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'Braucht kontinuierliche Aufklärungsarbeit'

Auf über 500 Straßenbahnen in ganz Wien sind die Fähnchen der Aids Hilfe mit dem Red Ribbon zu sehen.
© Wiener Linien/Helmer

Zum Welt-Aids-Tag am ersten Dezember trotzen Hilfsorganisationen den Kommunikationshürden beim Thema HIV.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe 48/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Rund 38 Millionen Menschen leben weltweit mit HIV oder Aids. In Österreich werden jährlich 400 bis 500 HIV-Neudiagnosen gestellt. Und doch gehört die Stigmatisierung von Betroffenen längst nicht der Vergangenheit an. Am Sonntag – dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufenen WeltAids-Tag – erinnern verschiedenste Organisationen rund um den Globus an das Thema Aids und rufen dazu auf, aktiv zu werden und Solidarität mit HIV-Infizierten, Aids-Kranken sowie ihnen nahestehenden Menschen zu zeigen.

Für Wolfgang Wilhelm, Obmann der Aids Hilfe Wien, ist das auch dringend nötig: „Um das Wissen nachhaltig zu steigern, braucht es kontinuierliche Kampagnen und Aufklärungsarbeit. Und da sind wir in Österreich sicher nicht Spitzenreiter in Europa.“ Als Aids Hilfe Wien lanciere man hier immer wieder kleinere Kampagnen. Gerade rund um den Welt-Aids-Tag gibt es zahlreiche Veranstaltungen, etwa Fachvorträge und einen Tag der offenen Tür im Aids Hilfe Haus Wien. Zudem unterstützt man die „Europäische HIV- und Hepatitis-Testwoche“ mit dem Ziel, HIV und Hepatitis ins Bewusstsein der Menschen und aus dem Tabu-Bereich herauszuholen.

Auch am Wiener Rathaus wird der Red Ribbon, das Zeichen der Solidarität mit HIV-positiven Menschen, gehisst. Wilhelm begrüßt jede Initiative aus dem öffentlichen Bereich, sieht aber dennoch Aufholbedarf. Schon lange habe es etwa keine österreichweiten Kampagnen vom Gesundheitsministerium zum Thema mehr gegeben. „Ich denke, dass die öffentliche Hand auf Bundesebene hier besser informieren sollte.“ Auch eine „flächendeckende, emanzipatorische Sexualpädagogik“, die es laut dem Aids-Hilfe-Wien-Obmann in der nötigen Form nicht gibt, wäre wichtig.

Schmaler Kommunikationsgrad

Die Kampagnen-Arbeit zum Thema HIV und Aids sieht Wilhelm unverändert immer wieder als Herausforderung. Einerseits habe HIV heute „als chronisch gut behandelbare Erkrankung“ viel von dem Schrecken verloren, die sie noch in den 80er-Jahren gehabt habe. Gleichzeitig sei es „aber natürlich noch immer wesentlich besser, nicht infiziert zu sein, als sich zu infizieren“. Hier gelte es, eine „gute Balance zu schaffen, zwischen den guten Nachrichten der besseren Behandlungsmöglichkeiten und den Negativfolgen für den Körper, wenn man HIV-positiv ist“. Außerdem befinde man sich mit dem Thema HIV „im sexuellen und damit im tabuisierten Bereich“. Das erschwere es deutlich, die Menschen mit Informationen zu erreichen.

Auch die Sponsoren-Suche gestalte sich damit schwieriger. „Für viele Unternehmen ist es attraktiver, ein Sportevent oder eine Fußballmannschaft zu unterstützen als die Aufklärung über HIV“, meint Wilhelm. Punktuelle Unterstützung von verschiedenen Unternehmen gebe es dennoch immer wieder. Die Wiener Linien beispielsweise bieten zum Welt-Aids-Tag eine öffentlichkeitswirksame Bühne. Noch bis zum 8. Dezember fahren alle Straßenbahnen in Wien mit Fähnchen, auf denen das Logo der Aids Hilfe Wien mit dem Red Ribbon zu sehen ist.

Unter dem Motto „Hosen runter“ präsentieren Almdudler und die Aids Hilfe Wien zudem eine gemeinsame Social-Media-Kampagne, inklusive Video. Diese stellt gesunde Sexualität, HIV und Aids sowie Prävention in den Mittelpunkt. Die Influencer Jules Vogel, Leonie Rachel und Maximilian Mayerhofer beantworten im Video Fragen zur sexuellen Aufklärung und HIV-Prävention, "die vor allem Jugendlichen oft am Herzen liegen".

Almdudler war auch ein treuer Sponsor des Life Ball. Einen Reingewinn von fast einer Million lukrierte die vorläufig letzte Ballnacht im Juni. Ist damit eine der größten Spendequellen, die auch für die Wirtschaft ein attraktives Parkett bot, versiegt? Der mobile  Pflegeverein Diversity Care Wien etwa sprach von einer „angespannten finanziellen Situation“ durch den Wegfall von Zuwendungen aus dem Life Ball. Der Life-Ball-Trägerverein Life+  engagiert sich jedenfalls weiter, gerade auch zum Welt-Aids-Tag.  Gemeinsam mit  unterschiedlichen Wiener Gastronomiepartnern und Locations organisiert man in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember insgesamt 15 Veranstaltungen –  allesamt unter dem Motto „Together“ – zugunsten der Aids-Hilfsorganisationen.

Obmann Wilhelm will HIV indes nicht mehr isoliert betrachtet wissen. Die sexuelle Gesundheit müsse viel mehr als wichtiger Bestandteil der gesamten Gesundheit gesehen werden. „Dann haben wir es vermutlich auch weniger mit Verdrängung und Tabuisierung zu tun.