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‚Keine Maßnahme gegen uns, sondern gegen das Publikum'

Thomas Prantner, Stv. Direktor für Technik, Online und neue Medien und Hauptabteilungsleiter Online und neue Medien im ORF.
© ORF/Hans Leitner

10 Jahre TVthek: ORF-Manager und Mitbegründer Thomas Prantner spricht über Meilensteine der Plattform, einstige Kritik zur technischen Performance, Hybridquote und Reichweitenvergleich mit TV, nächste Schritte beim ORF Player und welche Lockerungen und auch Zugeständnisse er von Medienpolitik und Mitbewerb erwartet.

Dieses Interview erschien zuerst in der Ausgabe 46/2019 des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

Ein Angebot mit 20 regelmäßigen Livestreams und 70 regelmäßig on demand abrufbaren Sendungen war die TVthek des ORF zu ihrem Start am 16. November 2009. Heute erreicht die Videoplattform mit weitaus mehr Inhalten über drei Millionen Österreicher im Quartal, aus anfänglich 1,2 Millionen durchschnittlichen Visits im Monat wurden über acht Millionen. In Rekordmonaten wie zum Ibiza-Gate verbuchte das Angebot im Monat gar 11,6 Millionen Visits. Thomas Prantner, stellvertretender Direktor für Technik, Online und neue Medien, im Interview über Anfänge und Zukunft.

HORIZONT: Die ORF-TVthek ist zehn Jahre jung. Was waren rückwirkend betrachtet für Sie als Mitbegründer der ORF-TVthek relevante Meilensteine?

Thomas Prantner: Ganz entscheidend war, dass im Jahr 2007 in der ersten Geschäftsführungs-Periode von Generaldirektor Alexander Wrabetz ein Paradigmenwechsel im Haus stattgefunden hat, was die Zusammenarbeit der drei Medien anbelangt. Bis dahin waren im ORF Fernsehen, Radio und Online in der Denke, aber auch physisch getrennte Bereiche. Das wurde sukzessive aufgebrochen. Die Strategie resultierte im Jahr 2009 in der Gründung der ORF-TVthek, die sich von einem kleinen Videoservice zu einem wichtigen und ergänzenden Multimedia-Angebot und zu Österreichs größter Videoplattform entwickelt hat. Wir haben eine Marke mit einer heute gestützten Markenbekanntheit von 77 Prozent aufgebaut.

2007, zwei Jahre vor der TVthek, kam das erste iPhone auf den Markt. Waren diese folgenden rasanten Entwicklungen hin zu mobilen Devices schon damals in der strategischen Ausrichtung verankert?

Die ORF-TVthek hat klarerweise mit der Nutzung via Desktop begonnen. Mobile Nutzung und Apps kamen erst Schritt für Schritt, wurden aber immer schon mit angedacht. Durch die massive Steigerung dieser Verbreitungsmöglichkeiten und den Push durch Mobile war es immer notwendig, auch die technische Infrastruktur entsprechend anzupassen.

Da stand die TVthek auch durchaus in der Kritik, was technische Performance anbelangt.

Wir haben das laufend optimiert. Ja, es gab technische Performanceprobleme, die zu Recht für Unmut bei Usern gesorgt haben. Diese haben wir in den letzten ein bis zwei Jahren aber weitgehend gelöst.

Hat man mit diesen Kapazitäten nicht gerechnet?

Die Streaming-Infrastruktur war nicht auf Hunderttausende gleichzeitig zugreifende User ausgerichtet. Aber es spricht auch für ein Produkt, wenn die Nutzungszahlen so steigen, dass man technisch laufend aufrüsten muss. Das ist nun erledigt. Wir haben hohe Investitionen getätigt und mit  APA, ORS Exozet, Nous und Bearing Point verlässliche Partner, die hohe Qualität gewährleisten. Weit mehr noch: Wir streamen beispielsweise in den ÖBB bei 230 km/h ruckellos Liveprogramme, von Skirennen bis Infosendungen. Da hat sich immens viel getan. Diese technische Performance ist Erfolgsfaktor und Voraussetzung zugleich.

Die TVthek bietet Livestreams und Video on demand. Wie sieht der Split aus, wie und was sehen User?

Live werden vor allem Sportereignisse konsumiert, aber auch politisch brisante Ereignissen wie am berühmten Ibiza-Wochenende. On-demandNutzung passiert verstärkt über PC und Laptop mit Inhalten aus Entertainment und Politik. Starker Fernsehcontent wird auch auf der ORF-TVthek stark abgerufen, das spiegelt sich entsprechend wieder – die ORF-TVthek ist Ergänzung, aber kein Ersatz: Sie hat eine Tagesreichweite von 170.000 Usern, das ORF-Fernsehen erreicht 3,6 Millionen Menschen. Das sind in etwa fünf Prozent. Bei den Jüngeren sind es allerdings schon 13 Prozent TRW, die die ORF-TVthek beisteuert.

Die Jungen wachsen anders und teils nur noch wenig mit klassischem TV auf. Beunruhigt Sie das?

Das klassische Fernsehen ist deswegen nicht tot – im Gegenteil. Und die Content-Basis für eine Mediathek sind ja klassische TVInhalte. Je stärker diese sind, umso mehr wird sich das auch positiv auf die digitale Nutzung auswirken. Die Mediennutzung ändert sich immer mehr in Richtung zeit- und ortsunabhängig.

Sie haben TRW im TV und jene über Online angesprochen. Wie weit sind Sie in der AGTT, diese in einer Hybridquote auch kumuliert auszuweisen?

Das ist auf einem guten Weg. Es werden alle Plattformen technisch so ausgerüstet, dass Durchschnittsreichweiten ausgewiesen werden können, die mit linearer Fernsehreichweite vergleichbar sind. Das wird demnächst zur linearen Fernsehquote dazukommen. Da liegen die ORF-TVthek-Reichweiten noch in einem einstelligen Prozentbereich, der zur TV-Quote addiert wird, aber mit steigender Tendenz und zunehmender Relevanz.

Das ist bei teils sinkenden Quoten im TV aber schon ein wesentliches Argument, diese Nutzung nicht auszuklammern.

Unsere TV-Quoten sind immer noch europäische Spitze. Mittelfristig werden Reichweitenrückgänge im TV zumindest teilweise durch Nutzung auf Mediatheken und mobilen Plattformen kompensiert werden können. Diese Nutzungsart ist der vierte Verbreitungsweg von klassischem Fernsehen neben Kabel, Satellit und Terrestrik.

Digitale Streamingplattformen nehmen klassischen Anbietern unbestritten Anteile und Aufmerksamkeit weg. Wie verorten Sie die ORF-TVthek in diesem Wettkampf?

Es wäre vermessen zu sagen, dass eine nationale TVthek wie die des ORF eine Konkurrenz zu Netflix darstellen könnte. Sie ist etwas völlig anderes. Was wir sicherstellen müssen ist, dass unser USP sowohl im linearen Bereichals auch online punktet. Vor allem bei Information, Österreich-Programmen der ORF-Landesstudios, Kultur und Sport sind wir unverwechselbar. Ich glaube in der Nutzung nicht an ein „Entweder-oder“, sondern an ein „Sowohl-als-auch“ – mich selbst eingeschlossen. Wo die internationalen Companys natürlich eine massive Konkurrenz darstellen, ist im Bereich der Rechte – sowohl bei Film als auch im Sport. Content, und so abgedroschen das klingt, ist immer noch King.

Die Inhalte des ORF sollen künftig unter einem Dach angeboten werden, Stichwort ORF-Player. Bleibt die Marke TVthek bestehen und wann kommt der Player?

Die ORF-TVthek wird eines der wichtigsten Module dieses Players sein und ich gehe davon aus, dass die Marke mit ihrer immens hohen Bekanntheit Bestand haben wird – neben der ORF-Radiothek, Flimmit, Fidelio und Zusatzangeboten aus Wissenschaft, Religion und Kultur, aber auch mit neuen Services für Sportfans und Kinder. Der ORF-Player ist das zentrale Projekt unserer Digitalisierungsoffensive, wird in der Generaldirektion von Projektleiter Franz Manola entwickelt  und in Kürze in unserer Tochtergesellschaft ORF ON angesiedelt und operativ umgesetzt. Als ORF-Onlinechef und Aufsichtsratsvorsitzender der ORF ON werde ich alles dafür tun, dass der ORF-Player erfolgreich gelauncht wird. Derzeit laufen bereits intensive Vorbereitungsarbeiten, wie Programmierungen und andere technische Maßnahmen.

Das dauert also noch?

Geplant ist, dass 2020 ein paar wesentliche und große Schritte gemacht werden. Neben dem ORF-Player werden wir in der TVthek statt bisher 70 Prozent der Inhalte alle vier Fernsehkanäle 24 Stunden livestreamen. Auch in Sachen Barrierefreiheit werden wir im nächsten Jahr weiter ausbauen. Und wir werden auch unser Pilotprojekt UHD zur Fußball-EM forcieren und hier auch im Fiction- und Dokumentarbereich Entsprechendes anbieten. Weiters steht ein Ausbau der ORF-TVthek-Videoarchive auf der Agenda, im Bereich Wissenschaft, History und Politik.

Hemmschuh aus der Sicht des ORF bleiben dabei gesetzliche Beschränkungen wie die SiebenTage-Regel.

Das ist eine Steinzeit-Regelung, die das Publikum nicht versteht. Sie gehört abgeschafft und zeitgemäß neu aufgesetzt. Selbst eine Ausweitung von sieben auf 30 Tage wäre unzureichend.

30 Tage würden das sprichwörtliche Kraut auch nicht fett machen?

Richtig. In Wahrheit muss es länger sein, ja ein Jahr wäre perfekt. Diese Sieben-Tage-Beschränkung ist ja keine Maßnahme gegen den ORF, sondern gegen das gebührenzahlende Publikum. Wir haben Signale aus allen politischen Parteien, dass diese Bestimmung fallen soll – wie es überhaupt notwendig wäre, einige Einschränkungen für den digitalen Raum zu lockern. Für die Realisierung des ORF-Players wird es notwendig sein, dass einige rechtliche Schranken fallen – wie das Verbot von Only-first-oder Only-online-Angeboten. Das erwartet sich das junge Publikum schlicht von einer modernen Mediathek.

Der Widerstand des Markts und vor allem privater TV-Sender ist vor allem bei diesen Punkten durchaus größer.

Die Frage ist, was man will. Wenn man will, dass ORF und Private zusammenarbeiten, wird man auch Interesse daran haben müssen, dass das ein starker ORF ist, mit dem man zusammenarbeitet. Wir sind bereit dazu, wie wir mit dem Launch der APA-Videoplattform vor zwei Jahren eindrucksvoll bewiesen haben und seither den gesamten aktuellen ORF-Informationscontent auch privaten Medienhäusern zur Verfügung stellen. Wie soll denn eine Vermarktungsallianz entstehen, wenn der Marktführer geschwächt und gefesselt in seiner digitalen Weiterentwicklung behindert wird? Wir sind bereit, im Sinne der Ergebnisse der von Minister Gernot Blümel 2018 initiierten Medienenquete, den Schulterschluss mit den Privaten durchzuführen, damit wir internationalen Playern entgegenwirken und den Medienstandort Österreich stärken können. Die Zeit der Konflikte und Streitereien muss endlich vorbei sein.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese Lockerungen in vollem Ausmaß passieren?

Ich bin grundsätzlich optimistisch, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden. Wie das im Detail aussieht, wird man sehen. In Österreich leben wir bekanntermaßen schlussendlich immer mit irgendwelchen Kompromissen. Klar ist, dass die Politik auch andere Interessen zu berücksichtigen hat und einen Gesamtinteressensausgleich anstreben wird. Aber den meisten Playern am Markt ist bewusst, dass auch private Medien samt Zeitungen einen Nutzen haben, wenn der ORF digital gestärkt wird und dieser ORF auch im Web Kooperationen eingeht.

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