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In Serie - das Megabusiness

© Goodpics / Adobe Stock

Disney+ ist nun gestartet und wird mit Film- und Fernsehinhalten aus den berühmten Disney-Welten die Streaming-Branche gehörig aufmischen, auch Apples Streamingangebot steigt gegen die Netflixes und Amazones dieser Welt in den Bewegtbildring. UPDATE wirft einen Blick auf die Filmindustrie und die Formate der Zukunft, analysiert den deutschsprachigen Markt, spricht mit den Machern und beantwortet die Frage aller Fragen: Was kommt eigentlich nach Game of Thrones?

Dieser Artikel erschien zuerst in UPDATE #3/2019, dem Digitalmagazin des HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken!

„Meine Bildung hab ich aus dem Fernsehen“: Wie die Serie zum Geschichtsbuch wird

Wladimir Putin soll richtig sauer gewesen sein. Die HBO-Serie "Chernobyl" schlug in Russland ein wie eine Bombe. Millionen Russen haben sie inzwischen gesehen. Freilich nicht im russischen Fernsehen, dort gilt sie als westliche Propaganda. Aber im (noch) freien Internet oder über den ukrainische Privatsender 1+1. Die Katastrophe von 1986 gehört zu jenen Ereignissen, die die offizielle russische Geschichtsschreibung gern ausblendet. Die Bevölkerung hat den folgenschweren Unfall und das Versagen der Behörden aber nicht vergessen. Akribisch wie ein Geschichtsbuch zeichnet die Serie ungewöhnlich nah am Geschehen die Ereignisse rund um den Ausbruch des sowjetischen Atomkraftwerks nach. Und das ganz ohne Hollywood-Klischee vom bösen Russen. Ein Grund für den unerwarteten Erfolg in Russland.

Dass eine US-Serie so ganz beiläufig in eine Lücke der russischen Geschichtsschreibung stößt und den Wissensdurst gerade vieler junger Menschen stillt, für Präsident Putin ein ernstzunehmender Vorfall. Während die Staatsmedien nach den minimalsten Fehlern suchen, um die Serie als oberflächlich und propagandistisch brandmarken zu können, hat der Kreml-treue Privatsender „NTV“ eine eigene Tschernobyl-Serie in Auftrag gegeben. Laut Drehbuch will ein CIA-Agent einen Sabotageakt auf das Atomkraftwerk verüben. Ein KGB-Ermittler aus Moskau soll die Katastrophe verhindern. „Chenobyl“, ein Erfolg nicht nur in Russland. Auf dem internationalen serienrelevanten Portal „IMDb“ wurde der Fünfteiler mit einem Sensationsranking von 9,7 von 10 möglichen Punkten zur „besten Serie der Welt“ gekürt. (Vor "Breaking Bad", "Planet Earth II", "Band of Brothers" und "Game of Thrones".)

Für Fernsehkritiker ein Beweis, dass sich in Serien echte Qualität durchsetzen kann. Mehr noch. Der zunehmende Einfluss des Videokonsums hat die Serie, gerade bei der jungen Generation, zum Ersatz des Geschichtsbuchs gemacht. „Die historische Serie hat Geschichtserzählung neu ermöglicht“, sagt Christoph Palmer, Chef der Produzentenallianz, die Produktionsfirmen im deutschsprachigen Raum vertritt. Man erlebe heute eine Verstärkung durch neue Vielfalt. Viele weitere Beispiele gibt es. „Durch Babylon Berlin sind inzwischen die 20er und 30er Jahre wieder präsent, wie es Bücher nicht schaffen würden“, so Palmer. Ku’damm 56, Adlon, Charité, Weißensee. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen befassen sich seit Längerem mit Orten, die Vorkriegs-, Nachkriegs- oder Wendezeit verständlich erklären. Spätestens seit Deutschland83 haben auch Private und Streamingdienste diesen „Auftrag“ angenommen. 

Das Interesse an Geschichtsverfilmung als Serie scheint ungebrochen. Dabei müssen nicht immer die ganz großen Epochen sein. 2017 wurde die schwedische Journalistin Kim Wall in einem selbstgebauten U-Boot von Peter Madsen, Erfinders des Schiffes, ermordet. Der Fall ging um die Welt und wandert demnächst als Serie zum Streamingdienst TVNOW (RTL Group). Trotz des Genres Unterhaltung sollen stets die Tatsachen im Vordergrund stehen. Vor allem, dass das Konzept in enger Absprache mit dem damaligen Ermittler und den Eltern von Kim Wall erarbeitet wurde, sei für RTL spannend gewesen, sagt Silke Regier, EVP International Acquisitions bei der Mediengruppe.

RTL und ProsiebenSat.1, die sich in den vergangenen Jahrzehnten bei Serien eher zurück gelehnt hatten und dem TV-Zuschauer allzu gern preiswert eingekaufte, zweitklassige US-Ware vorsetzten, ziehen inzwischen mit Eigenproduktionen kräftig nach. Nicht ganz freiwillig, da die Zuschauer in Massen neue Serien bei Streamingdiensten entdeckt haben. Mit Modellen wie „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ (RTL/TVNOW) oder „jerks“ (ProSiebenSat.1/Joyn), die sich als erfolgreich erwiesen, haben die Gruppen umgeschwenkt. Laut ProSiebenSat.1 investiere man „in so manchen ´heißen Scheiß´”, sagt COO Katja Hofem. Aktuell laufen Dreharbeiten zu zwei neuen Joyn Originals. Joyn ist die Streamingapp des Senders. “Tagebuch eines Uber Fahrers” soll eine herzerwärmende Dramedy mit einem neuen Blick auf das alltägliche Leben werden. “MaPa”, so der Name einer neuen Serie über einen alleinerziehenden Vater. „Es sind noch einige Stoffe in der Entwicklung, wichtig aber ist bei allen: es müssen Emotionen bedient werden und Geschichten auf eine neue Art und Weise erzählt werden“, so Hofem.

Joyn beansprucht für sich, im Bereich Serie „das“ Zuhause für lokale Inhalte zu sein. Mit der dritten Staffel “jerks.”, sowie “Frau Jordan stellt gleich” und “Check Check” habe man zeigen können, wie vielfältig und attraktiv deutsche Formate sein können. Für 2020 sind beispielsweise zwölf neue Originals in Planung. Was sie nicht erwähnt, sind umfassende Förderungen, die europäische Produzenten von Filmförderanstalten erhalten. 300.000 Euro allein für die Serie MaPa gibt’s vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Ohne Förderungen scheinen auch regionale Top-Inhalte nicht zu laufen. Bei RTL, wo ein Schwerpunkt der Orignals bisher auf Reality Shows lag, werden künftig mehr fiktionale Serien zu finden sein. Man befinde sich in diesem Bereich in einer fortgeschrittenen Planungsphase, heißt es aus Köln. Langfristig sollen die fiktionalen Originals ein wichtiges Standbein für TVNOW sein, so Henning Tewes, COO Programme Affairs & Multichannel bei RTL.  

Auch die Öffentlich-Rechtlichen wollen nicht zuschauen, wie der Serienkonsum online ohne sie wächst. Die ARD-Gremien verabschiedeten auf ihrer Sitzung im September eine Vorlage, wonach Budgets ihrer Film-Tochter DEGETO erstmals auch für exklusive Mediatheken-Serien genutzt werden können. Und auch der ORF will ganz vorn mitspielen. „Das Publikum erwartet sich zu Recht ein Niveau, das vergleichbar ist mit anderen Produkten, sprich Kino- und TV-Filmen. Diese Qualität wird sich immer durchsetzen“, meint ORF-Programmchefin Kathrin Zechner. Dafür geht der ORF neue Partnerschaften ein, nicht nur innerhalb der öffentlich-rechtlichen Familie, wie im Fall der Serie „Liebermann“, die zusammen mit der BBC auf die Beine gestellt wurde. Für eine neue Serie über Sigmund Freud ging man sogar einen Pakt mit dem Teufel ein, wie manche in der Branche Kooperationen mit Netflix nennen. Ein Novum auch für den ORF. Man sammle Erfahrungen, heißt es dazu. „Freud“ startet im Frühjahr 2020 auf ORF1. Und das ist der Anstalt besonders wichtig, als Erstausstrahlung. Vor Netflix. Netflix sorgt dafür, dass die Produktion zur am weitesten verbreiteten TV-Serie Österreichs wird, synchronisiert in einem Dutzend Sprachen und 30 Untertitel-Sprachen. Win, win.

Alle Sender und Streamingdienste legen inzwischen großen Wert auf Qualität in einem nie dagewesenen Ausmaß. „Viele deutsche Serien haben in den letzten Jahren geboomt, der Qualitätsmarkt hat sich erheblich entwickelt. Die Produzenten stellen sich auf den Serienboom ein, sie haben dafür Kapazitäten geschaffen“, sagt Palmer von der Produzentenallianz. Was dem Nutzer weitgehend verborgen bleibt, sind die zunehmenden Schwierigkeiten, die das mit sich bringt. Alle Marktteilnehmer klagen inzwischen über einen enormen Fachkräftemangel, der ein Grund für die Kooperationen sei. Der Talentpool sei ein klar limitierender Faktor, so Palmer. „Wir brauchen heute andere Erzähler, andere Erzählsprachen und andere Bücher, um Serien spannend aufzubereiten. Hier beobachten wir eine Verknappung von Experten. Wir kommen oft in einen leergekauften Markt.“ Die UFA behilft sich inzwischen mit einer eigenen Hochschule als Ausbildungsstätte, Constantin Film hat ein duales Studium zusammen mit der Bayerischen Landesregierung auf den Weg gebracht. Und der ORF betont seinen Wert als Talente-Drehscheibe.

Darüber hinaus stehen die Serienproduzenten vor immer neuen Herausforderungen. So hat das Binge Watching -Serienglotzen am Stück-, Sender, Plattformen und Produzenten vor Veränderungen gestellt. Mehrere Folgen, die über ein ganzes Jahr mit viel Aufwand und teuer produziert wurden, atmet so mancher Hardcore Fan an einem Abend weg. Damit geht für den Anbieter ein wesentlicher Vorteil der Serie, für den sie mal geschaffen wurde, flöten: die Zuschauerbindung. Die Streamingdienste reagieren darauf und haben begonnen, nicht mehr ganze Staffeln ins Netz zu stellen, sondern einzelne Folgen pro Wochen. Ganz wie früher im klassischen Fernsehen. Ein deutliches Signal, dass die Unternehmen mit dem Serienkonsum im Zeitraffer überfordert sind. Und für den Nutzer sei Binge Watching schließlich auch nicht gut. Binge Watching sei wie zehn Flaschen Champagner auf einmal zu trinken nur ohne Kater, meint Katharina Behrends von NBC Universal. „Das ist ein relativ neuer Trend, damit nicht sofort nach einem Monat wieder gekündigt wird. Und das ist auch gut so, da diese Serien oft so extrem teuer in der Produktion sind“, so Behrends. Ihre Pay-TV-Plattform begrüßt die neue häppchenweise Portionierung. Das werde den Wert der Serie weiter steigern. „Der Zuschauer bleibt seiner Show treu, freut sich darauf, bis die nächste Folge kommt.“

[Story von Danilo Höpfner]

UPDATE hat außerdem recherchiert, wer eigentlich produziert, was wir sehen werden, wie sich die Serienlänge verändert und was eigentlich 8K ist. 

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