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JvM/Donau: Igel Henry 'ist eigenständige Arbeit'

Arbeit vs. Schule, Marshmallows vs. Plastikteile, Luftballon vs. Fußball, Kaktus vs. Igel, Banco BHD vs. Erste Bank: Der linke Spot hat einige Parallelen zu rechtem aus 2008.
© Erste Group, Banco BHD (YouTube-Screenshots)

Der 'First Christmas'-Spot der Erste Group zählt zu den Award-Abräumern 2019 – und weist Ähnlichkeiten zu einer Bank-Werbung von JWT Dominicana auf. Ein Plagiat bestreitet JvM/Donau gegenüber HORIZONT.

Ein animierter Werbespot-Protagonist, von seinen Arbeitskollegen geschätzt, doch ob der stacheligen Körpereigenschaften vorsichtshalber gemieden. Enttäuscht und ausgegrenzt geht er durch seinen Alltag, lässt unabsichtlich den Luftballon des Mädchens zerplatzen, das ihm dann zum Trost ihre Marshmallows auf das Nadelkleid spießt. Genau damit macht er sich buchstäblich allen Kollegen nahbar – und erhält endlich die Zuneigung, die er verdient.

Die liebevoll erzählte Geschichte kommt bekannt vor, schließlich erinnert sie an den viralen „First Christmas“-Spot der Erste Group, der vor einem Jahr in mehreren europäischen Ländern via Social Media ausgesteuert wurde. Erst diese Woche holte sich „Igel Henry“ mit seiner Agentur Jung von Matt/Donau Silber bei den eurobest-Awards in London. Auch sonst kristallisierte er sich als der Preis-Abräumer des Jahres auf nationalem und internationalem Parkett heraus, holte unter anderem den einzigen Cannes Löwen für Österreich, in der Kategorie Film Craft. 

Je individueller die Vorlage ist, desto eher wird sie durchscheinen. (Balazs Esztegar, Rechtsanwalt für Geistiges Eigentum)


Doch beim eingangs beschriebenen Spot handelt es sich nicht um „First Christmas“, sondern um einen Werbefilm der südamerikanischen BHD Bank, umgesetzt von JWT Dominicana zehn Jahre vor First Christmas (nach wie vor zu sehen auf YouTube). Statt eines Igels ist es ein Kaktus mit traurigen Augen, statt Schul- sind es Arbeitskollegen, statt Verpackungs-Füllmaterial sind es Marshmallows, hier zerplatzt ein Luftballon, dort ein Fußball, die Moral von der Geschichte ist dieselbe, beide Filme bewerben eine Bank. Henry und Cactus sind sich im Inhalt äußerst ähnlich, die Originalität der Umsetzung bei Ersterem ist aber wohl unbestritten. Plagiatsbedenken machen dennoch auch aktuell im Flüsterton die Branchenrunde.

Auf direkte HORIZONT-Nachfrage bezüglich der Ähnlichkeiten wiesen nun die Erste Bank sowie JvM/Donau unisono jegliche Kopie-Vorwürfe zurück. „Die Igel-Geschichte war vor einem Jahr mit über 150 Millionen Views ein riesiger viraler Erfolg, weil er offenbar in vielen Menschen etwas berührt hat“, so die Antwort von Agentur-Geschäftsführer Andreas Putz: „Ich glaube, weil einfach viele Menschen im Lauf ihres Lebens die Erfahrung von Ausgrenzung und Marginalisierung gemacht haben.“ Henry the Hedgehog sei „eine starke, eigenständige Arbeit. Und das sehen offenbar viele, viele Fachleute weltweit ähnlich, denn sie haben unseren Film vielfach gewürdigt“. Der Film gehöre zu den besten Arbeiten  der Agentur und er sei sehr stolz auf ihn.  

John Lewis und die Buchautoren
First Christmas ist nicht der einzige Weihnachtsspot, der starke Parallelen mit Bestehendem aufweist. Die berühmten John-Lewis-Weihnachtswerbungen in UK sehen sich regelmäßig mit Urheberrechts-Vorwürfen von Kinderbuchautoren konfrontiert, auch heuer. In „Excitable Edgar“ geht es um einen kleinen Drachen, der jedes Weihnachts-Dorffest unabsichtlich durch seine feuerspeienden Nüstern buchstäblich zunichte macht, bis seine beste Freundin erkennt, dass man das Problem zur Tugend machen kann. Schließlich erwärmt er den traditionellen Christmas Pudding. 

Das sehen offenbar viele Fachleute weltweit ähnlich, sie haben den Film gewürdigt. (Andreas Putz, Geschäftsführer Jung von Matt/Donau)

Laut Urheberrechtsgesetz geschützt ist das „Werk“, somit „eigentümlich geistige Schöpfungen auf den Gebieten der Literatur, der Tonkunst, der bildenden Künste und der Filmkunst“.  Dass in solchen Fällen rechtliche Abgrenzungen oft nicht einfach sind, bestätigt auch der Wiener Rechtsanwalt Balazs Esztegar, spezialisiert unter anderem auf Geistiges Eigentum, auf HORIZONT-Nachfrage. Laut ihm ist der Schutzgegenstand das stets nach außen in Erscheinung tretende Ergebnis des kreativen Schaffensprozesses, nicht jedoch die Idee oder das Konzept dahinter. Es sei zumindest ein Mindestmaß an „Eigentümlichkeit“ erforderlich: „Je individueller die Vorlage ist, umso eher wird die Vorlage bei einem neu geschaffenen, ähnlich gearteten Werk ,durchscheinen‘. Umgekehrt wäre die Imitation einer nicht besondes individuellen Vorlage möglicherweise nur im Falle einer genauen Kopie des Originals eine Urheberrechtsverletzung.“ 

Einzelfallentscheidungen
Der Werkcharakter entstehe, so Esztegar, in erster Linie durch die individuelle eigentümliche Leistung, die sich etwa durch die Handlung, Darstellung, Kameraführung, die audio-visuelle Gestaltung oder die vermittelte Botschaft ausdrückt. Im Fall „Henry“ etwa müsse die Beurteilung, ob das zweite Video eine Bearbeitung des ersten Videos darstelle und ob eine Urheberrechtsverletzung vorliege, anhand dieser Gesichtspunkte vorgenommen werden. 

Wenig verwunderlich betont auch er, dass es sich in solchen Fällen um eine Einzelfallentscheidung handle, die nötigenfalls ein Gericht zu klären hätte. „Möglich, wenngleich unwahrscheinlich, wäre schließlich auch eine Doppelschöpfung. Das heißt, dass zwei Urheber unabhängig voneinander dieselbe eigentümliche geistige Schöpfung bringen“, wie Esztegar ergänzt. Auch die bunte Welt der Werbung bewegt sich manchmal in einer Grauzone.

Der Artikel erscheint auch in der Ausgabe 50/2019 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

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