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"Algorithmen fressen Demokratie und freien Willen"

Roger McNamee ist seit über 30 Jahren als Investor im Silicon Valley tätig. Neben seinem frühen Investment in Facebook ist er Mitbegründer erfolg­reicher Fonds, spielt Bass und ­Gitarre und war dafür mitverantwortlich, die finanziellen ­Mittel für die Gründung der ­Wikimedia Founda­tion ­aufzubringen.
© Rick Smolan

Roger McNamee, Keynoter der Österreichischen Medientage, mutierte vom Zuckerberg-Vertrauten zum größten Kritiker. Im Interview mit HORIZONT spricht er über Bedrohungsszenarien, Regulierungsbedarf und Mark Zuckerbergs Kritikfähigkeit.

HORIZONT: Sie beschreiben Facebook in ihrem Buch „Zucked“ als eine der aktuell größten Bedrohungen für unsere Zivilisation. Zugleich hat das Social Network weit über zwei Milliarden aktive User weltweit. Sind wir alle dem Untergang geweiht?
Roger McNamee:
Internetplattformen wie Facebook und Google sind eine Bedrohung für die Demokratie, für das Gesundheitswesen, für die Privatsphäre und
für den Wettbewerb. Konsumenten und politische Entscheidungsträger haben die Macht, die Gesellschaft zu schützen – aber wie beim Klimawandel ist die Gleichgültigkeit der Menschen der eigentliche, ­wahre Feind.

Ist so etwas wie Privatsphäre seit dem Aufstieg von Facebook und Co überhaupt noch möglich?
Unternehmen behaupteten die Eigentümerschaft von Daten – aber auch das Recht, diese nach eigenem Ermessen zu übertragen und auszubeuten. Bis vor Kurzem gab es keinen Diskurs zu dieser Problematik. Unsere Chance ist es, Grenzen zu setzen in Bezug darauf, wie Daten gesammelt und genutzt werden. Ich bevorzuge sehr klare Grenzen und eine Umkehr der aktuellen Politik, bis es eine ernst zu nehmende politische Diskussion über die Vorteile und Nachteile jedweder Art von Datennutzung gibt.

Mark Zuckerberg hat früh auf Ihre Expertise vertraut, Sie haben investiert und ihm Sheryl Sandberg ins Unternehmen gebracht. Inwieweit fühlen Sie sich mitschuldig am Aufstieg eines Systems, das Sie nun harsch kritisieren?
Ich war einer von vielen Beratern von Mark und Sheryl, aber ich bin schon seit den frühen 1980er-Jahren ein Insider im Silicon Valley. Ich habe immer daran geglaubt, mit Technologie denjenigen die Flügel zu heben, die sie nutzen. Aber diese Philosophie ist vor einigen Jahren aus der Mode gekommen. Ich fühle mich dazu verpflichtet, meine Erfahrung über die Schattenseiten der Internetplattformen mit jenen Teilen der Öffentlichkeit zu teilen, die gewillt sind, zuzuhören.

Wie viele Anteile halten Sie eigentlich noch an Facebook – und bestehen Überlegungen, künftig operativ stärker Einfluss zu nehmen?
Ich besitze einige Anteile an Facebook. Die überwiegende Mehrheit der von mir getätigten Investments waren im Interesse der Elevation-Partners-Investoren. Ich habe seit gut zehn Jahren keinen Einfluss mehr auf Facebook und ich erwarte nicht, dass sich das ändert.   

Sie kennen Mark Zuckerberg ­bestens. Sein Unternehmen steht beinahe in Dauerkritik, von Cambridge Analytica bis Beeinflussung des US-Wahlkampfs. Geht ihm diese Kritik eigentlich nahe oder perlt sie an ihm ab?
Ich denke nicht, dass Mark gerne kritisiert wird. Aber ich vermute, er denkt, dass die Kritik ­fehlgeleitet ist. Er glaubt daran, dass Facebooks Mission, die Welt zu vernetzen, diese Probleme rechtfertigt, die dadurch entstanden sind.

Facebooks Business-Modell basiert auf dem Einsatz und der Vermarktung von Daten. User scheinen diese bedenkenlos herzugeben, die Werbewirtschaft giert nach der Macht des Targetings. Wie soll dieses Modell Ihrer Vorstellung nach reguliert oder gar aufgebrochen werden?
Ich würde jegliche Nutzung von Daten, die nicht First-Party-Daten sind oder eine bestimmungsgemäße Verwendung haben, untersagen. Es ist völlig in Ordnung, Uber den Standort und die Identität eines Users zum Zweck der sicheren Beförderung zu übermitteln. Es sollte aber für Uber nicht legal sein, diese Daten an Dritte zu übertragen oder diese Daten für einen anderen Zweck als die ursprüngliche Fahrtabwicklung zu verwenden. Weiters sollte es auch für Inhaber von Finanz-, Gesundheits- oder Standortdaten nicht erlaubt sein, diese zu übertragen oder zweckentfremdend auszubeuten. Meiner Meinung nach sollte es für Plattformbesitzer zudem verboten sein, Dokumente oder E-Mails zu scannen. Produkte wie ­Alexa oder Google Assistant dürfen in meiner Vorstellung Daten nicht über das hinaus nutzen, was für die Beantwortung der ursprünglichen Frage vorgesehen war. Und es sollte für kein Unternehmen legal sein, Daten von Minderjährigen zu sammeln, zu übertragen oder zu nutzen.

Facebook erzielt seine Gewinne zu einem überwiegenden Teil aus Werbeeinnahmen. Sehen Sie hier auch den Markt in der Pflicht, bewusster zu agieren?
Der Markt ist sich seiner Rolle in diesem Chaos nicht bewusst. Das Targeting von Facebook, Google, Microsoft und Amazon hat das Marketing revolutioniert – und die Werbeindustrie sollte anerkennen, dass dies auf Kosten der Gesellschaft geschieht. Dabei bringt es auch nichts, dass diese Internetplattformen ihr Targeting jedermann zugänglich machen. Das benachteiligt etablierte Marken.

Im Bereich der Social Networks dominieren mit Ausnahme der asiatischen Märkte die großen Giganten wie Facebook und Google. Massen­taugliche Alternativen fehlen. Was wäre Ihr Ansatz, um dem gegenzusteuern?
Die einzige Möglichkeit, Alternativen zu schaffen, besteht in der Anwendung des Kartellrechts, um Internetplattformen zu beschränken. Die USA haben dies etwa mit dem Telefonmonopol ­Anfang 1956 getan.

Viele andere große Social Networks hatten ein natürliches Ablaufdatum oder gingen wie MySpace nach dem Kauf durch Rupert Murdoch
zu Grunde. Wie lange werden sich die derzeitigen ­Giganten noch behaupten können – und woran würden diese scheitern?

Ich sehe keine natürliche Bedrohung. Google und Facebook haben mögliche Konkurrenten übernommen. Solange sie das können, bleiben sie einflussreich und mächtig.

Ihr persönlicher Werdegang ist eng mit dem Silicon Valley verbunden, Ihre Expertise wird dort geschätzt. Was wird aus Ihrer Sicht „the next big thing“ aus dem Sillicon Valley?
Ich würde gerne eine Rückkehr zur Technologie sehen, die die Menschen, die sie nutzen, stärkt. Steve Jobs hat den Personal Computer als Fahrrad für den Verstand beschrieben: eine Technologie, die gut für den Menschen war und zeitgleich Spaß brachte. Ich glaube zudem, dass die nächste Welle der Technologie eine noch viel größere Industrie hervorbringen wird, als wir sie momentan haben.

Wie sehr werden Algorithmen und Künstliche Intelligenzen unseren Alltag künftig steuern? Und sehen Sie das als Bedrohung oder als Chance?
Ich sehe Algorithmen und Künstliche Intelligenzen als Bedrohung, weil es für Internetplattformen keinen Anreiz gibt, Konsumenten als etwas anderes als Treibstoff zu sehen. In Ermangelung staatlicher Eingriffe fressen Algorithmen und Künstliche Intelligenzen Stück für Stück die Demokratie und den freien Willen auf.      

Die Überlegungen in Ihrem Buch „Zucked“ drehen sich auch stark um die Beziehung zwischen Technologie und Mensch. Wer dient aus Ihrer Sicht wem?
Kein Zweifel: Heute dienen längst die Menschen der Technologie.

Sie selbst sind Investor, aber auch leidenschaftlicher Musiker. Mögen Sie Noten oder Zahlen lieber?
Noten.

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