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Berufung Journalismus: Selbstbild im Wandel

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Das aktuelle "Journalistenbarometer" wirft ein wenig erfreuliches Schlaglicht auf die Selbstwahrnehmung der Branche: schlechter werdende Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, Imagesorgen und die Angst vor Glaubwürdigkeitsverlust. Eine Analyse der großen Brennpunkte.

Der Artikel ist bereits als Coverstory in der Ausgabe 44/2019 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken.

Sie sind Journalist oder Journalistin? Und würden Ihren Beruf – vor die Wahl gestellt – noch ein zweites Mal ergreifen? Dann sind Sie nicht alleine. 87 Prozent der österreichischen Journalisten würden es Ihnen nämlich gleichtun, wie das aktuelle „Journalistenbarometer“ von marketagent und der PR-Agentur Ecker & Partner eben festgestellt hat. Die überraschend hohe Zufriedenheit innerhalb der Berufsgruppe lässt auf die Bedeutung „innerer“ Werte schließen, denn äußere Faktoren wie Arbeitsmarktchancen und Gehälter entwickeln sich bekanntlich eher negativ.


Die Ergebnisse des „Journalistenbarometers“ im Detail: Besonders gut bewertet werdeb die Art der ­Tätigkeit (von 87 Prozent), die inhaltliche Vielfalt des Jobs (83 Prozent) und das Arbeitsklima in den Redaktionen (71 Prozent). Befragt wurden 511 ­Journalisten im D-A-CH-Raum, davon 152 in Österreich. Ergänzend wurden 500 Österreicher zum Informationsverhalten bei Poltikthemen und der Bewertung von Glaubwürdigkeit befragt. Als größte Herausforderungen sehen hiesige Journalisten Zeitdruck, die Informationsflut sowie die aufwendige Aufbereitung von Content für unterschiedliche Kanäle. Zudem erachten fast 60 Prozent der Befragten die Erfüllung der Kontrollfunktion der Medien als vierte Gewalt im Staat als kritisch.


‚Phänomen Owned Media‘
Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit als Folge der Fake-News-Debatte? Das sei nur ein Schlagwort, das sehr viele Erscheinungsformen der Falschinformation umfasse, meint Gerald Grünberger, VÖZ-Geschäftsführer gegenüber HORIZONT: „Manche davon sind sicher auch Fehlern im journalistischen Alltag geschuldet.“ Andere „Phänome“ wie Owned Media würden die Glaubwürdigkeit journalistischer Darstellungsformen ebenfalls in Mitleidenschaft ziehen. Allerdings seien eben diese Entwicklungen auch eine Chance für redaktionelle Medien, sich via Qualität davon abzuheben.


‚Heerscharen an Spin-Doktoren‘
Für Folker Hanusch, Universitätsprofessor und Journalismusforscher am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, ist die kritische Einschätzung der eigenen Kontrollfunktion, die aus der Umfrage hervorgeht, nicht verwunderlich. Immer mehr zeige sich, wie Politik und Wirtschaft versuchen, die Medien zu umgehen – ob durch eigene Kanäle oder den Versuch, Journalisten abzuwimmeln. Kritischer, investigativer Journalismus sei gefragter denn je. „Dafür müssen allerdings die Medienhäuser investieren, denn diese Funktion kostet Zeit und Geld – und Investigationen sind nicht immer erfolgreich.“ 


Weiterer Punkt in der Untersuchung: Mehr als die Hälfte der Journalisten verortet eine negative Veränderung im Verhältnis von Journalismus und Politik – obwohl die Beziehung seit jeher eine Gratwanderung bedeutet. „Abgesehen von den immer schon üblichen Interventions- und Beeinflussungsversuchen durch die Politik krankt es daran, dass die Waffengleichheit verloren gegangen ist“, erläutert Andreas Koller, Präsident des Presseclubs ­Concordia und stellvertretender Chefredakteur der ­Salzburger Nachrichten auf HORIZONT-Nachfrage. So habe die Politik in den vergangenen Jahren die Ausgaben und Ressourcen für die Öffentlichkeitsarbeit vervielfacht. „Fast jeder Spitzenpolitiker beschäftigt Heerscharen an Pressesprechern, Spin-Doktoren und Kommunikationschefs und dazu auch noch externe Agenturen für Krisen- und sonstige PR.“

Es krankt daran, dass die Waffengleichheit verloren gegangen ist.

Die Medien hingegen hätten ihr journalistisches Personal und Recherche-Ressourcen nicht im gleichen Ausmaß ausweiten können, „eher im Gegenteil“, so Koller. Daher brauche es viel Erfahrung und Beharrungsvermögen, um auf gleicher Augenhöhe mit den Politikern zu kommunizieren. Zusätzlich zum Zeitdruck und der Informationsflut sind es der Studie zufolge eben auch Fake News, die die Arbeitsbedingungen beeinträchtigen. So hat jeder Dritte Probleme, falsche Nachrichten als solche zu erkennen. Journalisten würden sich in einem extremen Spannungsfeld befinden, so E&P-Geschäftsführer Axel Zuschmann: „Sie müssen in kürzester Zeit aus vielen Informationen das Wichtigste herausfiltern, auf Echtheit prüfen, neue – im Idealfall exklusive – Fakten recherchieren und in der Regel für diverse Kanäle aufbereiten. Das wird zunehmend schwieriger.“


50 Prozent mit Gehalt zufrieden
Eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sieht Koller in Österreichs Redaktionen wiederum nicht. Wie auch beinahe die Hälfe der befragten Journalisten sieht er indes die journalistische Arbeit aufgrund der Kanal-Vielfalt in den meisten Medien als aufwendiger an. Wer früher ein reiner Printjournalist war, müsse heute auch den Online-Journalismus beherrschen, oft auch Radio- und TV-Journalismus. Der Job koste heute mehr Zeit, Mühe und Ressourcen.

Der österreichische Medienmarkt ist ­deutlich besser gestellt.

Dennoch: Innerhalb des deutschsprachigen Raums scheint Österreich ein wenig die Insel der Seligen zu sein. Bemerken in Deutschland beinahe 80 Prozent eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, sind es in der Schweiz sogar fast 90 Prozent. Hierzulande stufen rund 78 Prozent die Konditionen als eher oder deutlich schlechter ein. Für Grünberger ein nachvollziehbares Ergebnis, „weil der österreichische Medienmarkt, insbesondere die Printbranche, im Hinblick auf Reichweiten und Werbeeinnahmen deutlich bessergestellt ist als die genannten Nachbarländer“.

Mit der Bezahlung zeigen sich elf Prozent „sehr zufrieden“, 38 Prozent „eher zufrieden“. Zusammengenommen knapp die Hälfte der ­Journalisten ist für Grünberger kein schlechter Wert, „was mir angesichts der sehr guten Konditionen der einschlägigen Kollektivverträge für Journalisten durchaus plausibel erscheint“. Er ­unterstreicht eher die bereits angeführten Herausforderungen Zeitmangel, -druck und Informationsflut. Hierbei handle es sich um Phänomene, die aufgrund der digitalen Kommunikation Auswirkungen auf den Arbeitsalltag nicht nur im Journalismus hätten. „Eine bessere wirtschaftliche Absicherung vieler Medienbetriebe nimmt sicherlich auch den Kosten- und Effizienzdruck auf die Redaktionen.“


‚Vertrauen in Massenmedien‘
Auf Platz zwei aller negativen Veränderungen während der letzten Jahre landen aus Sicht der Journalisten Ansehen und Status ihrer Berufsgruppe in der Gesellschaft. „Doch der Statusverlust ist ja gar nicht so eindeutig belegt, wie jüngste Forschungen zeigen“, meint Hanusch. Vor allem Journalisten, die täglich mit Feedback aus dem Publikum konfrontiert sind, etwa über Soziale Medien, wo eher negativ diskutiert werde, könnten zu diesem Schluss kommen.

Statusverlust ist gar nicht so eindeutig belegt, wie Forschungen zeigen.


Tatsächlich zeigt die Studie, dass 64 Prozent die Leserkommentare in Foren oder Social Media zu ihren eigenen Beiträgen meistens oder (fast) immer verfolgen. Kommt es zu verbalen Übergriffen, versuchen 28 Prozent der Journalisten, es „mit Humor zu nehmen“. Ein Viertel lässt sich auf eine Diskussion ein. Das Ansehen der Journalisten selbst kann Hanusch zufolge noch gehoben ­werden. Wichtig sei, Transparenz bezüglich journalistischer Arbeit zu zeigen. Journalisten sehen es darüber hinaus als zunehmend schwieriger an, die unterschiedlichen journalistischen Funktionen zu erfüllen: 38 Prozent empfinden den Beitrag zur Meinungsbildung immer herausfordernder, rund ein Viertel die Information, 17 Prozent tun sich schwer, Partizipation zu ermöglichen, zwölf Prozent, Unterhaltung zu liefern.

Hanusch beschwichtigt beim Blick in die Zukunft: „Zum einen sind Journalisten von Natur aus kritisch und sehen vielleicht nicht immer die positiven Entwicklungen.“ Doch es gebe einige positive ­Ansätze für einen Journalismus, der mehr auf die Nöte und Wünsche des ­Publikums eingehe und den Dialog forciere. „Auch ist Österreich, zumindest im internationalen Vergleich, immer noch nicht ganz so extrem betroffen wie manch andere Länder, wo täglich Journalisten entlassen werden müssen.“ Auch würden Massenmedien hierzulande nach wie vor relativ großes Vertrauen genießen.


Auch Koller sieht – trotz aller ­Herausforderungen – noch Hoffnung für den heimischen Journalismus: „Selbstverständlich. Schon alleine aus dem Grund, dass recherchierender und klug kommentierender Journalismus immer wichtiger wird, um dem Infomüll etwas entgegenzusetzen, der über Social Media und sonstige Online-Kanäle über die sogenannten User hereinschwappt.“ Die Gatekeeper-Funktion des klassischen Journalismus sei heute wichtiger denn je.