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,Affäre Silberstein hat PR-Branche in Defensive gerückt‘

„PR ist in Österreich ein freies Gewerbe, dabei soll es auch bleiben“, sagt Bernhard Krumpel, PR-Berufsgruppensprecher in der Wirtschaftskammer.
© Ian Ehm

Bernhard Krumpel, PR-Berufsgruppensprecher im WKO-Fachverband Werbung und Marktkommunikation, über Dirty Campaigning und was sich rechtlich ändern muss.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 44 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Horizont:Der Nationalratswahlkampf hat mit der Silberstein-Affäre das Thema Dirty Campaigning etwas mehr in der Vordergrund gerückt. Sehen Sie hier Auswirkungen auf die PR-Branche? 

bernhard krumpel: Im Wahlkampf fiel in dem Zusammenhang immer wieder missbräuchlich der Begriff der Public Relations – eine Verwechslung mit dem Begriff des Politikberaters. Uns ist wichtig, etwas klarzustellen: In Österreich gibt es über 2.600 PR-Berater, die ihre Arbeit ordentlich machen. So wie überall, wird aber vielleicht vereinzelt eine rote Linie überschritten. Das ist dann natürlich völlig inakzeptabel. 

Kam in Österreich das Thema Dirty Campaigning erst mit der Silberstein-Causa so richtig auf, oder war das sowieso schon immer ein Thema? 

Dirty Campaiging ist schon länger ein Thema in Österreich. Schon in den 1950er-, 60er-Jahren hingen stark überzeichnete Wahlplakate, die sich an der Grenze zwischen Negative und Dirty Campaigning bewegten. Es ist nur eine Frage der Evolution, wie man damit umgeht. Dirty Campaigning gab es beispielsweise schon, als Kaffee im 16. Jahrhundert in Europa Fuß faßte. Die Bierbranche erklärte Kaffee kurzerhand zum „Teufelszeug“ , weil sie dadurch die größten Umsatzeinbußen erlitten hatte. 

Negative und Dirty Campaigning sind doch immer noch zwei Begriffe mit Verwechslungspotenzial … 

Ja, Negative Campaigning überzeichnet negative Darstellungen, die aber auf einem wahren Sachverhalt beruhen. Bei Dirty Campaigning geht es um negative Darstellungen ohne wahren Tatsachenkern. Es geht hier darum, jemandem zu schaden, ohne dass es dazu einen konkreten Anlass gegeben hätte. 

Gibt es hier Maßnahmen, die Sie gerne umsetzen würden? 

Mit dem StGB-Paragraphen 264 „Verbreitung falscher Nachrichten bei einer Wahl oder Volksabstimmung“ gibt es zwar einen Tatbestand im Strafgesetzbuch, dieser ist im Strafmaß mit bis zu sechs Monaten Haft (bei Urkundenfälschung bis zu drei Jahren, Anm.) angesetzt. Aber man muss diesen Tatbestand an die heutige Zeit anpassen. 

Wie genau? 

Der Paragraph stammt aus einer Zeit ohne Internet und Facebook. Personen, die sich Dirty Campaigning bedienen, können online inkognito bleiben. Silberstein etwa flog nur auf, weil ein Insider verriet, dass er diese Fake-Seiten betrieben hätte. Beleidigungen in Sozialen Medien verbreiten sich schnell und erreichen ein großes Publikum. Wo wir ansetzen könnten: Der erste schnelle Schritt wäre eine Impressumspflicht für Facebook-Seiten, so wie es sie schon für Websites gibt. Es kommt eine neue Regierung, die durch Dirty Campaigning direkt betroffen war. Deshalb nehme ich an, dass das Thema nicht so einfach von der Tagesordnung gestoßen wird. Hier wollen wir uns stark involvieren, wenn es zu einer neuen gesetzlichen Maßnahme kommt. 

Geht Ihre Forderung nach einer Verschärfung des Strafgesetzes nicht schon in eine ähnliche Richtung wie jene von Sebastian Kern und der ÖVP, die einen eigenen Straftatbestand für Dirty Campaigning fordern? 

Ja, das geht genau in die Richtung. 

Fordern Sie auch Verschärfungen beim Gewerbeschein PR?

PR ist in Österreich ein freies Gewerbe; jeder, der möchte, kann einen Gewerbeschein beantragen, ohne jegliche Nachweise. Dabei soll es auch bleiben. Wir wollen aber Ethikschulungen in Unternehmen forcieren und diese beispielsweise als Kammer günstig anbieten. Es wäre aber gegenüber den 2.600 Gewerbescheinbesitzern aufgrund des Anlassfalls Silberstein nicht fair, diese jetzt in den Würgegriff überbordender Administration zu nehmen. 68 Prozent der Gewerbescheinbesitzer sind EPU und gehen der PR-Tätigkeit zum Teil auch „nebenbei“ nach. Nahezu alle halten sich an die ethischen Normen, daher möchten wir den Gewerbeschein mit Vorsicht behandeln.

Wie sehen diese ethischen Normen aus? 

Die ethische Norm ist bei uns prinzipiell das Thema der Wahrhaftigkeit. Der schmale Grat zwischen Information sowie Imagepflege und Reputationserhalt ist für uns die größte Herausforderung. Was gesagt wird, muss wahr sein. Jeder, der PR lebt, muss sie als gelebte Ethik verstehen. Und wer das nicht versteht, hat in der PR-Branche wenig zu suchen. 

Gibt es einen speziellen Ethik-Kodex? 

Es gibt zum Beispiel vom österreichischen und deutschen PRVA Kodizes. PR ist eine ganz wichtige Säule der Gesellschaft. Und wenn einem PR-Fachmann Zweifel beim Auftraggeber aufkommen, hat er aus unserer Sicht eine Verantwortung, mögliches Fehlverhalten in dem betreffenden Unternehmen zu hinterfragen. Um ein dauerhaft günstiges Klima in der Öffentlichkeit zu schaffen, muss der PR Experte etwaigen Zweifeln nachgehen. 

Sehen Sie also durch die Affäre ­Silberstein die gesamte PR-Branche in ein schlechteres Licht gerückt?

Ja, die PR-Branche wurde in die Defensive gerückt. Ich habe zum Beispiel die Diskussionen in der Branche und auf Twitter mitverfolgt, wo schnell versucht wurde, eine gesamte Berufssparte für ein einzelnes Fehlverhalten in Geiselhaft zu nehmen. Public Relations unterstützen normalerweise nur die Unternehmensstrategie. Wir melden uns als Wirtschaftskammer aus guten Gründen selten zu Wort.

Gibt es Dirty Campaigning nur im politischen Bereich? Wie sieht es zum Beispiel bei Wirtschaftsunternehmen aus? 

Nein, das gibt es durchaus auch auf Unternehmensseite. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Personen und auch Institutionen etwa mit substanzlosen Klagen versuchen, Unternehmen medial unter Druck zu setzen. Zum Beispiel indem sie Produkten gesundheitsschädigende Wirkung unterstellen. 

Rechtliche Verschärfungen würden somit alle Aspekte der PR betreffen, nicht nur die politischen?

Ja, das würde alle Aspekte betreffen. Am meisten würde die Verschärfung aber im politischen Bereich zur Geltung kommen. Die Wahlkämpfe sind kurz und emotional, es wird viel an Gefühlen hineingesteckt. Wirtschaftsunternehmen fahren Kampagnen eher längerfristig. Wenn die künftige Regierung bestehende Regelungen im Strafrecht dem Internetzeitalter anpassen möchte, dann funktioniert das nicht am grünen Tisch. Dazu braucht man auch die fachliche Kompetenz. 

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen dem PR-Bereich des Fachverbands Werbung und Marktkommunikation und dem Public Relations Verband Austria (PRVA, Anm.) aus?

Wir haben ein gutes Verhältnis zum Public Relations Verband Austria. Der Verband ist ein wichtiger Unterstützer bei der Arbeit, die Reputation der PR zu stärken. Im Gegensatz zum PRVA, der seine bestimmten Mitglieder hat, sind wir allerdings eine Plattform, die für alle Gewerbetreibenden im PR-Bereich da zu sein hat und somit stark in Gesetzeswerdungen, welche die gesamte Branche betreffen, involviert sind. Dementsprechend gibt es auch Erwartungen unsererseits an die neue Regierung. 

1 Kommentare

  • Achim
    Ich denke in jeder Branche gibt es schwarze Schafe. Leider wirkt dies sich öfter auf andere, durch negative mediale Verallgemeinerungen, aus. LG Achim | [url]https://www.agenturkoralle.at[/url]

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