig Zeit, so Florian ­Zelmanovics: „Mit ,Schub‘ können wir schneller als üblich analysieren und entscheiden.“ Statt einem halben Jahr für Markenpositionierung benötige man nun etwa die Hälfte der Zeit. „Kunden merken sofort, wenn nur um den heißen Brei herumgeredet wird. Leider ist das in vielen Agentur-Meetings der Fall – abgesehen davon, dass auch sehr oft die falschen Menschen am Tisch sitzen. Haben drei von fünf Teilnehmern nichts zu sagen, fällt das schnell auf.“ 


Im Sinn der Effizienz macht ZEL auch einen Bogen um Pitches: Man habe keinen einzigen Kunden durch klassischen Wettbewerb ­gewonnen, sondern nur mit direkten Gesprächen. Insofern heiße man die vor rund zwei Wochen vom IAA präsentierte „Quality Pitch Charta“ nicht nur gut, sondern habe sie sogar als eine von vielen Agenturen mit ­initiiert. „Eine Teilnahme an Pitches ist für uns eher die Ausnahme. Wir haben das nicht so gern, weil wir der Meinung sind, dass Kunden oft gar nicht bekommen, was sie sich erhoffen“, kritisiert Alexander Zelmanovics. Außerdem würde sich ein so gewonnener Kunde in vielen Fällen erst nach zwei Jahren rechnen. Indes würden auch Auftraggeber zur Arbeit mit mehreren Agenturen parallel tendieren, sind sich die drei Partner einig.

Ihr Büro teilen sie sich mit rund 20 weiteren Personen, die meisten davon sind kleine Start-ups. Direkt neben ihnen sitzt das Team einer Online-Agentur. Da komme es schon mal zur spontanen Zusammenarbeit, wie Florian Zelmanovics verrät. Man lasse sich auch ab und an bei Mobile-Kampagnen oder einer Website-Gestaltung kurz beraten und greife anderen strategisch oder kreativ unter die Arme. Die Atmosphäre sei sehr offen, man müsse für kleine Tipps oder Hilfeleistungen nicht gleich eine unterschriebene, offizielle Kooperation eingehen. 

‚Kein bürokratischer Ballast‘
Platz im Büro gibt es übrigens für etwa 40 Personen. So könne man zumindest theoretisch wachsen, meint Martinek. Man wolle zu dritt bleiben, aber wünsche ein Großkunde, etwa aus dem Handel, laufende Betreuung mit fixen Mitarbeitern, müsse man sich überlegen, diese ins Boot zu holen. Das Trio ist überzeugt: Der richtige Weg einer Agentur ist der, Leistung punktuell zuzukaufen. „Wir wollen uns keinen bürokratischen Ballast auferlegen“, so Martinek. Zudem wollen sich Alexander Zelmanovics zufolge viele in kein Angestelltenverhältnis begeben, suchen sich Kunden und Auftraggeber lieber selbst aus.

Abgesehen davon gelte Kommunikation nicht mehr als die „sexy Branche“ von einst, sondern komme „in der Jobrangliste gleich nach Politiker und ­Banker“, wenngleich es mit dem Image wieder bergauf gehe. Zwar lerne ein Teil des Nachwuchses bei den großen Werbeagenturen – jene, die länger im Geschäft seien, ziehe es aber eher zu Start-ups. Martinek und die Zelmanovics-Brüder verstehen das gut: „Sie wollen sich eben auch nicht mehr in Strukturen pressen lassen.“

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