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Doxing: Am Online-Pranger

© Leremy / Adobe Stock

Moralisches Korrektiv und Selbstjustiz: Beim "Doxing" werden Personen digital entblößt, Journalisten nicht selten zum Abschuss freigegeben. Ein Phänomen mit bedrohlichen Ausmaßen im Überblick.

Dieser Artikel erschien zuerst in UPDATE #3/2019, dem Digitalmagazin des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

Datenschutz – der Dauerbrenner in der medienpolitischen Diskussion. Nicht zu Unrecht, haben Facebook und Co doch oft genug bewiesen, wie läppisch mit Nutzerdaten umgegangen wird, wie sie zur weltweiten Währung gemacht und nicht ausreichend geschützt werden. Aber neben Datenleaks und -Hacks macht ein neuer Begriff die Runde: Doxing. In die breite öffentliche Diskussion hat es diese Art des Datenmissbrauchs erst zu Beginn des Jahres geschafft, als private Informationen vieler Politiker und bekannter Persönlichkeiten aus Deutschland auf einem Twitteraccount mit dem Namen „@_0rbit“ im vergangenen Dezember nach und nach veröffentlicht wurden.

Doxing (auch Doxxing geschrieben) leitet sich aus der englischen Abkürzung für Dokumente, „docs“, ab und bezeichnet das Sammeln und Veröffentlichen personenbezogener Daten – von Fotos bis hin zu Adressen, Telefonnummern oder sogar Informationen über Familie und Freunde. Im Gegensatz zum Hack oder Leak sind diese Daten zum Teil ohnehin öffentlich zugänglich, Stichwort Datenschutz. Die Motive sind vielfältig, oftmals steht jedoch Bloßstellung und Einschüchterung im Vordergrund. Es dient der Bestrafung für eine Meinung oder für politische Ansichten.

"Doxing zielt darauf ab, dass sich Menschen unwohl und unsicher fühlen"

„Doxing ist ein ernsthaftes Problem“, sagt die Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig, die sich in ihrer Arbeit viel mit dem Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft beschäftigt. „Das Veröffentlichen persönlicher Daten muss als Drohgebärde verstanden werden: Wenn beispielsweise die Wohnadresse herumgereicht oder öffentlich gemacht wird, kann dies bei Betroffenen selbstverständlich extreme Sorgen auslösen. Man weiß schließlich nicht: Wer liest meine Adresse, sind da auch gewaltbereite Personen darunter? Doxing zielt darauf ab, dass sich Menschen unwohl und unsicher fühlen.“

Man müsse damit rechnen, dass gerade in extremistischen politischen Kreisen ein Gewaltpotenzial herrsche, fügt sie hinzu. Das bestätigt auch Fritz Hausjell, Vorstandsmitglied von „Reporter ohne Grenzen“ in Österreich und stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Publizistik an der Universität Wien: „In Zeiten wie diesen, wo körperliche Gewalt in politischen Auseinandersetzungen in Europa zugenommen haben, sind öffentlich angeprangerte Personen stärker einer realen Gefahr durch gewaltbereite Kräfte ausgesetzt.“

Kaum verwunderlich also, dass auch Medienschaffende immer häufiger zum Ziel dieser Praktik werden. „Wer Doxing gegen Journalisten betreibt, wer persönliche Daten über sie veröffentlicht, riskiert bewusst, dass jemand in der Folge zuschlägt, abdrückt oder Brandsätze auf die in Social-Media-Kanälen, Flugblättern oder klassischen Medien Angeprangerten wirft“, erläutert Hausjell. Erst im Frühjahr sind zwei Journalistinnen aus Österreich zum Ziel von Doxing geworden – allerdings nicht durch selbsterklärte Feinde, sondern durch ein anderes Medium. Nach einer Berichterstattung über das umstrittene kroatische Gedenktreffen in Bleiburg wurden die ORF-Journalistin Tanja Malle und die Standard-Redakteurin Olivera Stajić sowie drei deutsche Kollegen auf der Titelseite des rechtsnationalen kroatischen Magazins Hrvatski Tjednik abgebildet, ihre Fotos mit Namen und Arbeitgeber veröffentlicht.

So kann Doxing auch zur politischen Waffe werden: „Persönliche Einschüchterung kann den Rückzug aus heiklen Berichterstattungsmaterien zur Folge haben. Es kann auch zur Aufforderung der Redaktion beziehungsweise des Auftrag gebenden Mediums führen, die Berichterstattung zum Anlassthema einzustellen, weil der Arbeitgeber sich außerstande sieht, seine Mitarbeiter zu schützen. Damit stirbt die journalistische Freiheit und mit ihr die Pressefreiheit Story um Story, die nicht erscheinen kann, nicht gesendet werden darf oder online gestellt wird“, führt Hausjell aus.

Kunst und Kopfgeld

Doxing lässt sich weder als Instrument einer bestimmten politischen Gesinnung oder Szene festmachen, noch beschränkt es sich auf Personen des öffentlichen Lebens. "Denunzieren Sie noch heute Ihren Arbeitskollegen, Nachbarn oder Bekannten und kassieren Sie sofort Bargeld", heißt es in einem Onlinevideo der „Soko Chemnitz“, die vom „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) ins Leben gerufen wurde. Das ZPS ist bekannt für provokante politische Kunstaktionen. Nach gewalttätigen Ausschreitungen bei einer rechtsextremen Demonstration in der deutschen Stadt im August 2018 rief die „Soko Chemnitz“ das Internet dazu auf, Teilnehmer des Aufmarsches anhand von bereitgestelltem Bildmaterial aus den Medien zu identifizieren, um „gemeinsam Problemdeutsche großflächig aus Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zu verbannen“, so die Website.

"Persönliche Einschüchterung kann den Rückzug aus heiklen Berichterstattungen zur Folge haben"

Beim österreichischen Nachbarn sei auch bekannt, dass „Rechtsextreme Feindeslisten angelegt haben“, so Brodnig. „Darauf stehen Journalisten, die kritisch berichten, Aktivisten oder auch Politiker. Es handelt sich um Listen von Namen, Telefonnummern, Wohnadressen und/oder Fotos. Der ermordete CDU-Politiker Walter Lübcke stand auch auf einer solchen Liste. Auch wenn es in den allermeisten Fällen zu keiner Gewalttat kommt, kann sich das für Betroffene höchst bedrohlich anfühlen, wenn sie wissen, dass in extremistischen Gruppen ihre Anschrift oder ihr Foto herumgereicht wird.“

 

Doxing ist datenschutzrechtlich heikel, da häufig kein Hacking erforderlich ist. Viele der Informationen werden illegal abgefangen oder einfach von den Internetnutzern bereitwillig selbst ins Netz gestellt, beispielsweise in den Sozialen Medien. Beim Doxing geht es dann zumeist nur noch um das strategische Zusammentragen dieser Daten, die dann allerdings diffamierend oder eventuell erpresserisch eingesetzt werden können. Auch muss in Betracht gezogen werden, welche Angaben auf welchen Portalen gemacht wurden, noch bevor die Frage nach dem Datenschutz in den breiten Diskurs fand. „Ein extremes Beispiel“ habe die Wissenschaftlerin Sarah Sobieraj dokumentiert, erzählt Brodnig: „Sie hat eine Frau im Rahmen ihrer Forschung interviewt, die immens Opfer von Gehässigkeiten im Netz wurde. Und sie fand heraus, dass ihre Wohnadresse, Grundrisse ihres Hauses, Fotos ihres Autos und ihrer Haustiere im Netz verbreitet wurden. Solche Eingriffe verstärken immens die Angst vor einem körperlichen Angriff.“ Vor Doxing scheint also niemand gefeit.

Solidarität und Widerstand

„Anonyme, aber auch bekannte Anrufer, die den bedeutungsschwangeren Satz ‚Wir wissen, wo Sie wohnen!‘ raunen - diese Situationen kennen etliche Journalisten, die Unangenehmes durch Recherche ans Licht der Öffentlichkeit gebracht haben. Drohungen alten und neuen Stils gegen Journalisten sind zunächst einmal ein Indiz, dass jemand journalistisch richtig unterwegs ist“, sagt Hausjell. Nur wie die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen, sind ein „Wir wissen, wo Sie wohnen“ oder andere Drohungen dieser Art nicht zu unterschätzen – Doxing macht´s möglich. „Wir leben in einer Zeit, in der Journalisten durchaus extreme Hasswellen und Bedrohungen auch über digitale Medien erleben können“, meint auch Brodnig. Aber die Medienbranche selbst könne schon Maßnahmen ergreifen, um seine Journalisten vor etwaigen Einschüchterungsversuchen zu schützen. In Journalistenausweisen könne beispielsweise auf die private Wohnadresse der Inhaber verzichtet werden.

Doxingfälle sind zumindest in Europa bislang eher in geringem Ausmaß bekannt – was allerdings nichts über die Anzahl der Fälle aussagt. Sollen die Daten der Betroffenen nicht durch einen Leak oder Hack ans Tageslicht gebracht worden sein, könnte man schnell dazu neigen, sie ganz im Sinne des Victim Blamings selbst dafür verantwortlich zu machen; gehen sie mit ihren Informationen im Internet scheinbar allzu freizügig um. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, heißt es. Nur stellt sich die Frage, ob Doxing eine Strafe sein darf, wo ein zuverlässiger Datenschutz auch für diejenigen greifen sollte, die sich im Umgang mit dem Internet nicht ganz so sicher fühlen. Ein Rückzug aus dem Internet aus Angst vor Datenmissbrauch ist schließlich auch ein Rückzug aus der demokratischen Teilhabe.

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