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Allianzen: So reagieren die Privaten

Christian Stögmüller (l.) und Ernst Swoboda (r.)
© Kronehit; Life Radio

VÖP-Vorstandsvorsitzender Ernst Swoboda und Vorstand Christian Stögmüller wollen den ORF nun erneut zu einer Teilnahme am Radioplayer bewegen.

Dieses Interview ist zuerst in Ausgabe Nr. 7/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Die Privatradios reagieren auf die Allianzpläne von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz mit einem diese Woche übermittelten Brief, in dem VÖP-Vertreter Ernst Swoboda (Kronehit) und Christian Stögmüller (Life Radio) den ORF zur Teilnahme am Radioplayer einladen. Weitere Bündnisse knüpfen sie im Interview an Bedingungen.

HORIZONT: Sie haben als Reaktion auf die Aussagen von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im HORIZONT-Interview ihm eine Einladung zur gemeinsamen Radioallianz ausgesprochen. Was ist die Intention der Privatsender dahinter?

Ernst Swoboda: Wir versuchen den ORF seit zwei Jahren für solch eine Radioplayer-Allianz zu gewinnen. Dahinter steht eine europäische Idee ausgehend von Großbritannien, wo die BBC das Thema initiiert hat. Die Vision dahinter ist: Radio- oder Audiodienste werden immer stärker digital genutzt. Die Bildschirme – vom klassischen Smartphone bis hin zum digitalen Konsum im Auto – sind aber im Platz begrenzt. Dieser Radioplayer ist eine technische Plattform, die die einzelnen Sender vereint.

Warum benötigt es diese eine Plattform?

Swoboda: Autobauer wie zum Beispiel Audi verhandeln mit einem Anbieter – und nicht mit zig verschiedenen Sendern. Kein einziger Radiosender wird stark genug sein, dass er dort neben Apple Music, Spotify oder Amazon seinen Platz finden wird. Und auch die ORF-Sender werden allein nicht stark genug sein. So droht die Gefahr, wenn wir hier nicht gebündelt ausgespielt werden, im internationalen Wettstreit unterzugehen.

Christian Stögmüller: In vielen europäischen Ländern wie Großbritannien, Deutschland oder der Schweiz ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine ganz wesentliche Stütze dieser Entwicklung. Nur in Österreich gibt es diese nicht. International wurde erkannt, dass die Gattung Hörfunk sich dort positionieren muss und es nicht um taktische Spielchen zwischen ORF und Privaten geht, die wir in Österreich derzeit erleben.

Ihrer Antwort ist zu entnehmen, dass es bislang noch kein Zukommen des ORF auf Sie gab?

Swoboda: Wir nehmen die Aussagen des Herrn Generaldirektor und dieses Gespräch zum Anlass, um auf den ORF zuzukommen. Wir haben das vor zwei Jahren erstmals und seither immer wieder getan.

Woran scheiterten Ihre Bemühungen?

Swoboda: Es hat jedes Mal klare Absagen gegeben. Die Begründung war meistens, dass der ORF nichts davon habe, weil er nicht so wie die Privaten viele Streams, sondern nur seine on air UKW-gesendeten Programme bietet. Man sah die Privaten im Vorteil – und das wolle man nicht unterstützen. Die Haltung des ORF war: Wenn er dabei sein soll, dann müsste es vorher eine gesetzliche Änderung geben, die dem ORF ermöglicht, auch neue Programme online zu verbreiten.

Stögmüller: Völlig atypisch zur gesamten europäischen Situation würde sich für den ORF wieder ein Sonderbonus entwickeln, das ist natürlich kritisch zu sehen.

Da es Ihnen ja offensichtlich ein Anliegen ist, den ORF dabeizuhaben: Würden Sie als Privatsender solch ein Zugeständnis im Gegenzug für eine Teilnahme des ORF machen?

Swoboda: Das ist definitiv auszuschließen.

Was ist nun Ihre Intention dahinter? Sie können das Projekt ja auch ohne den ORF realisieren.

Stögmüller: Wir machen es im Moment ja auch ohne den ORF, sind aber der Überzeugung, dass es für die Hörer und für die Radiobranche sinnvoller mit dem ORF wäre.

Es wäre doch folglich auch einfacher in den Verhandlungen beispielsweise mit der Autoindustrie, wenn die gesamte Radiobranche dabei ist? Sie tun das also schon auch aus Eigeninteresse.

Stögmüller: Die Verhandlungen, ob dieser Radioplayer etwa in Autos vorkommt oder nicht, sind schon längst abgeschlossen. Österreich verhandelt da gar nicht – das läuft über UK und Deutschland. Umso wichtiger ist unser Teilnehmen. Hier Lizenzpartner zu werden entstand zufällig durch einen Besuch von mir bei der BBC, die für Österreich noch einen Lizenzpartner gesucht hat. Das eröffnet uns eben erst diese Möglichkeiten – auch in Verhandlungen mit großen anderen Hardwareanbietern.

Besteht die Möglichkeit, dass es eine weitere Lizenzvergabe gibt?

Swoboda: Nein. In diesen Radioplayer kommt der ORF nur über uns. Wenn künftig jeder neue Audi mit einer Radioplayer-App ausgestattet ist, dann wäre der ORF, wenn er nun nicht einsteigt, über diese App nicht adressierbar.

Stögmüller: Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, einen Aggregator als Gegenpart zu etwa Spotify zu haben, der aber eben nicht irgendeinem Dritten gehört – sondern unter Kontrolle der Radiosender selbst ist. Wenn der Radiokonsum künftig noch stärker digital stattfindet, ist es wichtig, dass im Sinne der Gattung auch der gesamte österreichische Radiomarkt vertreten ist. Unser Angebot an den ORF ist daher als gleichberechtigter Partner in einem 50/50-Modell einzusteigen und im europäischen Kontext die Entwicklung von Radio weiterzutragen.

Dieses 50/50-Modell bezieht sich auf die Kosten?

Stögmüller: Wir haben die Radioplayer Österreich GmbH gegründet – und haben damals dem ORF angeboten, dass die Hälfte dieser Gesellschaft ihm offensteht.

Swoboda: Nur, ewig können wir keinen Schwebezustand haben. Irgendwann muss man sich entscheiden.

Was würde denn passieren, wenn der ORF auf dieses Angebot nicht eingeht?

Swoboda: Dann ist er definitiv nicht dabei. Dann ist er aber auch in fünf, oder in zehn oder in fünfzehn Jahren nicht dabei. Wenn wir die Türe zumachen, ist sie zu.

Haben Sie dem ORF dafür ein Ultimatum gesetzt?

Swoboda: Zwei Jahre die Tür offen zu lassen hat für genug Luftzug gesorgt. Irgendwann muss man es auch ein bisschen behaglicher haben und die Tür zumachen. Wir müssen ja auch die Strategie für die Zukunft festlegen: Hängen wir eine Vermarktung dran oder nicht? Wie gestalten wir die finanziellen Rahmenbedingungen? Bis jetzt haben wir uns da wahnsinnig zurückgehalten. Es ist das gute Recht des Herrn Doktor Wrabetz, nein zu sagen. Dann nehmen wir das eben zur Kenntnis. Jetzt sehen wir noch eine Chance.

Stögmüller: Wenn der ORF nicht dabei sein sollte, gehen wir in Richtung Vermarktung und in Richtung Aufnahme auch von Stream-only-Sendern – dann wäre eine solche Allianz mit dem ORF auch nicht mehr möglich. Und das wäre aus Sicht der Gattung schade.

ORF-Chef Wrabetz hat die Privatsender ja auch zu einer Vermarktungsallianz eingeladen. Wie stehen Sie diesem Bestreben als Vertreter der Privatsender gegenüber?

Swoboda: Es ist eine interessante Idee. Bestrebungen zu Allianzen im internationalen Wettbewerb hat es ja auch von Privatsendern und dem VÖZ bereits gegeben – und schließlich haben diese nun auch im Regierungsprogramm Niederschlag gefunden. Im Hinblick auf europaweite Veränderungen wie beim Datenschutz oder ePrivacy passiert das ja auch jenseits der Grenzen, beispielsweise in Deutschland mit der Log-in-Allianz.

Wrabetz forciert auch solch eine Allianz. Wären Sie dabei?

Swoboda: Aufbauend auf einer Log-in-Allianz würde eine gemeinsame Plattform Sinn ergeben. Ich gewinne aber den Eindruck, dass dabei aktuell jeder von etwas anderem spricht.

Wovon sprechen denn Sie, wenn Sie solch eine Vermarktungsplattform forcieren?

Swoboda: Es gibt zwei Ansätze. Das eine ist eine Vermarktungsplattform, auf der mehrere Produkte gemeinsam vermarktet werden. Das andere ist eine reine Buchungsplattform, über die beispielsweise programmatisch gebucht werden kann; in der es nicht notwendig ist, sich in die Vermarktung eines anderen zu begeben. Das kann auf jeden Fall Sinn haben, weil gerade beim programmatischen Buchen die Masse das Entscheidende ist.

Also eher eine Buchungs- als eine gemeinsame Vermarktungsplattform?

Stögmüller: Ja. Das Ziel muss es sein, eine Plattform zu schaffen, die das Abwandern von Geld zu Google und Co unterbindet. Das ist ja das, was uns eint.

Sie eint dieses Bestreben seit Längerem, trotzdem gibt es solch eine Allianz noch nicht. Was hindert Sie daran, das gemeinsam in Angriff zu nehmen?

Swoboda: Die Idee, die ja auch Medienminister Gernot Blümel immer wieder geäußert hat, eine Plattform der österreichischen Medien zu schaffen, bei der der ORF mit seiner Reichweite dafür sorgt, dass diese stark performt, ist ja eine gute. Wir müssen aber aufpassen, dass – selbst wenn man das schwierige Erlösthema zwischen ORF und Privaten regelt –, sich in weiterer Folge nicht die Marktverhältnisse zu unseren Ungunsten verschieben. Die Gefahr liegt nahe, dass die Marktdominanz des ORF durch eine solche Plattform noch stärker wird. Es nützt uns allen nichts, wenn wir letztlich am Tropf des ORF hängen. Eine Plattform, die getrieben durch die Stärke des ORF ist, kann auch schnell zu mehr Dominanz am User-, Hörer- und Sehermarkt führen. Das wäre der Super-Gau, weil es auf Dauer einen dualen Markt wirklich verhindern würde.

Damit ist solch eine Allianz aus Ihrer Sicht also nicht realisierbar?

Swoboda: Es geht nur dann, wenn man gleichzeitig dafür sorgt, dass sich der ORF auf seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag zurückbesinnt. Es funktioniert nicht, wenn der ORF mit teils rein kommerziellen Fernsehprogrammen und rein kommerziellen Radioprogrammen agiert – wo beispielsweise im Programm von Ö3 wenig vorkommt, was den öffentlichrechtlichen von einem privaten Sender unterscheidet.

Information und Unterhaltung bietet Ö3 aber.

Stögmüller: Das Problem ist ja, dass die Definition des öffentlichrechtlichen Auftrags im Hörfunk an sich nicht wirklich gegeben ist. Ö3 hat inzwischen einen Wortanteil, der geringer ist, als viele Privatsender in ihren Zulassungsbescheiden haben.

Swoboda: Meines Erachtens ist es entscheidend, dass nicht der ORF an sich, sondern jedes Programm für sich alleinstehend öffentlich-rechtlich sein muss. So wie der ORF aktuell agiert, ist das ausgelegt auf vergangene Zeiten des Monopolrundfunks mit einem „Allversorgungsanspruch“. Es braucht klare, unzweifelhafte quantitative Vorgaben mit beispielsweise einem Prozentsatz, wie viel des Programms Wortanteil sein muss. Erst dann haben wir die Voraussetzungen für einen dualen Rundfunkmarkt, dann sind auch solche Allianzen denkbar, weil man keine Angst haben muss vom übermächtigen ORF erdrückt zu werden.

Aktuell wird auch intensiv über die Finanzierung des ORF debattiert. Wenn der ORF seinen Auftrag wie gesetzlich dargelegt ausführt, wären dann die Gebühren in der aktuellen Höhe Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?

Swoboda: Ich vermeide es zu sagen, der ORF muss weniger Geld bekommen. Das ist seriös nur beurteilbar, wenn man weiß, was er zu tun hat. Das dafür notwendige Geld muss er dann auch bekommen. Es ist durchaus möglich, dass wenn ich den Auftrag vernünftig definiere, der ORF auch mehr Geld bekommt.

Was erwarten Sie sich diesbezüglich von der kommenden Medienenquete?

Swoboda: Ich erwarte einen Startschuss, dass die Rahmenbedingungen für Rundfunk neu gedacht und konstruiert werden. Ich erwarte, dass man den öffentlich-rechtlichen Auftrag neu und vernünftig definiert – und auch die Frage regelt, wer über die Finanzierung des ORF entscheidet. Es ist absurd, dass der ORF das derzeit selbst entscheidet.

Zum Thema Finanzierung: Private Fernsehsender streben in dieser Debatte auch Gelder an, die derzeit dem ORF zukommen. Ist das auch für private Radiosender ein Thema?

Swoboda: Fast jeder private Radiosender könnte aufzeigen und sagen, ich bin öffentlich-rechtlicher als Ö3 …

Stögmüller: …vor allem was regionale Nachrichten oder Wertschöpfung im Kulturbereich anbelangt.

Swoboda: Wenn man öffentliches Geld bekommt, um Public Value herzustellen, würde das dieser Überlegung nach auch den privaten Radiosendern zustehen.

Stögmüller: Das wäre zudem leicht messbar, da wir die aktuelle Medienförderung nach sehr strengen Kriterien eben nur für qualitativ hochwertige Inhalte bekommen – aber leider nur zu einem Bruchteil von dem großen Kuchen, den der ORF bekommt.

Sie werden sich also um Gebührengelder für Privatradiosender bemühen, die Public Value bieten?

Swoboda: Ganz oben auf unserer Agenda steht der neu zu definierende öffentlich-rechtliche Auftrag. Alle anderen Themen sind ebenso wichtig, aber ohne dem ist alles andere nichts.

 

Die Reaktion des ORF: HORIZONT hat den ORF zu einer möglichen Zusammenarbeit mit den privaten Radiosendern im Zusammenhang mit dem Radioplayer konfrontiert. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz (im Bild) kommentierte dazu auf Anfrage: „Ja, wir führen Gespräche auch darüber!“ 

Alexander Wrabetz

Zum Radioplayer: Der Radioplayer Österreich wurde von den Gesellschaftern Life Radio, Antenne Steiermark und Kronehit gegründet – und macht die in England von BBC und Privatsendern entwickelte Technologie per 19. März 2015 unterzeichnetem Lizenzvertrag auch in Österreich zugänglich. Ein Gutteil der österreichischen Privatradiosender ist auf der Plattform gelistet. Als Eigentümer der GmbH fungieren aktuell laut Firmenbuch Kronehit Radio BetriebsgmbH (Anteil: 42 Prozent), Life Radio GmbH & Co. KG (Anteil: 21 Prozent), Antenne Steiermark Regionalradio GmbH & Co KG (Anteil: 21 Prozent) sowie mit jeweils vier Prozent Antenne „Österreich“ und Medieninnovationen GmbH, Antenne Vorarlberg GmbH, N & C Privatradio Betriebs GmbH und Radio Arabella GmbH. Geschäftsführer der Radioplayer Österreich GmbH sind Ernst Swoboda und Christian Stögmüller.

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