Horizont Newsletter

Rückblick & Vorschau: Österreich bleibt Fernsehland – vorläufig

Kommunikationswissenschafter Josef Trappel sieht die Zukunft des linearen Fernsehens in ­Österreich vorerst gesichert.
© Josef Trappel

Universitätsprofessor Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, lehrt und forscht im Bereich Medienpolitik und Medienökonomie, Digitalisierung und Innovation. Die Zukunft des linearen TVs sieht er bis zumindest 2030 gesichert.

Dieser Gastkommentar ist zuerst in Ausgabe Nr. 50/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Wenn ich im Hörsaal meine erstsemestrigen Studentinnen und Studenten nach ihrem TV-Konsum frage, ist schnell klar: YouTube, Netflix und Amazon Prime sind die Favoriten. ORF, Puls 4 oder gar ServusTV kommen vielleicht einmal pro Woche auf den Bildschirm. Und dann nur, wenn etwas Außergewöhnliches passiert: ein spektakuläres Fußballspiel, ein Skirennen oder ein Ibiza-Video – dann ist das klassische Fernsehen gefragt.

Auch wenn diese mit dem Internet aufgewachsene Generation in Zukunft den Takt schlagen wird, sie ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in der Minderheit und wird das auch noch lange bleiben. Für eine Prognose der Fernsehgewohnheiten fällt ihr Verhalten daher wenig ins Gewicht. Und ältere Menschen benehmen sich vor dem Bildschirm ganz anders: Sie freuen sich, wenn jemand für sie Programm macht und sie bloß das Fernsehgerät auf dem Wunschkanal einschalten müssen. Keine Suche, keine Auswahl und nur wenig Zappen. Bisher verlief das Muster sehr vorhersehbar: Je älter die Menschen wurden, desto mehr Zeit haben sie vor dem TV verbracht, mit klassischem Fernsehen. Auch die jüngeren Altersgruppen, die in der Vergangenheit weniger Zeit mit Fernsehen verbracht haben, sind mit dem Alter vor den Bildschirm zurückgekehrt.

Zukunft des linearen TV bis 2030 gesichert

Wahrscheinlich sind meine Erstsemestrigen und ihre Alterskohorte zum ersten Mal anders. Auch mit fortschreitender Adoleszenz gibt es wenig plausible Gründe, warum sie zum klassischen Fernsehen zurückkehren sollten, das sie gar nicht mehr richtig kennen. Sie bleiben wohl den Streaming-Diensten treu, die das Angebot noch einmal deutlich erweitern werden. Und doch ist die Zukunft des linearen TV jedenfalls bis 2030 gesichert, so weit reicht der Prognosezeitraum. Bis dahin nimmt die Anzahl der Menschen, die über 60 Jahre alt sind, um mehr als eine halbe Million zu, während die Anzahl der jungen Menschen leicht zurückgeht. Unter dem Strich bleibt dem Fernsehen das Publikum also erhalten, aber es wird mit jedem Jahr älter.

Damit wird sich Österreich bis 2030 auch dem internationalen Trend annähern. In skandinavischen und angelsächsischen Ländern geht der Marktanteil des klassischen Fernsehens schon heute stark zurück. In diesen Ländern sind die Streaming-Dienste deutlich beliebter als bei uns. ORF, Puls 4 und ServusTV können dort also studieren, wie sich der digitale Wandel am besten bewältigen lässt.